Gastgedanken
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Über letzte Male und warum es gut ist, nicht zu wissen, dass sie es sind

Vergangenes Jahr habe ich es zum ersten Mal gemacht. 

Ein Letztes Mal erlebt. Ganz bewusst. Okay, zugegeben, es war nur das letzte Mal für genanntes Jahr. Ich habe mich vom Sommer verabschiedet. An einem Samstag, Anfang September, saß ich im Garten meiner Eltern, habe die Augen geschlossen und ganz bewusst das Kitzeln der September Sonne auf meinen nackten Beinen gespürt. Habe den letzten Schluck Eiskaffee genauso genossen, wie den ersten ein paar Monate davor. Habe versucht die Sommererinnerungen abzuspeichern und mich innerlich auf Tee, Lebkuchen und Stiefel vorzubereiten. Danach gab es zwar noch zwei, drei Tage an denen es warm war, aber für mich war dieser Tag das Ende dieser Jahreszeit. Ein letztes Mal. Und wie verrückt ist es, dass ich zum ersten Mal einen Tag benennen kann, der für mich im vergangenen Jahr den Sommer beendete?

Normalerweise geschieht das fließend und bis wir uns versehen, hat sich die Jahreszeit verändert. Und das ist auch nicht weiter schlimm, denn letzte Male sind auch immer mit Abschiedsschmerz verbunden. Was war ich glücklich und traurig zugleich an diesem Tag, denn mit dem Verschwinden der Barfuß-Zeit, kommt bei mir auch immer die Melancholie. Ich hatte gute Erinnerungen gesammelt diesen Sommer. Gespräche unterm Sternenhimmel, bis es fast wieder mehr Tag als Nacht war. Tanzen bei Sonnenuntergang und Tanzen mit Gummistiefeln voller Wasser. Ich musste mich nicht nur von meinen Sommersprossen verabschieden, sondern eben auch von diesem Glück, was sich Sommer nennt. Auf einmal werden Momentaufnahmen, ganz still und heimlich, zu weiteren Erinnerungen. 

Letzte Male. 

Auch wenn das Lebewohl sagen an diesem Septemberwochenende nur ein Abschied auf Zeit war, tat es weh. Wie muss es erst sein, wenn man für immer Tschüss sagen muss? 

Endgültige letzte Male.  

Ich glaube in diesen Fällen ist es gut, wenn wir nicht wissen, dass sie es sind. Dass da keine Stimme ist, die uns leise zuflüstert: „Hey du erlebst das gerade zum letzten Mal. Ab morgen wird es anders sein.“ Keine Stimme, die uns die Vergänglichkeit dieses Moments bewusst werden lässt. 

Vielleicht erwischst auch du dich gerade dabei, wie dir ein bestimmter Gedanke durch den Kopf geistert. „Doch, doch, doch. Ich hätte es wissen wollen, dass das eine Verabschiedung war, dass wir uns an diesem Abend das letzte Mal in die Augen sahen“, flüstert der Nostalgie-Kobold in deinem Kopf. Und ja, ich kann das gut nachvollziehen. Ich denke an Kindergeburtstage mit Schnitzeljagd, die dann ein Jahr später durch eine Übernachtungsparty ersetzt wurden. Ich denke an die Wochenenden mit meinem Papa. Jahrelang sind wir jedes erste Wochenende in den Sommerferien Zelten gefahren. Kaum war das Wochenende vorbei, habe ich mich auf nächstes Jahr gefreut. Rückblickend waren das mit die besten Tage. Und dann kam irgendwann der Sommer, an dem wir, ohne es zu wissen, das letzte Mal an diesen See fuhren. Nicht, dass es irgendeinen bestimmten Grund dafür gab, aber manchmal gehen Dinge einfach zu Ende. Manchmal ist das gut. Manchmal ist es nicht gut. 

Aufhalten lässt es sich nicht. 

Aber ist es nicht verrückt, während wir ersten Malen so viel Bedeutung schenken und sie nahezu auf einen Thron heben, den es zu erklimmen gilt, geschehen letzte Male nahezu beiläufig. Ich tippe erste Male in das Suchfenster von Ecosia und stoße auf eine nicht endend wollende Liste an Artikel über die Magie von ersten Malen und natürlich dem berühmt berüchtigten Ersten Mal. Anschließend tippe ich letzte Male und finde – nichts. Nur der Duden möchte mich über die richtige Schreibweise aufklären, aber kein einziger Artikel versucht mir die Magie näherzubringen, so wie das eine Suchanfrage vorher der Fall war. 

Versteht mich nicht falsch, mir ist durchaus bewusst, dass es letzte Male gibt, die wir als solche wahrnehmen (können), noch während sie passieren. Aber in meinen Gedanken, geht es gerade um die kleinen Momente, die zu Momentaufnahmen werden, zu Erinnerungen, die immer wertvoller werden, weil sie keine Chance bekommen weiter zu wachsen. Die aber nicht vorher anklopfen und sich ankündigen. Die aber mindestes genauso magisch sind, wie die ersten Male. Dabei ist das eigentlich keine große Sache.

Alles, was wir erleben, hat ein Ablaufdatum.

Alles was wir erleben, hat ein Ablaufdatum. 

Manchmal ist es mit rotem Marker in den Kalender geschrieben, wie beispielsweise das Ende der Abiturprüfungen. Manchmal überrascht es uns, wie die braune Banane, die wir doch erst vorgestern gekauft hatten. Wäre uns dieses Ablaufdatum immer bewusst, würden wir Momente anders und intensiver erleben. Die Frage ist nur, wäre das Erlebte dadurch schöner, bedeutsamer geworden? 

Vermutlich muss das jeder für sich selbst beantworten. Meine Gedanken schweifen in alte Erinnerungen ab und ich erwische mich dabei, wie ich unwillkürlich lächeln muss. Hätte ich dieses Ablaufdatum immer vor Augen gehabt, hätte ich noch die ganze Nacht damit verbracht, mit dir und diesem Puppenhaus zu spielen, ich wäre noch einmal zurück gerannt und eine extra große Runde im See geschwommen, hätte dich nicht mit einem einfachen tschüss verabschiedet, sondern dich auf eine Weise geküsst, wie ich dich vorher noch nie geküsst habe. Alle Momente verbinde ich mit unterschiedlichen Emotionen. Jedoch haben sie gemeinsam, dass ich in jedem Augenblick alles dafür gegeben hätte, ihn voll und ganz auszuschöpfen – und, dass ich nicht nur nach, sondern auch während jedem Augenblick unglaublich traurig gewesen wäre. Der Abschiedsschmerz wäre mir wie ein gehasstes To Do im Nacken gesessen. Ein Piksen und Ziehen, der diesen Momenten die Leichtigkeit genommen hätte. Und ist es nicht genau das, was das Erlebte schön und wertvoll macht? Leichtigkeit? Und dieses alltägliche, normale? Die Illusion aus Gewissheit, eben jenes ja noch ganz oft zu erleben. Auf einmal würden wir an diesem Abend nicht mit einem verliebten Kribbeln ins Bett gehen, sondern mit einem Kloß im Hals. Und während ich das schreibe, schießt mir ein Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf: Eigentlich ist das Nicht-Wissen eines letzten Males, auch nur ein Hinauszögern des Abschiedsschmerzes. Der Kloß würde trotzdem kommen, nur eben halt ein paar Wochen, Monate oder Jahre später. Könnten wir uns mit dem Wissen der Endgültigkeit besser auf den Schmerz vorbereiten? Kann man sich auf Schmerz vorbereiten?

Und dann trifft mich die Erkenntnis: Ich wäre mit dem Wissen der Vergänglichkeit, bei dem Versuch die Momente voll auszuschöpfen, kläglich gescheitert. Denn egal, an welches letzte Mal ich denke, weiß ich, dass es so wie es war perfekt war. Dass ich den Augenblick voll und ganz ausgeschöpft habe. Und das nur, weil ich in dem Moment nicht wusste, dass keine mehr dieser Art folgen werden.

Lasst uns dankbar sein, für jedes einzelne letzte Mal, von dem wir nicht wussten, dass es eines ist und für jeden Moment, der sich erst in Zukunft als magisches letztes Mal entpuppen wird. 

Sandra ist 23, Euphoriekerin und Tagträumerin zugleich. Weil sie, trotz ihres Journalismus-Studiums, nicht genug von spannenden Texten bekommen kann, verbringt sie ihre freie Zeit gerne mit Wortakrobatik. So auch auf ihrem Instagramkanal. 


Dieser Post wurde von Johannes gestaltet. Er ist 21, studiert Visuelle Kommunikation in Berlin, macht nebenbei Musik und schläft gern bis 13 Uhr. Er verbringt seine Zeit mit lieben Leuten und verliert sich manchmal in seinem Computer. Hier kommt ihr zu seiner Website.

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