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Über Mut, mich, und das, was gerade in der Welt geschieht

Ich habe eine funktionierende Familie, wir sind nicht arm und auch nicht superreich, wir leben in einem großen Haus mit Garten und ich habe mein eigenes Zimmer. Meine Familie hat einen Fernseher und ein Auto (dem einsprechen wahrscheinlich auch nicht die beste Ökobilanz, aber wir geben uns Mühe). Wir können mehrmals im Jahr verreisen und schon morgens bei der Frage, was es zum Frühstück geben soll, anfangen zu diskutieren.

Ich habe soziale Kontakte, ich gehe gerne zur Schule und bin sogar gut darin. Ich werde nicht gemobbt und über mich wird nicht gelästert (glaube ich zumindest). Ich bin groß und schlank, habe zum Glück aber keine große Oberweite, weshalb ich mich nicht vor jedem Typen in Acht nehmen muss. Ich mag meinen Körper und essen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Ich bin noch nie mit Drogen in Kontakt gekommen, rauche nicht (auch nicht passiv) und ich trinke keinen Alkohol. Ich hatte bisher selten direkten Kontakt mit Krankheit oder Tod. Ich bin nicht homosexuell und nicht transsexuell, stehe dem aber offen gegenüber. Ich bin Christin. (Nein, das ist kein Gegensatz!) 

Ich gehöre keiner ethischen Minderheit an. Ich bin weiß. Ich musste noch nie Hunger ertragen oder Gewalt oder Krieg oder Ausbeutung oder vor irgendetwas fliehen. 

Ich bin froh darum. Ich bin sehr dankbar, dass mir so vieles schon mit meiner Geburt gegeben wurde, aber das lässt mich nicht größer oder überheblich werden, sondern sehr sehr klein. 

Ich bin nicht stark, weil ich nie stark sein musste. Ich bin nicht mutig, denn das Mutigste, was ich je getan habe, war mich von einer 80 Meter hohen Brücke abzuseilen – mit doppeltem Sicherungsseil und professioneller Hilfe. 

Ich kann mich nicht mit den Problemen der Welt identifizieren. Aber nur, weil ich selbst nicht davon betroffen bin, heißt das nicht, dass es nicht meine Aufgabe ist, sie zu bekämpfen.  Auch als weiße Person kann ich mich gegen Rassismus stark machen. Besonders als weiße Person. 

Und ja, nicht alle werden mich ernst nehmen, manche werden sagen, ich weiß gar nicht, wie es sich anfühlt. Sie haben Recht, wenn sie das sagen, aber wie ich auch für meine Schwester einstehe, wenn sie von irgendwem blöd angemacht wird, werde ich auch für andere Mitmenschen einstehen – egal welcher Religion, Rasse, Nationalität, Hautfarbe oder Sexualität. 

Dafür werde ich mutig sein müssen und zwar im Alltag, nicht nur auf Demonstrationen, die zwar hoffentlich etwas in Bewegung setzen und deshalb sehr wichtig sind, aber eben auch temporär.

Dieser Text ist ein erster Schritt, den Mut und die Kraft zu finden, die mir das Leben bisher nicht beigebracht hat, weil ich wie ein Küken in einem kuscheligen Nest aufgewachsen bin. Für Dinge einzustehen, die eigene Meinung kundzutun und aus reiner Nächstenliebe zu handeln, ohne sich selbst zu profilieren, ist nicht immer einfach. Das Leben ist nicht immer einfach, selbst meines nicht, aber nur dadurch wachsen wir und werden wir stärker.

Inzwischen bin ich ein nicht mehr ganz so kleines Küken, mit einem aufmerksamen Blick auf die Welt und ich sehe, dass es an der Zeit ist, die Dinge, die gerade überall auf der Welt in Bewegung gebracht werden, zu wirklicher Veränderung zu bringen.

Es fühlt sich ein bisschen komisch an, einen Text über Zivilcourage, über das Leben und über Mut zu schreiben. Ich bin so jung und habe so wenig Lebenserfahrung. Aber irgendwo muss ich ja anfangen. Anfangen zu handeln und aufhören nur in Gedanken zu leben. Texte zu schreiben ist die Zwischenstufe, aber wie ich finde ein guter Anfang. 

Doch dabei wird es nicht bleiben.

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Gastgedanken von Linda. Sie ist 16 Jahre alt und während Corona hatte sie viel Zeit für Musik und Kunst, zum Lesen, Wandern, Draußen-sein und für ihre Familie.

Collagen/Grafiken von Imina.

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