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Warum ich nicht immer jeden educaten will

“War das etwa sexistisch”, fragt mich der besorgt aussehende Späti-Mann. Seitdem er mitbekommen hat, dass wir feministisch unterwegs sind, ist das sein Hauptgesprächsthema. Und so kann es passieren, dass wir an unserem Stamm-Späti sitzend, in ein Gespräch verwickelt werden – über Gott, die Welt, Bier, aber eben auch Feminismus. Es sind nette Gespräche, er erzählt viel aus seiner Erfahrung, fragt nach, was noch erlaubt sei und was nicht und ist generell sehr interessiert an der Materie. 

Meine Freund*innen schätzen sein Interesse an dem Thema sehr und meinen, dass es doch gut wäre, dass er so interessiert sei und sie ihn weiter belehren können, über ihren Blick auf die Welt, der so viel weiter sei als seiner.

Und so reden sie Stunde um Stunde über das große Thema Feminismus: Was Männer dürfen, was Frauen können und irgendwann frage ich mich: “Hat er mich überhaupt gefragt wie ich heiße?’’ Dieser Mann, der seit Stunden unser Gespräch bestimmt und dem wir schon in mehreren Sitzungen unser feministisches Grundlagenwissen einflößen.

Nein, hat er nicht.

Auf dem Nachhauseweg, versuche ich zu erklären, warum ich nicht dankbar bin, dass dieser fremde Mann so aufgeschlossen war, warum ich sein Interesse nicht bereichernd fand.

Aber es gibt einen Ort für bereichernde Gespräche und das ist nicht nachts um Drei am Späti. Es gibt Ansprechpartner*innen für solche Gespräche und die sollte Mann nach ihrem Namen fragen. Ich verstehe die Notwendigkeit in jeder Situation patriarchalische Ungerechtigkeit aufzuzeigen und jede Person darauf zu stoßen, so dass sie sich in den feministischen Kampf einreihen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Es ist nicht meine Aufgabe in jeder Situation fremden Männern – es sind immer Männer –  meine politische Bildung zu erklären. Das feministische Grundlagenwissen, was ich besitze habe ich mir selbst durch Bücher, Podcasts und Blogeinträge angeeignet. Ich meine, was wäre das für eine Welt, in der Frauen arbeiten, um dann die Früchte ihrer Arbeit for free an Männer weiterzugeben.

Ach ja, unsere.

Die globale Ungleichheit von Lohnarbeit und Care-Work erstreckt sich auch auf den Bereich der feministischen Bildung. Schließlich sei es doch die Frauenfrage und alle Themen würden daher nur Frauen betreffen. Klar. Deswegen wird von ihnen erwartet, ihre feministische Expertise, von der oft gedacht wird, dass sie sich nur auf Erlebtes und nicht auf jahrelange Bildung erstreckt, kostenlos in kleinen ungefährlichen Häppchen zu servieren. 

Und daher – Fremder Mann am Späti: Nein, ich möchte dir nicht erklären, warum ich Feministin bin. Nein, ich möchte dir nicht erklären, was du noch darfst und was nicht. Nein, ich möchte mir nicht anhören, wie unerklärlich ungerecht dich Frauen als sexistisch beschimpft haben. Wenn du dich fragst, was Sexismus ist, dann informiere dich selbst!  Das Internet steht dir offen, lies ein Buch oder hau dir einen feministischen Podcast auf die Ohren und lass mich mit meinen Freundinnen wieder Pläne schmieden, wie wir am besten das Patriarchat niederbrennen.

Hier ein paar Tipps: 

Margarete Stockowski: Untenrum frei & Die letzten Tage des Patriarchats

Laurie Penny: Fleischmarkt

Shulamith Firestone: Why we should all be feminists

Mary Beard: Frauen und Macht

Podcast von Nicole Schöndorfer: Darf sie das?

Clara lebt in Berlin und studiert Kunstwissenschaft an der Technischen Universität. Neben der Uni arbeitet sie im Projektraum ORi – Forum künstlerische Bildmedien e.V. in Neukölln, liest alles was sie über zu Unrecht vergessene Künstlerinnen finden kann und legt Tarotkarten. Mit ihrer Arbeit will sie Perspektiven außerhalb des Kunstkanons aufzeigen und Andere zum Handeln animieren.

Das Beitragsbild ist von Lilly.

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