Du & Ich, Selbst & Inszenierung
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Unausgesprochenes #Werbistduwirklich?

Ich schaff es nicht, so zu tun als wäre alles okay. Ich schaff es nicht, mich anzupassen. Ich schaff es einfach nicht, auszuhalten am falschen Platz zu sitzen. Ich kann mich nicht aushalten, ich kann die anderen nicht aushalten. Vor allem, kann ich das Schweigen nicht aushalten. Die Dinge über die wir nicht sprechen, von denen wir aber wissen, dass sie da sind. Warum können wir nicht ehrlich sein, obwohl wir das gleiche teilen. Warum können wir uns einander nicht zeigen? Ich kann es nicht aussprechen. Können wir einander überhaupt leiden? Oder ist da immer die Enttäuschung darüber, wie es sein könnte, aber nicht ist. Und doch müssen wir uns immer an einen Tisch setzen, an dem uns nur Stille und Zwang umgibt. Ich spüre jeden Blick von Verachtung und Missgunst, an dem eigentlich Liebe sein sollte. Wo sind wir falsch abgebogen? Warum hat uns die Zeit so verändert? Vielleicht, nein mit Sicherheit, hat uns das Unausgesprochen weiter voneinander entfernt. 

Es fällt mir schwer, drüber zu stehen. Wenn wir uns in die Augen schauen, dann sehe ich nur Unbekanntes, nicht aber Heimat. 

Meine Hände zittern unter dem Tisch, an dem wir immer saßen, als wir uns noch kannten. Waren wir uns je nah? Oder ist das nur eine Illusion meiner Erinnerung? 

Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Genau wie du versuchst, dir nichts anmerken zu lassen. Trotzdem merken wir es beide. Und das macht alles nur noch schlimmer. Die Distanz und Unsicherheit, die zwischen uns herrscht, steht wie eine Wand zwischen dem Kaffee und der Torte vor uns. Es versperrt mir die Sicht auf die Realität, meine Hände beginnen noch mehr zu zittern. Ich möchte hier nicht sein und doch bin ich hier, warum? 

Ich überlege Krampfhaft, was ich an mir ändern muss, wie ich sein muss. Damit die Wände fallen und ich auf meinem Platz ankommen kann. Ich frage mich, ob du dir das gleiche denkst, gerade wenn du neben mir sitzt. Ob dein Herz auch so weh tut, kannst du meins noch spüren?

Ich merke, wie du mich aus deinem Augenwinkel beobachtest. Wir sind uns so fremd. Ich weiß nicht, wann sich unsere Blicke das letzte mal getroffen haben. 

Während die anderen weiter Kuchen essen, schiebe ich meinen Stuhl nach hinten, nehme mein leeres Glas in die Hand. Du blickst auf meine Hände, mein Zittern fällt dir auf. 

Ich weiß, dass wir beide wissen, dass die Wände erst fallen, wenn andere aufstehen und den Tisch verlassen – nicht ich oder du. Ich weiß, dass wir beide wissen, dass Heimat nur dann sein kann, wenn nur noch wir beide am Tisch übrig bleiben. 

Mara ist 23 Jahre alt, fotografiert gerne Menschen und hält nichts von Kategorien und Grenzen. Ihr “erwachsenes“ Leben lief bis jetzt eher so mittel. Sie studiert Crossmedia Publishing und lebt gerade in Stuttgart. 

In ihrer Kolumne Wer bist du wirklich? soll es um die Schwierigkeiten der Transition vom Jugend- ins Erwachsenenalter gehen. Um die Überforderung und dem Entdecken der Schönheit in all dem.

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