Gastgedanken, Selbst & Inszenierung
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In einer Welt, in der ich alles sein kann, bin ich mutig.

Als Kind habe ich Geschichten geliebt. Mit meinem Bruder zusammen habe ich Szenarien aus selbst kreierten Geschichten nachgespielt, die immer eins gemeinsam hatten: Sie handelten von Abenteuern, Mut, von einem Mädchen, das mutiger war, als alle anderen um sie herum. So mutig, dass sie es immer wieder aufs Neue schaffte, die ganze Menschheit zu retten. Dieses Mädchen wollte ich sein.

Kann man auch mutig sein, ohne zu wissen wie man mit Pfeil und Bogen umgeht oder gegen Drachen kämpft?

Meine Pubertät war geprägt von Zurückziehen, Flucht in Traumwelten und Introspektion. Die Zeit in der man beginnt sich seine Identität zu konstruieren, oft mit den Bausteinen anderer, denn sie haben einem oft genug gesagt oder gezeigt wer man ist. Ein Gefühl begleitete mich die ganzen Jahre lang, das Gefühl, mein früheres Ich mit meiner Entwicklung enttäuscht zu haben. Den ganzen Tag in seinem Zimmer rumhängen, ist das denn mutig? Sich im Unterricht nicht trauen etwas zu sagen, wenn man unaufgefordert drangenommen wird, ist das mutig? Nein, oder? So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Das dachte ich jedenfalls. Ich finde die Welt ungerecht, da bin ich natürlich nicht die einzige. Meiner Meinung nach ist es paradox, in einer Zeit der Individualisierung zu leben, in der jeder scheinbar sein darf wer er möchte, aber die Gesellschaft einem zeitgleich vorschreibt, wie das auszusehen hat. Das Ergebnis:

In einer Welt, in der du alles sein kannst, bist du verloren.

In einer Welt, in der du alles sehen kannst, schaust du auf dein Handy.

In einer Welt, in der dir alle zuhören, bleibst du stumm.

In einer Welt, in der du frei bist, fühlst du dich gefangen.

So ging es mir auch immer.

Mittlerweile bin ich älter geworden, ich lese keine Fantasy-Bücher mehr und treibe mich auch nicht mehr den ganzen Tag lang in Traumwelten herum, in denen ich mutig bin.

Dafür habe ich selbst für mich herausgefunden, was Mut ist. Die Vorstellung, Mut habe immer etwas mit Waffen und hohen Klippen und verwundeten Körperteilen zu tun, ist mit der Zeit verblasst. Mut hat kein Kennzeichen und lässt sich auch nicht durch Symbole ausdrücken. Mut kann nur jeder in seiner eigenen Sprache sprechen, und ich glaube deshalb gibt es so viele Missverständnisse auf der Welt. 

Mut ist immer gekoppelt mit Aktivität. Man kann nichts können, wenn man sich jahrelang nur im Theoretischen herumtreibt (das war jahrelang mein Spezial-Gebiet). Um eine Prüfung zu meistern, muss man das Thema nicht nur verstanden haben, sondern auch Aufgaben dazu geübt haben. Das ist glaube ich fast das Wichtigste, das ich aus dem Mathe- und Physikunterricht mitgenommen habe.

Und Mut kann die verschiedensten Formen annehmen:

Aktivität kann in manchen Fällen auch passiv aussehen, sodass Elias dann mutig ist, wenn er sich einfach mal einen Tag Pause nimmt und nicht arbeitet. 

Hingegen ist Lisa mutig, wenn sie ein Referat vor der ganzen Klasse hält. Thomas wiederum ist mutig, wenn er nicht jede Sekunde die Corona-News aktualisiert. Und Jenny ist mutig, wenn sie auf der Beerdigung ihrer Oma ihren Tränen freien Lauf lässt. Heute bin ich mutig, indem ich mein Geschriebenes teile, obwohl ich nicht 1000% zufrieden damit bin. Morgen kann das ganz anders aussehen. 

Das Wichtigste ist glaube ich, den Mut vor sich selbst als solchen identifizieren zu können. Sich selber zugestehen, dass man mutig war, auch dann, wenn die ganze Welt einem etwas anderes beigebracht hat. 

Und so kann ich heute doch das Mädchen sein, das gegen das Böse kämpft und seine Ängste überwindet. Mutig ist. Dafür brauche ich kein Schwert, starke Arme oder flinke Füße. Im Gegenteil, manchmal zeigt sich mein Mut im Weinen.

Ich habe nicht die ganze Menschheit gerettet, so wie meine Rolle das damals sogar des Öfteren getan hat. Dafür mich selbst. Und trotzdem gleichen sie und ich uns einander mehr, als ich vor ein paar Jahren noch dachte.

In meinem Leben geht es immer noch um Mut. Ich will immer noch mutig sein, das war nie anders, nur musste ich erst einmal lernen, wie das speziell in meinem Leben, mit meiner Geschichte, mit meinen Konditionierungen und Ängsten überhaupt geht. Niemand hat mir gezeigt wie das geht, aber ich glaube, genau das ist auch ein wichtiger Teil des Weges. Ein harter Weg, aber wie das harte Wege so an sich haben, bereiten sie einen auf Leichtigkeit vor.

Letztendlich bleibt alles Teil des Lebens, nur in transformierter Form. Wenn ich auf die Kind-Version von mir höre, mich ein bisschen von ihr leiten lasse und meine mit den Jahren erlernten Methoden und Fähigkeiten für ihre Pläne nutze, dann bin ich erwachsener als die meisten Erwachsenen. Die Erwachsenen, die vergessen haben, wer sie als Kind waren.

Text und Beitragsbild sind von Constanze. Sie ist 20, studiert hoffentlich bald und nutzt bis dahin ihre Zeit mit der Zusammensetzung ihrer Gedanken aus dem Herzen. Sie mag Kunst, Wahrheit, Dankbarkeit, und das was herauskommt, wenn man die Sachen miteinander vermischt. 

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