Liebe & Triebe
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Die erste Beziehung

Wir streiten.

Zumindest denke ich, dass das hier gerade streiten ist. Vielleicht auch nur eine Auseinandersetzung, eine Meinungsverschiedenheit, ein Gespräch mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen.

Was auch immer es ist, es macht was mit mir. Es macht, dass ich mich anders dir gegenüber fühle. Da ist die Angst dich zu verlieren. Selbst wenn es nur eine banale Diskussion darüber ist, dass einer von uns sich nicht gemeldet hat. Diese Angst ist immer da, wenn auch nur im Hintergrund.

Aber da ist auch dieses Zusammenspiel von Distanz und Nähe. Obwohl wir gerade verschiedene Richtungen mit unseren Meinungen gehen, können wir die Wege des Anderen noch sehen und wissen, er ist da. Wir sind nicht alleine. Und am Ende kreuzen sich die Wege wieder. Das wissen wir auch. Sie kreuzen sich, wir laufen wieder zusammen, weil wir es so wollen. Wir wollen einen gemeinsamen Weg finden.

Du sagst, dass du mich liebst.

Immer und immer wieder. Und ich habe aufgehört, es dir so oft zu sagen. Nicht, weil ich es nicht mehr fühle, im Gegenteil: Ich fühle es so sehr, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, meine Liebe in dieser Hülle der drei Worte ausdrücken zu müssen. Aber das heißt nicht, dass ich von dir das gleiche erwarte. Denn ich habe gelernt, dass wir alle unsere Liebe auf unterschiedliche Arten ausdrücken und zeigen. Und das ist gut so. Es braucht nur ein bisschen, um das zu verstehen.

Ich habe Angst.

Vor der Zukunft, Veränderungen und gescheiterten Plänen.

Wir wachsen zusammen.

Als Paar, als Freunde und als Menschen. Das ist nicht immer einfach und besonders am Anfang ungewohnt. Wer genau bist du? Und wer bin ich? Und wie passen wir zusammen?

Wir lernen uns kennen, auch wenn wir uns schon kennen. Wir wachsen gemeinsam einzeln und gleichzeitig zusammen. Wir entwickeln uns. Jeder für sich und dadurch gemeinsam als Paar.

Das alles passiert auf so einem natürlichen Weg, dass es manchmal nur rückblickend auffällt. Was nicht immer einfach ist, weil wir teilweise drüber reden wollen. Aber es ist auch schön zu wissen, dass es von alleine passiert und die Dinge in Bewegung sind. Dass alles weitergeht.

Du bist anders.

Anders als ich gedacht hätte, dass du sein würdest. Und trotzdem bist du gleichzeitig irgendwie genau das, was ich mir vorgestellt habe.

Ich kannte dich noch nicht, da hatte ich schon Vorstellungen von dir. Der, mit dem ich zusammen sein würde. Irgendwann mal, hoffentlich.

Und jetzt bist du da und du liest keine Gedichte. Zumindest nicht aus eigenem Interesse. Und das ist okay. Mehr als okay. Vielleicht sogar gut, denn dann sind wir uns nicht zu ähnlich. Denn nur weil ich denke, dass etwas gut für mich ist, muss das noch lange nicht stimmen.

Ich brauche Zeit.

Manchmal nur ein paar Minuten, manchmal aber auch zwei Tage. Ich muss nachdenken, muss Sachen wirken lassen und vor allem in Ruhe drüber reden. Ich bin geduldig mit mir selbst geworden, was ich mir vorher nie erlaubt habe. Aber jetzt weiß ich auch, dass es wichtig ist, sich Zeit für sich zu nehmen. Denn jetzt bin da nicht nur ich, jetzt bist da auch du.

Und ich lerne.

So. Verdammt. Viel.

Ich lerne, wie du deine Prioritäten setzt. Und dadurch, wie sie sich von meinen unterscheiden. Oder auch nicht. Ich lerne, dass eine Liebesbeziehung ganz anders ist als eine Freundschaft. Aber dass es doch ziemlich viele Parallelen gibt, auf denen man aufbauen kann. Jetzt weiß ich auch, dass jede Beziehung anders ist und es deshalb totaler Schwachsinn ist, die eigene Beziehung mit anderen zu vergleichen. Ich verfluche die Medien, für ihre meist so eintönige Darstellung von Liebe und Partnerschaft. Und gleichzeitig verfluche ich mich für meine Naivität, das alles nie ernsthaft hinterfragt zu haben. Liebe ist fast nie wie in amerikanischen Rom-Coms. Liebe ist divers, individuell, harte Arbeit und lässt sich nicht in 90 Minuten Laufzeit darstellen. Das hätte ich gerne früher gewusst.

Außerdem lerne ich, zu vertrauen. Was mir am Anfang gar nicht leicht fiel. Weder dir zu vertrauen, noch mir. Auch dir zu glauben, dass du mich liebst, fiel mir schwer. Ich bin froh, dass ich das jetzt weiß. Und ich habe gelernt, dass es so unglaublich schön sein kann, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Schön und gleichzeitig beängstigend. Denn natürlich siehst du alles von mir. Nicht nur physisch, auch psychisch. Das ist nicht immer leicht, wenn ich selbst nicht so richtig weiß, was da gerade in mir passiert. Oder wenn ich selbst nichts von mir sehen will.

Aber ich weiß, du gibst mir die Zeit, die ich brauche.

Denn ich habe gelernt, dass ich mit dir zusammen alles schaffen kann. Aber dafür muss ich auch mit mir selbst im Reinen sein. Ich muss mich mit mir beschäftigen, nicht auf eine egoistische Weise, sondern so, dass ich zufrieden mit mir bin um zufrieden mit dir zu sein.

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Der Text wurde anonym eingereicht.


Die Analogfotos sind von Jule. Sie ist 21 Jahre alt und lebt in Hamburg. Sie studiert bildene Künste. Lebt für  Begegnungen aller Art  und neben Fotografie interessiert sie sich für Druckgrafik und anderes Handwerk.

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