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Das sollte doch mein Jahr werden! #Reisegedanken

Reisen ist ein wirklich schlechtes Thema im Moment. Ich weiß das. Für viele ist es mit Sicherheit das Letzte an das sie gerade denken möchten, weil sie ihren Kopf voller ganz anderer Sorgen haben. Für manche ist durch das Reiseverbot viel kaputt gegangen.

Ich habe letztes Jahr Abi gemacht, befinde mich und kenne viele, die im Pausenjahr sind. Das Jahr zwischen Schule und dem Ernst des Lebens oder so. Viele wollten ins Ausland, für Hilfsprojekte, Freiwilligenarbeit und manche auch zum rumreisen und Welt entdecken. Vorher hatte man gearbeitet und gespart und gewartet, um dann weggehen zu können, vielleicht für ein ganzes Jahr. Die meisten sind wiedergekommen, nie losgefahren. Jetzt hängen viele in der Luft, plötzlich und unvermittelt mit einem Haufen voll Zeit ohne Plan & Perspektive und dem bitteren Beigeschmack von das sollte doch mein Jahr werden.

Ich habe immer wieder gemerkt, wie ungern ich darüber rede. Es passiert so viel Schlimmes. Menschen sterben, sind krank, können nicht mehr arbeiten, sorgen sich um ihre Existenz und die ihrer Liebsten. Auf der Liste der schlimmen Dinge, die durch Corona entstanden sind, steht auf jeden Fall nicht, dass irgendwelche überprivilegierten Jugendlichen viel zu viel Freizeit haben und jetzt zuhause abhängen, statt in der Weltgeschichte rumzuturnen. Denk’ ich mir so und schlucke diverse Enttäuschungen der letzten Wochen von mir und Leuten, die ich gern habe, dann lieber einfach runter.

Jetzt denke ich, dass ich es gerne aussprechen würde, dass das ein großer Mist ist. Damit vielleicht Du dich nicht alleine fühlst, mit enttäuschten Erwartungen, denen du gerade keinen Raum zugestehen willst. Ich bin auch ziemlich sauer. Eigentlich ununterbrochen. Ich weiß trotzdem, dass es vielen ganz ordentlich viel schlechter geht als mir. Auch wenn es sich vielleicht nicht immer so anfühlt, weiß ich, dass meine gewonnene Zeit kein Problem, sondern ein Privileg in dieser Situation ist und ich damit viel helfen kann!

Was ich furchtbar vermiss’

Ich vermiss’ Strand, Sand, Meer, hohe Wellen. Vermiss’, den Rucksack ein- und auszupacken und festzustellen, dass man viel weniger braucht, als man immer so denkt. Wäscheleinen basteln und Rei in der Tube, salzige Luft in der Nase und im Mund. Ich vermiss’, eine Sprache nicht zu verstehen, zufällige Begegnungen, sich so richtig über Google Maps aufzuregen und sich dann und wann durch Städte treiben lassen. Aperol Spritz am Meer, Frühstück im Park und Nudeln mit Tomatensauce eine ganze Woche lang. Ich vermiss’ es furchtbar, Lieder zu finden, die mich von jetzt an nur noch ans Reisen erinnern werden, viel zu viel in Cafés abzuhängen und über ganz andere Dinge zu reden als sonst so. Im Schlafanzug den Snackautomaten zu plündern und ein Allesegalgefühl, auf die gute Weise. Manchmal vermiss ich muffige Zelte und ranzige Hostelzimmer. Dann das Neue, irre Ausblicke, die man kaum fassen kann und abends völlig fertig nichts mehr als duschen und in seinem Bett schlafen wollen.

Wie es so geht

Ich bin gerne ein Erinnerungsmensch. Ich kann ewig lange über alte Zeiten quatschen, schaue Fotos und Videos an und manchmal auch die orangene Kiste mit alten Tickets und Eintrittskarten und Kram. Jetzt macht es mich eher traurig, weil ich denke, dass ich gerade an einem Punkt bin, an dem ich mich nur noch erinnern kann und gar nichts mehr erleben. Dann fühl ich mich, als würde ich nur noch warten. Einfach warten, warten, warten, bis der ganze Alptraum vorbei ist und alles wieder wird, wie es mal war.

Corona macht sehr, sehr viele Sorgen. Sorgen um Gesundheit und um Existenzen, um die Wirtschaft und darüber, wie ein Danach aussehen wird. Corona macht auch, dass ich einmal mehr verstehen kann, was Privilegien sind, dass Freiheiten nicht normal und auch fragil sind. Ich kann wirklich ehrlich nicht mehr hören, dass Corona auch Positives mit sich bringt und das Wort „Entschleunigung“ wird zweifellos mein Unwort des Jahres, aber Dinge zu schätzen, nehme ich mit. Die Momente am Meer, die in kleinen Gassen und die unter Wolkenkratzern. Die salzigen, die sonnigen, die in Schlangen und rempelnden Menschenmengen. Und verdammt, würde ich gerne wieder wegfahren.

Was jetzt aus dem Jahr wird

Urlaub wird irgendwann bald mit sehr vielen Einschränkungen langsam wieder möglich sein. Aber zu reisen, egal wohin, ganz frei, ohne Plan, ohne Angst und Unwohlsein wohl nicht. Ist gut so. Kann man sich dann nicht vielleicht ein bisschen Urlaub nach Hause holen?

In Erinnerungen schwelgen, kann wunderschön sein, kann einem auch auf die Füße fallen, so wie mir. Ich liebe es, Erinnerungen zu verbasteln, vielleicht einen Film zu schneiden aus den letzten Urlaubsvideos, etwas aufzuschreiben, das Schönste, das Schlimmste, das Erschreckendste, das Merkwürdigste was dir passiert ist, vielleicht auch was du furchtbar vermisst? Ein Fotoalbum machen, Collagen, malen, du weißt schon, kreativ werden und ausprobieren, muss ja niemand sehen am Ende.

Du kannst dich fragen was du vermisst, etwas das dich am meisten ans Wegsein erinnert. Vielleicht in der Natur sein, am Meer, in den Bergen, im Wald. Oft gibt’s das um die Ecke, man hat nur noch nie richtig hingesehen. Ich glaube es sind oft Dinge, die man zuhause auch gerne machen würde, sich aber nicht die Zeit nehmen kann oder will. Abendspaziergänge, Wolken beobachten, ein Buch nach dem anderen lesen, Eis essen. Vielleicht.

Überleg mal, was du so richtig liebst, am Reisen. Vielleicht ist es, etwas Neues zu sehen und zu lernen, mal über den Tellerrand schauen. Manchmal einfach dem Alltag zu entfliehen, vielleicht den Ängsten und dem Stress. Im Jetzt zu sein und wirklich aufmerksam. Bestimmt geht’s dir genauso, mir fallen wahnsinnig viele Dinge ein, die ich neu lernen könnte, mit denen ich mich auseinandersetzen könnte, über die ich nichts weiß. Ich hab tausend Ideen dem Alltag, vielleicht auch ein bisschen mir selbst zu entfliehen, bin mir aber nicht sicher, ob es besser wäre, sich genau jetzt mit seinen Ängsten und dem Stress auseinanderzusetzen. Vorteil für Sommer auf Balkonien!

Mir ist klar, das ersetzt alles nichts. Aber vielleicht geht es um etwas anderes. Vielleicht darum, die Zeit so zu nehmen wie sie ist und Dinge so zu machen, wie sie im Moment funktionieren. Mal so richtig zu heulen, weil die Sachen, die du sonst liebst, nicht mehr gehen, klar. Und du darfst dir den Platz nehmen für deine Enttäuschungen und drüber reden. An dieser Stelle hier, ein fürchterlich unpassender, wirklich ätzender Allzeitelternklassiker, Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Denn wahr ist der allemal!

Der Text ist von Hannah. Im Moment lebt sie ein Leben zwischen Schule und Ungewiss und genießt das meistens sehr. Wer sie ist, will sie eigentlich gerade herausfinden, aber irgendwie ändert sich das eh ständig und immerzu. Reisen ist ihre kleine Liebe!

Jeden zweiten Monat schreibt sie deshalb in ihrer Kolumne über ferne Orte, fremde Plätze, über ihre Gedanken und Gefühle dazu und darüber, warum sie findet, dass jeder ab und zu mal weggehen sollte, am besten dahin, wo es ganz anders ist als sonst so.

Bilder von anonym. Bearbeitet von Nora.

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