Körper & Bewusstsein
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Unter der Spitze des Eisbergs

Ok Kids. Thema heute: Body Positivity.

Alles schon gelesen, alles schon gehört, wir haben doch kapiert, heute sind alle Körper schön und Magersucht ja so 2001. Nivea macht jetzt sogar Werbung mit dicken Körpern und Gilette mit unrasierten Beinen. We’re over it.
Oder?

Ja, das Schönheitsideal hat sich seit den 2000ern verändert: Heute wird nicht mehr so viel gehungert, und dafür mehr geschwitzt – für definierte Schultern, straffe Beine und Bauchmuskeln. Knochen sind out, Muskeln und clean eating sind in. Ist das besser? Keine Ahnung. Aber so lange es in dieser Welt überhaupt noch Schönheitsideale gibt, so lange Frauenzeitschriften ihre Existenz damit berechtigen, akribisch die Gewichtsveränderungen irgendwelcher Berühmtheiten zu dokumentieren und ich beim Fahrradfahren auf glatte Bäuche auf Werbeplakaten schauen muss, ist zu dem Thema noch nicht alles gesagt.

Auch heute leiden noch fünf Millionen Frauen und Männer in Deutschland an Essstörungen, von denen 100.000 an Magersucht und 600.000 an Bulimie erkranken. Und wenn im Jahr 2017 78 Menschen in Deutschland infolge einer Essstörung verstorben sind, sind das 78 Menschen zu viel.
Doch diese 78 Menschen sind bloß die Spitze des Eisberges.

Ein Viertel aller Sieben bis Zehnjährigen Mädchen hat schon mal eine Diät gemacht. 90% der weiblichen Teenager möchten abnehmen.

Man muss sich nicht auf 39 Kilo runterhungern, um ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper zu haben. Aber überlegt man, ob man selbst eine*n Magersüchtige*n kennt, fällt einem vielleicht dieses eine Mädchen aus der Nachbarklasse ein, das damals immer dünner wurde, und dann für ein halbes Jahr verschwand, oder das andere aus dem Sportverein, mit dem man nie geredet hat, aber die war auch schon immer so dünn gewesen.

Das waren halt tragische Geschichten, unglückliche Einzelfälle, dachte ich. Ich kannte die Bilder von ausgemergelten Bäuchen und müden Augen aus Dokumentationen im Internet, aus Infobroschüren aus der Schule oder Zeitungsartikeln über Anorexie. Naja, da haben sich auch gerade die Eltern getrennt, oder die hat ein bisschen viel GNTM geguckt, hieß es dann. Und ich habe diese Mädchen immer ein bisschen bewundert für ihren Willen, das so durchzuziehen.
Aber mit einem selbst würde es nie so weit kommen.

50% aller Mädchen halten sich für zu dick – obwohl sie Normalgewicht haben.

Fast forward, fünf Jahre. Ich bin 21, liege in meinem Bett in meiner WG und scrolle durch die Bilder, die Tumblr unter dem Hashtag #thinspo ausspuckt: Mädchen, die ihre Taille hinter einem A4 Blatt verstecken, die beneidenswert schlanke Finger auf beneidenswert hervorstehende Schlüsselbeine legen, die auf Beinen dünn wie Streichhölzer durch die Welt stacksen. So dünn war ich nie, so dünn werde ich nie sein. Ich werde nie am Tag drei Stunden Sport machen und danach nur einen Apfel essen können.

Aber eins verbindet diese krankhaft dünnen Mädchen und mich: der Hass auf unsere Körper und uns selbst. Wir hassen, dass unsere Beine beim Laufen aneinander reiben, dass unsere Bäuche so raus stehen und unsere Rippenknochen sich irgendwo unter einer Haut- und Fettschicht verstecken. Und gut, ich mache vielleicht nicht tägliche drei Stunden Sport und esse dann nur einen Apfel. Aber ich zwinge mich jeden Morgen, eine Dreiviertelstunde zu laufen und mich für den Rest des Tages von Unmengen Eisbergsalat zu ernähren, den ich mit ein bisschen Essig angemacht in mich reinstopfe. Ich schaffe es oft mit einem halben Liter Kaffee im Bauch bis nach der letzten Vorlesung um 15:45, und dann begrabe ich mein Hungergefühl in der Mensa mit tellerweise Grünzeug, von dem ich sicherlich nicht zunehmen kann.

Ich bin schlank, irgendwann sogar ziemlich dünn, und meinen Kommiliton*innen fällt auf, dass ich über die Wintersemesterferien abgenommen habe, und für mich ist ein Traum aus Schulzeiten in Erfüllung gegangen – ich komme nach den Ferien zurück, gut, nicht in die Schule, dafür in die Uni, und die Leute glotzen mich an und fragen, wie ich denn so abgenommen hätte.
Aber ich esse. Wenn ich zum Pizza backen oder zum Frühstück eingeladen werde, esse ich, ein bisschen weniger, ein bisschen anders als die anderen, aber ich esse. Ich bin dünn, aber dann auch nicht so magersüchtig dünn – also habe ich kein Problem, oder?

Lediglich 0.3-0.6% aller Frauen im Alter von 12 bis 35 leiden an Magersucht. Aber 20% aller Kinder von 11 bis 17 Jahren zeigen Symptome gestörten Essverhaltens.

Doch, genau das ist das Problem. Ich glaube, dass es so vielen Mädchen und Jungen genau so ging wie mir – wie haben uns aus verschiedenen Gründen gehasst, wir hätten an den meisten Tagen am liebsten geheult beim Blick in den Spiegel, und wir haben uns IMMER unwohl gefühlt in unserem Körper. Wir hatten mit Sicherheit ein problematisches Essverhalten, und vielleicht haben wir auch irgendwann mal in unserem Leben eine große Menge Gewicht verloren.

Nur sind wir nie den letzten Schritt gegangen – gar nichts mehr zu essen, sodass man nicht nur Fettpolster, sondern auch Haare, Fingernägel und irgendwann den Lebenswillen verliert.
Aber unser Problem ist real. Wir litten – und leiden – unter einem Perfektionszwang einer Leistungsgesellschaft, der auch den Teil von uns optimieren will, den wir nur in einem sehr beschränkten Rahmen verändern können: unseren Körper.

Denn X-Beine, runde Wangen, breite Schultern oder ein Festpolster am Bauch, das ist meist nun mal genetisch gegeben. Es ist fast egal, wie sehr ich mich herunterhungere, meine starken Oberschenkel bleiben bei mir. Bei anderen setzt Fett nun mal einfach vor allem am Bauch an, und kurze Beine werden immer kurze Beine bleiben. Aber da wir keine der Extremfälle sind, gestatten wir uns selbst, unserem Wohlbefinden und unserem Körper nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient.

Ich kann heute sagen, dass ich meine Essstörung überwunden habe (und ja, ich sage Essstörung dazu). Ich werde mit Sicherheit nie wieder in die Essmuster fallen, in denen ich vor etwa drei Jahren gesteckt habe – es ist außerdem unglaublich kräftezehrend, man friert ständig, ist immer müde und dieser Selbsthass frisst einen mit der Zeit auf.
Heute liebe ich Essen: es ist fester – und manchmal bester – Bestandteil meines Tagesablaufes und mindestens zweimal am Tag esse ich eine Mahlzeit, die ich mir selbst zubereitet habe. Ich würde nie mehr das Abendessen überspringen, um am nächsten Tag mit flacherem Bauch aufzuwachen. Und außerdem liebe ich mich selbst, meine Umwelt und alle Menschen um mich herum ein bisschen mehr.

Aber das habe ich nicht alleine, sondern mit der Hilfe einer Psychologin geschafft. Auch wenn ich nie in eine stationäre Behandlung musste, und die Essstörung auch das war, was sich am leichtesten bei mir behandeln ließ, brauchte ich professionelle Hilfe. Dabei war ich noch weit von der Spitze des Eisberges entfernt.

73% der Frauen finden ein Gewicht unterhalb des Normalgewichts am attraktivsten.

Heißt das, dass ich heute ein 100% gesundes Verhältnis zu meinem Körper habe? Nein. Wenn ich heute in der Umkleidekabine stehe, mustere ich immer noch oft kritisch meine Beine und meinen Bauch. Und ja, es fällt mir auf, wenn andere Frauen viel schlanker sind als ich, und wahrscheinlich bin ich neidisch auf sie. Ich mache (nicht nur, aber auch) so viel Sport, damit ich stark und schlank bleibe, und damit ich so viel essen kann, wie ich nun mal heute esse.

Wenn man jahrelang ein problematisches Verhältnis zum eigenen Körper hatte, wird einen das immer begleiten. Wer süchtig nach Zigaretten oder Alkohol war, wird immer Schwierigkeiten haben, sich nicht der Versuchung hinzugeben. Ein ehemaliger workaholic wird vermutlich nie den Gedanken aufgeben können, dass die eigene Arbeit noch ein bisschen perfekter sein könnte.

Das Wichtigste ist, dass man sich diese Tatsache eingesteht und lernt, sich trotz dieser inner demons – selbstkritische Gedanken, Selbstzweifel, und Unsicherheiten – wohl zu fühlen.
Ich bin heute nicht mehr essgestört, aber ich fühle mich eben immer noch nur wohl, wenn ich das Gefühl habe, einen schlanken und trainierten Körper zu haben. Ich esse auch heute lieber noch Salat als Burger, und klar unterwerfe ich mich damit dem Diktat der Schönheitsindustrie. Aber manchmal ist es eben wichtiger, dass ich mich, wenn ich heute Abend ausgehe, in meinem eigenen Körper wohl fühle.

Klar könnte ich mein Schönheitsideal weiter aufarbeiten, hinterfragen, um irgendwann sagen zu können, dass ich mich auch mit 40 Kilo mehr todschön finden würde. Aber es ist auch schon mal ein Ziel erreicht damit, dass ich mich selbst mit 10 Kilo mehr als vor drei Jahren richtig schön finde. Und dass ich seit sicher einem Jahr keine Waage mehr betreten habe.

Es ist in Ordnung, dass ich diese inner demons nicht vertreiben kann. Viel wichtiger ist, dass ich, wenn sie mir zuflüstern, dass ich aus diesem oder jenem Grund nicht schön bin, zurückflüstern kann, dass ich gepflegt auf sie scheiße.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass Essstörungen auch Symptom eines gelangweilten, privilegierten, wohlhabenden Teils der Weltbevölkerung sind. Im Vergleich zu beispielsweise Flucht- oder Missbrauchserfahrungen kann man sehr gut lernen, mit einer Essstörung zu leben. Doch um das volle Ausmaß des Eisberges zu erkennen, der sich unter der Spitze versteckt, müssen wir endlich verstehen: Auch der Schmerz, den ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper auslöst, ist real. Er ist ausgelöst von einem kranken Perfektionszwang, dem die kapitalistische Verwertungslogik uns unterwirft.
Und – viel wichtiger – er muss nicht sein.

Niemand sollte auch nur einen Tag seines Lebens unter dem Körper leiden, mit dem er (bzw. im Falle von Essstörungen meistens sie) in die Welt gesetzt wurde. Und wir sollten nicht erst zum Extremfall werden, bevor wir erkennen, dass wir ein Problem haben. Und das gilt nicht nur für Essstörungen, sondern für alle psychischen Erkrankungen.


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Zahlen, Daten, Fakten in diesem Post kommen hier und hier her.

Gastgedanken von Emily. Sie ist 23 Jahre alt und seit zwei Jahren auf Auslandssemester in Shanghai. Sie liebt früh aufstehen, tanzen, und laut über blöde Witze lachen. Außerdem glaubt sie, dass Fahrrad fahren der Schlüssel zum Glücklichsein ist und verbringt gerne den ganzen Tag in Cafés.

Collagen von Imina.

1 Kommentare

  1. chrissi sagt

    wie wahr! ich denke, dass viele sich (leider) mit deinen Worten identifizieren können

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