Hier & Jetzt
Schreibe einen Kommentar

Von Feminismus und Straßenkreuzungen #Alltagsaktivismus


Ob es einen richtigen Feminismus gibt? Schwer zu sagen. Wer einmal anfängt, sich mit feministischen Themen zu beschäftigen, merkt ziemlich schnell, wie unterschiedlich die vertretenen Positionen und Meinungen dort sein können. Einen falschen Feminismus hingegen gibt es auf jeden Fall. Ein Feminismus zum Beispiel der (kopftuchtragende) Muslim*innen, Sexarbeiter*innen, BIPoc, Behinderte, Mehrgewichtige, Trans- und Intermenschen, Nichtbinäre, Geflüchtete, Asexuelle, Alte, Arme, Homosexuelle und ihre spezifischen Diskriminierungserfahrungen ausschließt. Ein Feminismus also, der nur für hippe, reiche, gesunde, gebildete, weiße cis-Frauen gedacht ist. Diesen Ausschluss-Feminismus zu verhindern, versucht das Konzept der Intersektionalität.

Intersektionali…häää??

Den Ursprung des zugegeben sperrigen Begriffs, der erst später von der Juristin Kimberlé Crenshaw in die theoretische Debatte eingeführt wurde, findet sich in den USA der 1960er Jahren. In der damaligen feministischen Bewegung warfen schwarze Feminist*innen der Bewegung vor, dass sie sich nur mit den Interessen der weißen Mittelschichtsfrauen* befassen würden. Sobald die weißen Frauen* sich Gehör verschafft hatten, setzten sich diese nur für ihre eigenen Themen ein und ignorierten die Belange ihrer schwarzen Schwestern. Doch die Verschränkung von Rassismus und Sexismus hat noch viel tiefere Wurzeln. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts fragten die schwarze Frauenrechtskämpferin und ehemalige Sklavin Sojourner Truth: „Ain’t I a Woman?“ Sie wollte darauf aufmerksam machen, dass schwarze Frauen* in feministischen Räumen rassistische und klassistische Erfahrungen machen mussten und sich in der schwarzen Community wiederum mit Sexismus konfrontiert sahen.

Was Truth mit ihrer Frage vor mehr als 150 Jahren ausdrückte war, dass schwarze Frauen* Diskriminierungserfahrungen machen, die sich nicht mit denen von weißen Frauen*, ebenso wenig aber auch mit denen von schwarzen Männern* decken lassen. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Diskriminierungsformen ist heute nicht weniger aktuell als damals. Die unterschiedlichen Diskriminierungen einer Person zu begreifen und anzuerkennen, ist die Idee der Intersektionalität.

Der intersektionale Ansatz

Als soziologischer Ansatz begreift die Intersektionalität die Identität einer Person als die Zusammensetzung vieler unterschiedlicher gesellschaftlicher Konstruktionen und Kategorien. Wie zum Beispiel dem Geschlecht, der Hautfarbe, der Sexualität etc. Das Zusammenspiel aller Merkmale einer Person ergibt gemeinsam ihre intersektionale Identität. Die individuellen Kategorien und die damit einhergehenden Benachteiligungen, Unterdrückungen und Diskriminierungen sollen über den spezifisch intersektionalen Blick wahrgenommen werden. Wichtig ist hierbei der Grundsatz, dass unterschiedliche Diskriminierungen nicht einfach parallel auftreten und sich gegenseitig nicht beeinflussen. Also dass eine Person gewissermaßen einfach Homophobie + Sexismus erlebt. Stattdessen ergibt sich aus dieser Überschneidung eine ganz eigene, intersektionale Diskriminierungserfahrung.

Die Straßenkreuzung der Diskriminierungen

Die Wortschöpferin Crenshaw benutzt zur bildlichen Darstellung ihres durchaus komplexen Konzepts das Bild einer Straßenkreuzung. Sozusagen einer Straßenkreuzung der Diskriminierungen.  

„Nehmen wir als Beispiel eine Straßenkreuzung, an der der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt. Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehrere Richtungen verlaufen. Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Verkehr aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal gar von Verkehr aus allen Richtungen gleichzeitig.“

(Kimberlé Crenshaw,
übernommen vom Gunda Werner Institut)

Konkret heißt das also, dass eine schwarze Transfrau mit Migrationshintergrund komplett andere Sexismuserfahrungen machen wird, als eine gesunde, weiße cis-Frau mit höchsten Bildungsabschlüssen aus der deutschen Mittelschicht. Die schwarze Transfrau steht mitten auf der Straßenkreuzung und hat sie einen Unfall, dann kann ihre Verletzung sowohl aus der Richtung „Sexismus“, „Rassismus“ wie auch aus der Abbiegung „Transphobie“ verursacht werden. Oder eben aus allen drei gleichzeitig, sodass man gar nicht mehr weiß, wer letztendlich an ihrem Beinbruch alles beteiligt war. Je weiter in der Mitte „der Straßenkreuzung der Diskriminierung“ man stehen muss, desto wahrscheinlicher wird es einen Unfall zu haben. Einen Unfall bei dem der Verursachende aufgrund der sich überschneidenden und kreuzenden Straßen nicht so einfach erkennbar ist. Die weiße Frau hingegen, steht vielleicht auf dem Zebrastreifen der Sexismus-Straße und kann hoffen, dass die heranbrausenden Autos noch vor ihr anhalten werden. Vielleicht werden sie sie anhupen oder ihr hinterherpfeifen. Sollte sie aber angefahren werden, dann kann sie hoffentlich zumindest noch den Schuldigen identifizieren.

Feministische Verkehrsregeln

Für den Feminismus bedeutet dies, dass die Kritik an der „reinen Sexismuserfahrung“ als Frau* nicht ausreichend ist und es auch nie wahr. Unterschiedliche Frauen* stehen auf unterschiedlichen Positionen auf der Straßenkreuzung verteilt und machen unterschiedliche Risikoerfahrungen der Diskriminierung durch. Der intersektionale Ansatz macht darauf aufmerksam, dass die Kategorie “Frau*” alleine nicht dazu in der Lage ist, die komplexen gesellschaftlichen Machtstrukturen und die daraus resultierenden Ungleichheiten, zu begreifen. Und sind wir ehrlich, die Abschaffung sexistischer, patriarchaler Strukturen wird nicht automatisch zur Überwindung anderer Unterdrückungsverhältnisse und “Ismen” führen. Ein, vielleicht nicht perfekter, aber trotzdem reflektierter Feminismus muss sich gegen jeden Art der Diskriminierung und Unterdrückung stellen. Er wird geradezu zwangsläufig intersektional.

Ein Aufruf an alle Feminist*innen

Intersektionalität ist also auch der Aufruf an alle Feminist*innen, sich und die eigene Positionen auf der Straßenkreuzung zu hinterfragen. Eine Art Handlungsanweisung: Check your privileges! Feministisch zu sein heißt dann auch den eigenen Rassismus zu hinterfragen, seine Privilegien zu kennen, sich kritisch mit dem eigenen Weiß-Sein, Heterosexualität etc. auseinanderzusetzen und Platz und Raum an andere abzugeben. Nur über die Anerkennung von Mehrfachdiskriminierungen können patriarchale, kapitalistische, koloniale und rassistische Machtstrukturen in ihrer Wurzel bekämpft werden.

** In diesem Artikel verwende ich den Begriff Frauen*. Das Sternchen soll dabei deutlich machen, dass ich mich nicht nur auf cis-Gender Frauen beziehe, sondern alle Personen, die sich als Frau definieren und auch diejenigen, die sich nicht im binären Geschlechtssystem wiederfinden können. Gleichzeitig möchte ich damit auf den Konstruktionscharakter von „Geschlechtern“ aufmerksam machen.

Beitragsbild von Irma.

Lisa ist 22 Jahre alt, Studentin und Dies-und-Das-Macherin. Am liebsten liest sie aber und verbringt Zeit mit ihren Freund*innen. Für die Zukunft wünscht sie sich weniger Wegschauen, dafür mehr Selbst-in-die-Hand-nehmen und träumt von einer solidarischen Gesellschaft. Auf TIERINDIR schreibt sie alle zwei Monate die Kolumne „Alltagsaktivismus“, in der sie auf verschiedene gesellschaftliche Themen und politische Bewegungen aufmerksam macht und dabei Anregungen für eigenes politisches Engagement geben möchte.

Irma studiert in Berlin “etwas mit Kommunikation” und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Sie liebt es auf Demos zu fotografieren, sich in Büchern zu verlieren und im Sommer durch die Stadt zu tanzen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.