Körper & Bewusstsein
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Warum ich meine Haare gespendet habe

Hilflosigkeit. Das Wort beschreibt, glaube ich, am besten, wie ich mich in den letzten Wochen gefühlt habe, mit allem was auf der Welt gerade passiert. Das Gefühl, nichts tun zu können und nichts zu bewirken. Natürlich trage ich auch meine Maske, halte Abstand, setze mich mit Rassismus auseinander, achte auf meine eigene Sprache und weise auch andere auf ihre hin. Aber irgendwie fühlte sich alles zu passiv an, ich wollte lieber aktiver werden. Leider gibt es in meiner Kleinstadt und auch in den Städten in meiner näheren Umgebung keine Demonstrationen und nur Posts auf Instagram zu teilen, erscheint mir nicht immer zielführend.

Auch das Thema Nachhaltigkeit schied im Moment aus, da ich meinen Alltag schon sehr umgestellt habe und ich dort gerade nichts mehr verändern kann. Andere Dinge, wie zum Beispiel unverpackt einkaufen gehen, fallen dank Home Office in besagter Kleinstadt momentan auch aus.

Zack die Idee: Ich spende meine Haare. Eine Idee, über die ich schon öfters nachgedacht habe, allerdings immer mit den Worten „irgendwann mal“. Aber jetzt hatte ich endlich mal wieder einen Friseurtermin und meine Haare dank Corona Überlänge. Und ich dachte mir, selbst wenn mir kurze Haare nicht stehen, sieht es momentan ja eh keiner.

Trotzdem zögerte und zweifelte ich noch. Warum? Es sind doch nur Haare. Aber es sind eben nicht nur Haare. Meine langen Haare waren fast so etwas wie mein Markenzeichen. Etwas, über das ich mich identifiziert habe. Was für andere Frauen vielleicht ihre Brüste oder ihr Po ist, waren für mich eben meine Haare. Diese langen, gesunden, blonden Haare, die sonst keiner aus meiner Familie hat. Meine Haare gehören zu den Dingen, die ich an mir mag, von denen es gefühlt immer zu wenig gibt.

Aber es sind eben nicht nur für mich Haare. Auch andere fühlen sich durch sie vielleicht mehr als Frau oder Mädchen und können das im Moment nicht. Haare können ein Stück Normalität, ein Stück Lebensqualität, ein Stück Selbstsicherheit, ein Stück „nicht angestarrt werden“ sein. Meine Patentante ist letztes Jahr an Krebs gestorben und auch ihr hat die Echthaarperücke in den Monaten vor ihrem Tod ein Stück Lebensqualität zurückgeben. Und würde sich jeder so anstellen mit seinen Haaren, wie ich das bisher getan habe, hätte sie das nicht haben können.

Also habe ich 20cm meiner Haare abschneiden lassen und gespendet, weil es eben nicht nur Haare sind und ich in diesen Zeiten der Hilflosigkeit etwas bewirken wollte. Ich hoffe, dass meine Haare ein krankes Kind genauso glücklich machen werden, wie sie mich die letzten Jahre glücklich gemacht haben. Und Überraschung: ich mag meine kurzen Haare!

Hier gibt’s mehr Info’s rund um das Thema Haarspende!

Anna-Sophie kommt aus dem schönen Sauerland und ist eine Optimistin, deren Welt bunt und leuchtend ist. Sie ist neugierig und ihre Eltern wollten sie schon als kleines Kind zum Geschichtenerzählen auf den Marktplatz setzen. Als Journalistin ist sie in den Kinder- und Jugendmedien deshalb genau richtig.

Illustrationen von Linda. Sie studiert Kommunikationsdesign in Bayern und liebt gute Gestaltung. Sie gibt definitiv zu viel Geld für Schreibwaren und Zimmerpflanzen aus und verbringt oft Stunden mit dem Sortieren ihrer Spotify-Playlisten.

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