Liebe & Triebe
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Keine Liebe

Wir streiten. Wir streiten und weinen und schreien. Wir streiten. Immer und immer zu. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so viel mit einem Menschen gestritten zu haben. Du bist außer dir. Du schreist und wirfst mir Wörter an den Kopf, die nicht stimmen. Ich bin nicht so wie du mich darstellst. Ich weine und schreie. Hör auf. Das Stimmt nicht. Du nimmst einen Stuhl und wirfst ihn gegen die Wand. Dort prallt er auf, mit einem lauten Knall, zwei Meter neben mir. Ich ducke mich. Ich weine. Du brichst zusammen. Und weinst. Es ist still. Nur das Schluchzen ist zu hören. Sekunden sind Stunden und Minuten sind Sekunden. Alles dreht sich und alles steht still. Ich stehe auf und gehe zu dir, umarme dich, tröste dich. Du erwiderst meine Umarmung und küsst mich und sagst, du liebst mich. Ich entwinde mich. Verstehe nicht, was hier passiert. Ich fühle mich so lebendig und so leer. Ich meine dich zu lieben, doch ich hasse dich. Was machen wir? Was machen wir hier seit Monaten? Am Anfang war alles so aufregend, so harmonisch, so außergewöhnlich. Ich meine deinen Kern zu sehen und rede auf dich ein. Ich rede und rede und du erkennst Dinge. Ich habe die Hoffnung, dass alles besser wird. Jetzt! Jetzt hast du verstanden. Jetzt gibst du mir nicht mehr die Schuld für dein Leid. Jetzt stehst du für dich ein. Jetzt können wir wieder harmonisch sein. Ich glaube an dich und wie ich an dich glaube. Immer und immer wieder glaube ich an dich. Doch dann stürzt alles wieder ein. Es ist ein fragiles Kartenhaus aus Karten, die ich für dich beschrieben habe und die porös sind. Eine Karte zerbröselt und alles bricht ein. Und du schreist und schreist und gibst mir die Schuld für dein Leid. Ich will dich retten, will dich beschützen. Ich sehe dein Leid und ich bin die, die deinen Teufelskreis bricht, die die deine Heldin ist. Du bist verrückt und süß und himmelst mich an. Du gibst mir genau das, was ich brauche, um endlich vollkommen zu sein. Im Gegenzug rette ich dich. Doch, das ist krank. Keine Liebe.

Wir streiten. Du schreist und ich schreie und ich habe wirklich keine Lust zu streiten. Ich flehe dich an, mich einfach nur in Ruhe zu lassen. Mich schlafen zu lassen und selbst schlafen zu gehen. Aber du schreist, bist außer dir. Ich schaffe es, dass du mich in Ruhe lässt. Mich in Ruhe auf dem Sofa schlafen lässt. Ich fühle nichts. Ich liege da und habe Ruhe und schlafe ein. Mitten in der Nacht höre ich ein Geräusch. Ich öffne die Augen und sehe die dunklen Umrisse deines Gesichts. Ich schrecke hoch, taste nach dem Lichtschalter und frage dich, was das soll. Du weinst und jammerst und entschuldigst dich und flehst mich an, mit ins Bett zu kommen. Ich sage nein. Du willst es nicht hören und jammerst. Ich sage nein. Du willst es nicht hören schreist. Ich sage, dass du gehen sollst. Du schreist und knallst die Tür. Wie ein Kind, denke ich. Und ich bin deine Mama, die dich nicht will. Das ist krank. Keine Liebe.

Wir streiten. Ich haue ab. Ich sitze am Meer und weiß nicht weiter. Mit jeder Welle kommt ein neuer Gedanke und schwemmt den vorherigen davon. Ich kann nicht mehr. Ich bin nicht mehr. Wer bin ich? Wo bin ich? Was mache ich? Ich packe ein paar Sachen und komme für ein paar Tage in der Wohnung einer Freundin unter. Dort bin ich allein. Ich denke und weine und denke, dass ich nicht mehr kann. Ich weine und denke, dass ich mich trennen muss. Ich weine und merke, dass es mich schmerzt – und befreit. Als wärst du ein Teil von mir, den ich dann verlassen würde. Als wärst du ein Fremdkörper in mir, der mich dann endlich verlässt. Ich denke und laufe im Zimmer umher, blicke aus dem Fenster und da bist du. Du starrst und lachst, als sich unsere Blicke treffen. Vor Schreck dreh ich mich um und gehe in den anderen Raum. Ich warte und weiß nicht, was ich machen soll. Es klingelt. Einmal. Zweimal. Fünfmal schnell hinter- einander. Mein Handy klingelt. Ich mache nichts. Sitze da und bin erstarrt. Ich habe Angst. Angst vor dir. Du bist unberechenbar. Ich habe Angst, du könntest Türen eintreten. Das ist krank. Keine Liebe.

Wir streiten. Wir streiten und du schlägst mit der Faust gegen die Wand neben meinem Gesicht. Ich habe Angst und blicke in deine Augen. Versuche durch meinen Blick, meinen liebevollen Blick, deinen Kern herauszulocken. Damit deine Wut ein Ende hat. Du weinst und entfernst dich und schreist. Ich sage, dass ich gehe. Und du schreist und ich sage nochmal, dass ich gehe. Ich weiß nicht ob du mich hörst und lasse die Tür hinter mir zufallen. Du reißt die Tür auf, als ich auf halber Treppe bin und schreist. Du schreist und ich renne die Treppe hinunter. Ich habe Angst. Ich habe dich heute ver- lassen. Noch eine Person, die dich in deinem Leben verlassen hat. Alle verlassen dich. Und du weinst und schreist und fragst dich warum. Ich habe Angst und laufe die Straße entlang. Du packst mich an der Schulter. Ich drehe mich um und schreie dich an, dass du mich in Ruhe lassen sollst. Du redest und redest und schreist und ich gehe schneller und schneller und schreie, dass du mich in Ruhe lassen sollst. Du wechselst die Straßenseite und läufst parallel, beobachtest mich. Du bist ein Löwe und ich deine Gazelle. Das ist krank. Keine Liebe.

Wir streiten nicht mehr. Wir reden nicht mehr. Wir sehen uns nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr vor dir. Nur noch vor mir, dass ich nochmal in so eine Beziehung gerate. Ich weiß nicht, wo du bist und was du denkst und tust. Ich hoffe, dass du dich manchmal erinnerst und reflektierst und analysierst, dass das alles krank war. Dass wir krank waren. Und dass du erkennst, dass es keine Liebe war. Und du lernst, dich selbst zu lieben. Denn Selbstliebe ist das was uns fehlte. Hätte ich mich selbst geliebt, hätte ich das nicht monatelang mitgemacht. Hättest du dich selbst geliebt, dann wärst du vermutlich ein ganz anderer Mensch. Hätten wir uns selbst geliebt, hätten wir uns vielleicht niemals gekannt.

Imke lebt in ihrer Lieblingsstadt Kiel und studiert dort vor sich hin. Sie liebt das Meer und kennt kaum etwas schöneres als mit einem Lagerfeuer und wunderbaren Freund*innen am Strand zu sitzen – den ganzen Tag bis zum nächsten Morgen. Wenn sie schreibt, dann meistens über Selbsterkenntnisse oder gesellschaftliche Themen, wie Feminismus und Nachhaltigkeit.

Die Gestaltung ist von Irma. Sie studiert in Berlin “etwas mit Kommunikation” und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Sie liebt es auf Demos zu fotografieren, sich in Büchern zu verlieren und im Sommer durch die Stadt zu tanzenIhr findet sie auch auf Instagram.

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