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No Justice, No Peace! #wir

TW: Rassismus, Rassistische Polizeigewalt

114 Tage.

Vor 114 Tagen wurden neun Menschen aus rassistischen Motiven in Hanau von einem Rechtsextremisten getötet. Mercedes, Hamza, Said Nesar, Ferhat, Vili Viorel, Gökhan, Sedat, Kaloyan und Fatih.

63 Tage.

Vor 63 Tagen habe ich meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht und einen Text über das Erinnern und gegen das Vergessen geschrieben. Die Namen der getöteten Menschen dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

18 Tage.

Vor 18 Tagen, am 25. Mai 2020, hat George Floyd seinen letzten Atemzug gemacht, bevor er von vier Polizisten in den USA getötet wurde.

Weitere X Tage.

Wie viele Tage werden vergehen bis die nächsten Menschen aus rassistischen Motiven getötet werden?

Nach der Ermordung von George Floyd kam es unter anderem während der Proteste gegen Polizeigewalt zu weiteren Tötungen Schwarzer Menschen durch die Polizei.

Bereits vor dem 25. Mai wurden in den USA, in Deutschland und in anderen Ländern Schwarze Menschen durch rassistische Polizeigewalt getötet.

Kennt ihr ihre Namen? Kennt ihr ihre Geschichten?

Oury Jalloh, 37 Jahre.

Eric Garner, 43 Jahre.

Michael Brown, 18 Jahre.

Tamir Rice, 12 Jahre.

Alton Sterling, 37 Jahre.

Philando Castile, 32 Jahre. 

Stephon Clark, 22 Jahre.

Breonna Taylor, 26 Jahre.

Ahmaud Arbery, 25 Jahre.

Tony McDade, 38 Jahre. 

Das sind noch lange nicht alle Namen getöteter Schwarzer Menschen. Ein getöteter Schwarzer Mensch ist einer zu viel. Erinnern wir auch an sie. Erinnern wir auch an die Menschen, deren Namen hier nicht zu lesen sind.

SAY THEIR NAMES!

Heute.

Vielleicht fragt ihr euch, warum ich eingangs meinen letzten Text erwähnt habe. Neben all den relevanten Informationen, die ihr diesem Text entnehmen könnt, scheint die obige Anmerkung von keiner Relevanz zu sein. Richtig!

Jedoch hätte ich vor zwei Monaten nicht gedacht, dass ich zum wiederholten Male Rassismus thematisieren müsste.

Ich möchte ehrlich sein. Ich weiß nicht, wie mir in den Sinn kommen konnte, dass dieser eine Text zu Hanau auch der letzte Text sein könnte, den ich schreiben würde, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir in einem rassistischen System leben.

Nein, das hat sie nicht geschrieben?! Doch, das habe ich. Fühlt ihr euch vor den Kopf gestoßen? Seid ihr der Meinung, ich würde “übertreiben”? Oder stimmt ihr mir vielleicht sogar zu? All das habe ich nicht in der Hand. Ich kann euch nur ans Herz legen, euch dieser Thematik anzunehmen. Beschäftigt euch gewissenhaft und intensiv mit diesem Thema, das für viele Menschen Realität ist.

Ist eine einfache Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus ausreichend? Natürlich nicht. Es gehört viel mehr dazu. Darauf möchte ich in der zweiten Hälfte dieses Textes eingehen. Ich richte mich damit an NB-PoC und weiße Menschen.

Selbstreflexion

Rassismus. Damit habe ich keinerlei Berührungspunkte. Nun ja. Schwarze Menschen und andere marginalisierte Menschen erfahren Rassismus. Die Berührungspunkte sind hier auf jeden Fall gegeben. Weiße Menschen machen keine Rassismuserfahrungen. Aber selbst hier sind  Berührungspunkte erkennbar. Denn wir haben Rassismus internalisiert, da wir rassistisch sozialisiert wurden.

Genau darüber müssen wir uns bewusst werden. Das Bewusstwerden dieser Tatsache, ist der erste Schritt der Selbstreflexion. Der nächste Schritt ist das Hinterfragen und Reflektieren eigener Gedanken und Verhaltensmuster. Wie verhältst du dich, wenn sich eine Schwarze Person neben dich setzen möchte? Welche Gedanken kommen dir in den Sinn, wenn du eine Frau mit Kopftuch siehst?

Hast du dich schon Mal dabei erwischt, wie du versucht hast andere Menschen anhand äußerlicher Merkmale zu kategorisieren und sie in eine Schublade zu stecken? In eine der vielen Schubladen, die du in deinem Kopf abgespeichert hast und die bereit sind, geöffnet und gefüllt zu werden.

“Woher kommst du wirklich?” 

“Du sprichst aber gut Deutsch”

Eine Frage und eine Aussage, die für dich nicht rassistisch sein mögen. Jedoch vermitteln sie eine verletzende Botschaft: “Du kannst nicht deutsch sein, weil du nicht deutsch aussiehst”. Wie sehen denn deutsche Menschen aus, frage ich mich. “Du kannst nicht hierhin gehören, weil du ‘anders’ aussiehst.” Sätze oder Wörter können ebenso rassistisch sein, wie unausgesprochene Gedanken. Deswegen müssen wir daran arbeiten. 

Sprache ist in diesem Zusammenhang unglaublich wichtig. Bist du der Meinung, du würdest keine rassistische Sprache verwenden? Sprache hat ihren Ursprung. Setzt euch also mit ihr auseinander, so könnt ihr verhindern, Sprache zu verwenden, die bspw. aus der Zeit des Nationalisozialismus oder des Kolonialismus stammt.

Last but not least, setzt euch mit der Geschichte Deutschlands und anderer Länder auseinander. Vieles, was wir wissen sollten, wird in der Schule nicht gelehrt. Mit der Geschichte Deutschlands sind nicht nur der Nationalsozialismus und die beiden Weltkriege gemeint. Habt ihr von den Kolonialverbrechen Deutschlands gehört? Nein? Google it! 

Ein langer Prozess steht euch bevor. Eins sage ich euch: Es lohnt sich!

Dieser Prozess wird nicht frei von Fehlern sein. Aber es ist okay, Fehler zu machen. Wichtig ist, aus den Fehlern zu lernen und sie nicht zu wiederholen. 

Privilegien

Wir profitieren von der Unterdrückung Schwarzer Menschen. Denn die Unterdrückung Schwarzer Menschen geht mit den Privilegien nicht-Schwarzer Menschen einher.

Also frage ich euch: Welche Privilegien genießt ihr? 

Auf dem Wohnungsmarkt, am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Universität oder in anderen Institutionen. Ziehen andere Menschen deinen Namen, deine Hautfarbe, deine Religion als  Begründung heran, um dir eine Absage zu erteilen? 

Du wirst beleidigt, bedroht oder ausgeraubt. Was tust du? Rufst du die Polizei? Schwarze Menschen überlegen es sich fünfmal, ob sie die Polizei rufen oder sie entscheiden sich von Anfang an dagegen. Könnt ihr euch vorstellen, warum das so ist? Schwarze Menschen werden von Seiten der Polizist*innen oftmals kriminalisiert. In den sozialen Medien gibt es etliche Videos, die dokumentieren, wie Schwarze Menschen von Polizist*innen behandelt werden, wenn sie mit ihnen interagieren. Wenn die Polizei davon absieht, Gewalt anzuwenden (wow, wie gnädig), dann können sich Schwarze Menschen glücklich schätzen. Wenn sie eine Polizeikontrolle lebend verlassen, können sie sich ebenso glücklich schätzen. Ist das nicht perfide?

Privilegien. Macht euch Gedanken darüber, welche weiteren Privilegien ihr im Gegensatz zu Schwarzen Menschen genießt.

Bleibt jedoch nicht an diesem Punkt stehen. Schaut euch in euren eigenen Reihen um. Führt Gespräche mit Freund*innen und Familienmitgliedern, wenn ihr mitbekommt, dass Rassismus reproduziert wird. Es geht also nicht nur um eure eigene Person. Es geht darum, andere auf problematische und rassistische Äußerungen und Verhaltensweisen hinzuweisen. 

Wissen

Eine ehrliche Auseinandersetzung mit Rassismus, Polizeigewalt und dem System, in dem wir leben, sollte neben der Selbstreflexion, zu der das Überprüfen der eigenen Privilegien gehört, das Aneignen von neuem Wissen einschließen.

Woher beziehe ich mein Wissen?

Dieser Teil des Beitrags liegt mir besonders am Herzen. Denn das Wissen, das ich heute besitze, hätte ich nicht erlangen können, würde es keine Schwarzen Menschen geben, die Aufklärungs- und Bildungsarbeit leisten. Ein essentieller Teil davon ist frei zugänglich. Dennoch sollten wir, wenn möglich, Schwarze Menschen und deren wertvolle Arbeit finanziell unterstützen. Eine Möglichkeit ist ebenso Geld an Organisationen zu spenden, die sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben haben. Angehörige getöteter Schwarzer Menschen können und sollten auch finanziell unterstützt werden. 

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen Schwarzen Menschen, die unter anderem seit Jahren aktivistische Arbeit leisten, bedanken. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass von Rassismus Betroffene, Rassismus thematisieren, darüber aufklären, historische Bezüge herstellen, sich in den direkten Austausch mit anderen Menschen begeben und Handlungsstrategien aufzeigen. Ebenso wenig ist es ihre Pflicht Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu leisten. 

Deswegen möchte ich euch darum bitten, Schwarze Menschen nicht nach ihren Rassismuserfahrungen zu fragen. Wir alle wissen, dass sie Rassismus erfahren. Wir können uns Videos anschauen, in denen Schwarze Menschen von ihren Rassismuserfahrungen erzählen. Rassismuserfahrungen hinterlassen Spuren. Sie sind schmerzhaft. Wenn Schwarze Menschen darüber reden möchten, dann tun sie das ohne danach gefragt zu werden. Das sollten wir respektieren. Ebenso sollten wir Recherchearbeit leisten, bevor wir unsere Fragen an Schwarze Menschen richten. Seien wir respekt – und rücksichtsvoll und gewillt auch selbstständig Antworten auf unsere Fragen zu finden.

Nun würde ich euch gerne zwei Schwarze Menschen vorstellen, denen ich schon seit Längerem auf Instagram folge. Ich habe viel von ihnen gelernt und ich glaube, dass auch ihr von ihnen lernen könnt. Ich habe größten Respekt vor dem, was sie leisten. Vielen Dank für euren Einsatz, vielen Dank für euren Kampf, vielen Dank für eure wertvolle Arbeit! 

Tupoka Ogette

ist freiberufliche Trainerin, Beraterin und Coach. Außerdem ist sie Expertin für Rassismus und Aktivistin. 

Neben ihrem Account, den ihr euch in Ruhe anschauen solltet, empfehle ich euch auch folgendes Buch, das sie geschrieben hat und das ebenso als Hörbuch auf Spotify zu finden ist:

“Exit Racism – rassismuskritisch denken lernen” 

“Ich will nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob Rassismus überhaupt ein Thema in Deutschland ist. Ich möchte nur noch darüber nachdenken, wie wir Rassismus in jeder Form und in jedem Winkel unserer Gesellschaft entlarven und dekonstruieren können. Und das mit möglichst vielen Menschen zusammen.” – Tupoka Ogette

Aminata Touré

ist Abgeordnete und Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags. Außerdem ist sie Sprecherin für Migration, Antirassismus, Frauen und Gleichstellung, Kinder und Jugend, sowie Queerpolitik.

Ihr Account spiegelt unter anderem ihre Arbeit als Politikerin wider. Sie thematisiert Rassismus nicht nur auf Instagram, sondern auch im Landtag. 

Hört euch außerdem gerne den Podcast “Das nehme ich mal mit” von ihr und Lasse Petersdotter an. Sie lassen uns an ihrer Arbeit als Politiker*innen teilhaben und zugleich werden auch Themen, wie Rassismus besprochen.

“Ich wünsche mir von unserer Gesellschaft, dass wir dieses Problem nicht als ein Phänomen betrachten, um das nur Minderheiten sich kümmern müssen. Sondern, dass wir das als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstehen.” – Aminata Touré

Was ich euch noch mit auf den Weg geben möchte: Setzt euch mit euren Gedanken, euren Verhaltensweisen und euren internalisierten Rassismen auseinander. Lest Bücher von Schwarzen Autor*innen, schaut euch Dokumentationen und hört euch Podcasts an. Es gibt so, so viele Möglichkeiten, sich diesem Thema anzunehmen. Auch das ist Arbeit. Sie kann anstrengend, belastend, aber auch befreiend, aufschlussreich und bewusstseinserweiternd sein. Wisst ihr, wir dürfen Schwarze Menschen in ihrem Kampf nicht alleine lassen. Sie erleben tagtäglich Rassismus. Stellt euch nur Mal vor, wie schmerzhaft und kräftezehrend das sein muss. Jeden Tag sehen sie sich Retraumatisierungen ausgesetzt. Lassen wir nicht zu, dass ihnen weitere Verletzungen zugefügt werden. Übernehmen wir die Verantwortung, in unseren Kreisen über Rassismus aufzuklären. Setzen wir die Privilegien, die wir genießen, sinnvoll ein. Stellt euch nicht vor oder hinter Schwarze Menschen. Steht neben ihnen im Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt. Das Wichtigste: HÖRT ihnen zu! Ihre Erfahrungen, ihre Geschichten sind valide. Nehmt sie ernst! Und fragt euch, was ihr tun könnt, um nicht nur gegen Rassismus, sondern aktiv antirassistisch zu sein!

No Justice, No Peace!

Wir sollten keine drei Stunden schlafen können, solange Schwarze Menschen benachteiligt werden. Wir sollten nicht zum Tagesgeschäft übergehen können, solange Schwarze Menschen kriminalisiert werden. Wir sollten keine Ruhe finden können, solange Schwarze Menschen nicht dieselben Rechte genießen, wie es weiße Menschen tun.

No Justice, No Peace. Seitdem ich diese gehaltvolle Aussage – die übrigens einen historischen Ursprung hat, mit dem ihr euch unbedingt beschäftigen solltet – im Zuge der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt gehört habe, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Arbeiten wir daran und kämpfen wir dafür, dass Schwarzen Menschen Gerechtigkeit zuteil wird.

Black Lives Matter.

Schwarze Leben zählen. Jedes Einzelne von ihnen!

Black Lives Matter.

Schwarze Leben sind wertvolle Leben. Sie alle sind wertvoll!

Black Lives Matter.

Eine Aufforderung an uns NB-PoC und weiße Menschen, sich dem Kampf anzuschließen, den Schwarze Menschen seit Jahrzehnten kämpfen. 

Der Kampf für ihre Rechte, der Kampf für ihre Leben, der Kampf für ihre Zukunft.

BLACK LIVES MATTER!

Text von Melis.
In der Kolumne “Wir” soll es in erster Linie darum gehen, marginalisierten Menschen eine Stimme zu geben. Sie ist also eine Art Plattform für Menschen, die sonst überhört oder gar ignoriert werden. Themen wie Rassismus, intersektionaler Feminismus, Empowerment und andere politische Themen sollen hier Platz finden. Die Kolumne ist aber auch ein Plädoyer für das Gemeinsame, das Wir. Sie ist eine Bewegung gegen das Spalterische, für das Miteinander.

Illustrationen von Linda.

Linda studiert Kommunikationsdesign in Bayern und liebt gute Gestaltung. Sie gibt definitiv zu viel Geld für Schreibwaren und Zimmerpflanzen aus und verbringt oft Stunden mit dem Sortieren ihrer Spotify-Playlisten.

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