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Wir sind es (nicht) wert! #wir

Alle Menschen sind gleich. Alle Menschen in diesem Land sind gleich.

Dieser Gedanke ist vermutlich in den Köpfen vieler Menschen. Zugegeben, es ist ein sehr schöner Gedanke. Jedoch fällt in der Auseinandersetzung mit diesem Thema schnell auf, dass dies nicht der Wahrheit entspricht.

Die (Un)gleichheit der Menschen

Sollten alle Menschen gleich sein? Ja! Werden alle Menschen in diesem Land gleich behandelt? Nein!

Also, noch einmal:

Alle Menschen sind gleich. Alle Menschen in diesem Land sind gleich. Richtig? Falsch!

Recht schnell stößt man auf einen Widerspruch, sieht man sich auf der einen Seite die Inhalte des Grundgesetzes an und auf der anderen Seite reicht ein – für mich persönlich und für viele andere Menschen auch – kurzer Blick auf die Gesellschaft, in der wir leben.

Was ist das für ein Widerspruch, welche Unterschiede sind erkennbar, wenn Grundgesetz und Realität oder das wahre Leben miteinander verglichen werden?

Grundgesetz, sag’ mir, wie stehst du dazu?

Hierfür sollten wir zunächst einmal einen Blick ins Grundgesetz werfen. Wir haben hier dessen ersten Artikel. Den Artikel, den die meisten von euch kennen werden. Er ist ziemlich bekannt und ein oft zitierter Abschnitt.

Artikel 1 (1)

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

https://www.bundestag.de/gg

Was heißt das nun? Dass keinem Menschen Schaden zugefügt werden darf. Dass die Würde des Menschen ein schützenswertes Gut ist und dass der Staat dafür Sorge zu tragen hat, dass dies auch so bleibt.

Artikel 2 (2)

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

https://www.bundestag.de/gg

Das Recht auf Leben. Ist es hier für alle gegeben? Das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Noch einmal die Frage: Für wen, für welche Menschengruppen hat dies Geltung?

Artikel 3 (1)

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

https://www.bundestag.de/gg

ALLE MENSCHEN!

Lasst euch das auf der Zunge zergehen. Hier ist nicht die Rede von “deutschen” Menschen. Hier ist nicht die Rede von Menschen, die im Besitz der deutschen Staatsbürger*innenschaft sind. Hier ist nicht die Rede von Menschen, die eine “besondere” Funktion in diesem Land einnehmen. Hier ist die Rede von ALLEN Menschen.

Also, kann daraus geschlossen werden, dass sich das Grundgesetz ganz klar zur Gleichheit der Menschen verhält. Keiner ist dem anderen unter- oder übergeordnet. Wenn dem so ist, dann könnt ihr mir sicherlich nicht widersprechen, wenn ich folgende Sätze schreibe und ich sie in ihrer Vollkommenheit auch so meine:

Alle Menschen in diesem Land haben die gleichen Chancen. Sie werden gleichermaßen vom Staat geschützt. Sie können sich problemlos frei in allen Städten und Räumen Deutschlands bewegen. Sie sind alle gleichberechtigt und werden demnach gleichermaßen gefördert. Sie können sich frei entfalten. Und sie sind alle gleich viel wert.

Das hört sich doch schön an, nicht wahr? Aber würdet ihr mir wirklich zustimmen, dass all das, dass all diese Sätze, dass der Inhalt des Grundgesetzes eins zu eins die Realität, in der wir leben widerspiegelt? Hier sage ich, klar und deutlich, NEIN.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

In diesem Land sind nicht alle Menschen gleich. In diesem Land wird mit zweierlei Maß gemessen. In diesem Land werden Unterschiede gemacht, in der Behandlung und in der Wahrnehmung von bestimmten Menschengruppen. Selbst die staatliche Gewalt macht Unterschiede, wenn es darum geht, welche Menschen sie für schützenswert hält und welche nicht. Welche Menschen sie ernstnehmen muss und welche nicht. Welche Forderungen ernstgenommen werden müssen und welche nicht.

Ich mache das mal an einem Beispielt fest.

Hanau #saytheirnames

Am 19. Februar 2020 wurden neun migrantisierte und kriminalisierte Menschen von einem Rechtsextremisten in Hanau ermordet. Sechs Monate später, am 22. August 2020, sollte in Hanau eine Großdemonstration und eine Gedenkveranstaltung zu Ehren von Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Fatih Saracoğlu, Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun und Gökhan Gültekin stattfinden.

Die “Initiative 19. Februar Hanau” hat zu dieser Demonstration aufgerufen und mobilisiert. Menschen aus über 30 Städten wollten an dieser Demonstration in Hanau teilnehmen, um ihre Solidarität zu bekunden und um konkrete Forderungen an die politischen Verantwortlichen zu stellen, die unter anderem seitens der Familienangehörigen formuliert wurden.

Am Abend des 21. Augusts wurde die Demonstration mit der Begründung steigender Infektionszahlen abgesagt. Der Oberbürgermeister der Stadt Hanau, Claus Kaminsky hat der Initiative diese Entscheidung am Freitag, dem 21. August mitgeteilt. Dabei haben die Organisator*innen in den Wochen zuvor zusammen mit der Stadt und dem Ordnungsamt ein Hygienekonzept entwickelt. Sie haben sich also wochenlang intensiv auf diese Demonstration vorbereitet, sodass sie in der Lage gewesen wären, alle Hygiene- und Schutzmaßnahmen einzuhalten. Die Bekanntmachung der Absage an einem Freitag hat es den Organisator*innen unmöglich gemacht, rechtlich dagegen vorzugehen.

Kein Vergessen

Wenn ihr euch jetzt fragt, ob die Gedenkveranstaltung dennoch stattgefunden hat, dann kann ich euch mitteilen. Ja! Jedoch unter Rücksichtnahme der neuen Konditionen, sodass die Demonstration im kleinen Rahmen stattfinden musste. Teilgenommen haben Familienangehörige, engste Freund*innen und ungefähr weitere 250 Menschen, die es sich nicht haben nehmen lassen, ihre Solidarität vor Ort zu bekunden.

Stellt euch das nur mal vor.

Wir haben hier Menschen, die ihrer Trauer Ausdruck verleihen wollten. Wir haben hier Familienangehörige, Freund*innen und Überlebende, die der Menschen gedenken wollten, die vor einem halben Jahr auf grausame Weise ermordet wurden. Wir haben hier Menschen, die sich mit den neun ermordeten Menschen identifizieren können, da es auch sie hätte treffen können. Und wir haben hier Menschen, die sich solidarisch zeigen wollten und die bereit waren und sind, für eine Welt einzustehen und zu kämpfen, in der solch eine Tat undenkbar ist.

Im Rahmen der Demonstration sollten ebenso politische Forderungen transportiert werden. Es ist doch das Mindeste, dass Aufarbeitung, Aufklärung und ein angemessenes Erinnern stattfindet. Damit Hanau nicht vergessen wird. Damit die Namen der ermordeten Menschen nicht in Vergessenheit geraten und damit ein zweites Hanau verhindert werden kann.

Kommen wir nun zu letzter Woche. Erinnert ihr euch an das letzte Wochenende?

Berlin, Berlin

Ich verzichte hier bewusst auf eine detaillierte Zusammenfassung dessen, was am 29. August in Berlin stattgefunden hat und stattfinden durfte. In den sozialen Medien sind etliche Bilder, Videos und Kommentare zu finden. Viele davon sind kaum zu ertragen. Macht euch am besten selbst ein Bild davon.

Was ist passiert?

Nach langem Hin und Her wurde der Demonstration in Berlin stattgegeben. Ich denke, wir alle wissen, was für Menschen zu dieser Demo aufgerufen haben und was für Menschen dem Aufruf gefolgt sind. Die Mehrheit der Teilnehmenden bestand sicherlich nicht aus Rechtsextremist*innen. Dennoch haben sie Seite an Seite mit eben solchen Menschen demonstriert und sich nicht klar von ihnen abgegrenzt. Wie hätte eine Abgrenzung stattfinden können, wenn sie doch vor Ort waren und durch ihre Teilnahme Menschen in Gefahr gebracht haben? Hier ist nicht nur der Verzicht auf die Einhaltung der Schutzmaßnahmen gemeint.

In meinen Augen besteht genau darin die Gefahr. Was machen wir, wenn Menschen mit Rassist*innen , Rechtsextremist*innen und Verschwörungsanhänger*innen paktieren? Was ist das für ein Land, in dem Rechtsextremist*innen stolz und ungehindert durch Berlin marschieren, während BiPoC aus Angst nicht ihre Wohnungen verlassen? Aus Angst um ihre Kinder, aus Angst um ihre Freund*innen und aus Angst um ihre Familienangehörigen. Wenn Nachrichten versendet werden, um vor dieser Demo und den Teilnehmenden zu warnen? Sie sollen doch bitte Acht auf sich geben und wenn möglich diese Orte meiden. Das kann und will ich nicht akzeptieren und das solltet ihr auch nicht!

Wir sind es wert!

Und jetzt frage ich dich:

Ist dieses Land das Land, in dem du gerne leben möchtest? Haben Menschen, die migrantisiert und kriminalisiert werden nicht das Recht auf ein freies Leben? Haben sie nicht das Recht auf ein wertvolles Leben? Oder sind sie es vielleicht nicht wert?

Der Wert eines Menschen. Woran wird er gemessen? Und sollte es etwas sein, was gemessen werden kann? Natürlich nicht. Der Mensch ist wertvoll, weil er ist. Bedingungslos. Sie müssen anderen nichts beweisen, keine Höchstleistungen erbringen, keine Wunder bewirken. Sie sind es wert ernstgenommen, beschützt zu werden. In Sicherheit zu leben. Es gibt keine Kriterien, die erfüllt werden müssen, um den Status “wertvoll” zu erlangen. Menschen sind wertvoll, ohne Wenn und Aber.

Kannst du nachts deine Augen schließen und in Ruhe schlafen, wenn du doch weißt, dass es anderen Menschen in diesem Land an Rechten fehlt, die du tagtäglich ohne auch nur daran denken zu müssen, genießt? Kannst du friedlich schlafen?

Viele von uns können es nicht.

Die Kolumne “Wir” ist im Großen und Ganzen als Plädoyer für das Miteinander zu verstehen. Sie stellt sich dem Nebeneinander entgegen und betont die Notwendigkeit des Zusammenhalts. “Wir” leben zusammen in diesem Land und begegnen einander meist nur oberflächlich. Diese Kolumne soll durch die Behandlung von politischen, gesellschaftsrelevanten und identitätsstiftenden Themen dazu motivieren in den Austausch miteinander zu treten. Parallel dazu wird sie Lebensrealitäten von Menschen abbilden, die migranitisiert und kriminalisiert werden.
Für das Miteinander!

Melis verliert sich tagtäglich in ihren Gedanken und verbringt nicht selten Stunden damit Antworten zu finden, die sie weiterbringen. Musik spielt eine essentielle Rolle in ihrem Leben, denn sie eröffnet ihr neue Welten, in denen sie oftmals auf tänzerische Art und Weise Zuflucht sucht und findet.
Die Auseinandersetzung mit politischen Themen hat in den vergangen Jahren einen hohen Stellenwert in ihrem Leben eingenommen, denn sie hat aufgrund ihrer Biografie früh erkannt, dass politische Verantwortung mehr als ernst genommen werden sollte.

Die Gestaltung ist von Luka.

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