Hier & Jetzt, Körper & Bewusstsein
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Wann denn nun? #Zeitgeist*in

Eine Biene landete auf dem Rand des Glases vor mir, gefüllt mit trübem Apfelsaft. Ganz vorsichtig balancierte sie auf dem schmalen, schimmernden Strich, untersuchte interessiert den Inhalt, stieß sich ab und flog wieder davon.

Ein Balanceakt

Ich drückte die vergoldete Gabel des Sonntagsgeschirrs meiner Oma durch den Birnenkuchen, bis sie durch den Boden auf den Teller krachte. Das Krachen füllte nur zäh die Stille, die sie mit ihrer eben gestellten Frage entstehen ließ.

„Sag mal, wann wirst du eigentlich endlich mal schwanger?“

Das Gespräch mit Oma verlief eigentlich wie immer. Sie erkundigte sich über mein Studium, welche Projekte ich sonst so am Laufen hätte. Natürlich vergewisserte sie sich auch, ob ich in meiner Beziehung glücklich sei, es mir an irgendetwas fehle. Anschließend erzählte sie mir von ihrer Kindheitsfreundin Else, deren Hund letzten Dienstag plötzlich verstorben sei und dass es ihr seitdem eher bescheiden ginge. Wir beschlossen, ihr bei unserem Spaziergang nach dem Kaffee ein Stück Birnenkuchen vorbeizubringen.

Überzeugt von ihrem wirklich schönen Plan, grinste Oma mich breit an. Dann folgte eben genau der Satz, der mich in jedem Gespräch erneut ins Wanken brachte. All meine routiniert zurechtgelegten Antworten mit einem Windstoß wegwehte.

Ich kaute also öfter, viel länger als sonst auf dem Kuchen herum, holte tief Luft, um mich auf das Kommende vorzubereiten und wurde von einem

„Jetzt sag nicht du willst keine?!“ unterbrochen.

Es gab so viele Gründe jetzt zu schweigen, denn es ist eine Entscheidung, die mein Freund und ich vielleicht einmal treffen werden, vielleicht auch nie. Keiner bestimmt darüber, außer wir. Aber ich wusste sehr wohl, warum sie mir diese Frage immer und immer wieder stellte und auch stellen wird, ganz egal, dass ich mich jedes Mal um Kopf und Kragen redete, ihr letztlich nie eine zufriedenstellende Antwort lieferte. Sie möchte es einfach nochmal erleben. Einmal noch das Neue, die Unbeholfenheit eines kleinen schutzlosen Wesens. Eines Urenkels. Irgendwo, wo mein Magen gerade grummelnd das Mittagessen verdaute, zog sich etwas in mir zusammen. Ich wollte ihr ihren Wunsch so sehr erfüllen, das Glänzen in ihren Augen nicht löschen und doch bin ich nicht sicher, ob das je passieren wird.

Erschöpft nuschelte ich ein „Weiß nicht.“ und schob mir die nächste Gabel voll hellgoldenem Teig und Frucht in den Mund, um dieses Gespräch nur noch ein wenig mehr hinauszuzögern. Während ich darüber nachdachte, wie ich Oma jetzt am besten beibrachte, dass ich noch nicht bereit bin für diesen Schritt, verwandelte sich unser Dialog irgendwie in einen beherzten Monolog aus Phrasen wie „Als ich so alt war wie du, da war ich verheiratet, hatte schon zwei Kinder, das dritte längst auf dem Weg.“ und „Ohne ein Kind, da ist dein Leben doch nur halb so erfüllt.“. Sätze, die ich schon zigmal gehört hatte und eigentlich schon lange nicht mehr hören wollte. Ich hatte nie eine schlagkräftige Antwort parat, fühlte mich schuldig, obwohl ich es nicht musste.

Ein paar Wochen später stand ich im Empfangsbereich einer Frauenarztpraxis. Am Tresen schilderte ich meinen Wunsch: die Pille absetzen. Freudestrahlend wenden sich nun beide Frauen zu mir, fragen, ob ich denn schwanger werden wolle. Als ich mein eigentliches Anliegen schilderte, erntete ich enttäuschte Gesichter, sogar ein Augenrollen. Die starken Nebenwirkungen, mit denen ich seit Wochen zu kämpfen hatte, waren nicht Grund genug, die Pille abzusetzen. Eine geplante Schwangerschaft aber schon? Nachdem ich dreimal gefragt wurde, ob mir auch klar sei, dass ich nach dem Absetzen wieder anderweitig verhüten müsse, verließ ich die Praxis. Ich fühlte mich schuldig, nicht ernst genommen.

Wann?

Wann ist dieser Umbruch passiert?

Vor drei Jahren noch riet mir jede*r, mein Leben in vollsten Zügen zu genießen. Ich ging noch zur Schule, hatte keine feste Beziehung und auch so wollte ich mich so wenig wie möglich mit meiner Zukunft auseinandersetzen.

„Jetzt machst du erstmal dein Abi, dann siehst du schon wohin es dich zieht.“, hatte Oma damals gesagt.

Meine Frauenärztin beriet mich über alle möglichen Verhütungsmethoden. Ihr war klar, ich wolle auf keinen Fall schwanger werden. Dann kam alles Schlag auf Schlag. Schulabschluss, Umzug in eine neue Stadt, Studienbeginn, eine feste Beziehung. Und nun? Bin ich jetzt erwachsen?

Während ich mich mehrere hundert Kilometer von meiner Heimat entfernt um meine Pflanzen sorgte, weil einige Blätter braune Stellen bekamen, rechnete Oma damit, dass ich bald eine Familie gründen würde. So musste es ja sein. Was auch sonst, sollte ich mit meinem Leben anfangen?

Die biologische Uhr

Laut dem Statistischen Bundesamt bekommt jede Frau in ihrem Leben 1,57 Kinder, ihr erstes mit 30,0 Jahren. Überschreitet man dieses Alter von 30 Jahren, wird man von einem immer wiederkehrenden Echo begleitet.

„Deine biologische Uhr tickt.“

Genau genommen tut sie das schon, seit der Menarche. Ist man aber sehr jung oder sehr alt, wenn man ein Kind bekommt, ist es nicht richtig. Egal, wie man es dreht und wendet, es wird immer Menschen geben, die andere Menschen für die Entscheidung, (k)ein Kind zu bekommen, verurteilen. Es fragt sich nur, was genau sie denken lässt, dass es in Ordnung ist, das zu tun. Denn es ist nicht ihr Körper, nicht ihr Leben. Es ist und bleibt das Recht einer jeden Frau* über ihren Körper zu bestimmen.

Druck

Es übt Druck aus, wenn man als Frau* ständig danach gefragt wird, wann man denn nun Kinder bekommen würde. Als wäre es ein Wettlauf gegen die Zeit. Die wenigsten interessiert der eigentliche Grund für die bestehende Kinderlosigkeit. Man hat keine, damit hat man schon aufgegeben, bevor der Wettlauf überhaupt anfing. Und das, statt das Augenmerk auf die Gründe zu legen, die zu dieser Entscheidung führen könnten.

Möchte ich in einer Welt, in der ich mich nach dem positiven Schwangerschaftstest auf die Suche nach einer Hebamme machen muss und ab der 12. Schwangerschaftswoche einen Kita-Platz anfragen muss, ein Kind bekommen? In einer Gesellschaft, die die Bedürfnisse und Probleme von Kindern erst dann erkennt, wenn es meist schon zu spät ist? Eine Gesellschaft, die zulässt, dass man als Frau* schlechtere Chancen auf einen Job oder Beförderungen hat, weil:

„Sie ist 28. Früher oder später wird sie eh schwanger.“

Es gibt so viele individuelle Gründe, warum Frauen* keine Kinder bekommen. Sie kämpfen jeden Tag dafür, dass es endlich klappt oder sie wollen es nicht, sie fühlen sich noch nicht bereit dazu. Dabei ist es egal, welche dieser Gründe bei einer Frau* zutreffen: es betrifft dich nicht, also verurteile nicht.

Nur Dein

Du triffst tagtäglich so viele Entscheidungen. Oft denkst Du darüber nach, was diese Entscheidungen für andere Menschen bedeuten könnten, was sie über Dich denken könnten. Und dann zögerst Du. Auch was Dich und Deinen Körper angeht. Als Individuum in einer Gesellschaft voll urteilender Blicke, Entscheidungen zu treffen, ist ein Spießrutenlauf. Was Du Dir immer wieder vor Augen führen musst: es ist Dein Leben, Dein Körper, Deine Zukunft. Du entscheidest Dich dafür, dagegen. Kein anderer Mensch sollte diese Macht über Dich haben, außer Du. Denn letztlich bleibst nur Du.

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Text von Dessany und Illustrationen von Luise.

Dessany ist einundzwanzig und lebt in Leipzig. Sie ist voller Neugier für das Leben mit all dessen Höhen und Tiefen. Wenn sie nicht Tee trinkend über genau dieses philosophiert, tanzt sie durch die Welt oder steckt ihre Nase in Bücher. In ihrer Kolumne „Zeitgeist*in“ setzt sie sich mit Themen auseinander, die grübeln lassen, über die offen zu reden aber schwer fällt. Sie möchte ihre Leser*innen sensibilisieren und motivieren für sich selbst und andere einzustehen.

Luise ist eine junge Gestalterin und Künstlerin, sie lebt in Berlin und studiert dort an der Universität der Künste. Sowohl in der Kunst als auch im echten Leben liebt sie die Spannungen zwischen dem Komischen und Sensiblen, dem Ehrlichen und Emotionalen, der Freiheit und dem in Gedankenversinken.

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