Liebe & Triebe
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Auf Augenhöhe #Zeitgeist*in

„Und irgendwann sprang der Funke einfach über.“

Sie ist 20 Jahre alt und er ist 51. Seit etwas über zwei Jahren sind sie ein glückliches Paar. Lange waren sie einfach nur gute Freunde, haben sich gegenseitig viel Zeit gegeben, sich ihren Gefühlen füreinander bewusst zu werden. Und sich letztlich doch für eine Beziehung entschieden.

31 Jahre trennt die beiden, oder bringt es sie nur noch näher zueinander?

Um mit irritiertem Stirnrunzeln – eine physische Begleiterscheinung, wenn es um dieses Thema geht – aufzuräumen, haben sie mir ihre Geschichte erzählt. Da vom höchsten Hoch und tiefsten Tief berichtet wurde, möchten beide anonym bleiben. Habt Verständnis!

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Sie: Er war Lehrer bei mir in der Schule. Zwar war er nicht direkt Lehrer meiner Klasse, aber man hat sich eben viel gesehen. Dadurch, dass ich viele Texte wie Poetry Slams oder Gedichte geschrieben habe, sind wir aufeinander aufmerksam geworden. Im Januar 2018 habe ich bei einem Theaterstück mitgewirkt, bei dem er zugesehen hat. Wir haben uns viel darüber unterhalten, uns wohlgefühlt und schon hier ist der Funke übergesprungen. Im Februar sind wir dann Ski fahren gegangen, wo wir uns zum ersten Mal auch richtig kennenlernen und sehr persönlich-intime Gespräche führen konnten. Ganz ohne Lehrer-Schüler-Ebene. Im April haben wir dann gemerkt, dass da doch mehr zwischen uns ist, haben uns aber trotzdem gegenseitig sehr viel Zeit und Raum gegeben, über unsere Gefühle nachzudenken. Er war sich bewusst, dass es meine erste Beziehung sein würde und deshalb haben wir uns auch sehr lange Zeit gelassen, bis es intim wurde. Es sollte einfach nichts Oberflächliches, keine Affäre sein.

Wie war der erste Eindruck, den ihr voneinander hattet?

Er: Dadurch, dass sie vor allem im kulturellen Bereich aktiv war, hatte ich den Eindruck, dass sie eine sehr ausprägte Persönlichkeit haben muss. Das was sie gesagt hat, wie sie es gesagt hat, hat sehr mit dem in mir übereingestimmt. Wir waren einfach auf einer Wellenlänge. Ich war neugierig auf sie, wollte sie unbedingt kennenlernen, weil sie sehr interessant wirkte, natürlich auch visuell.

Sie: Bei mir war es etwas schwierig, einfach, weil die Lehrer-Schüler-Ebene sehr im Weg stand. Für mich war er schon immer unfassbar attraktiv. Aber auch seine Intelligenz, die für mich sehr wichtig ist. Das merkte man im Austausch schon, dass das passt. Und nachdem sich Gefühle entwickelt hatten, hat sich auch der erste Eindruck bestätigt. Wir haben uns einfach widergefunden in unseren Ansichten übereinander und wollten von Beginn an unfassbar gerne miteinander befreundet sein.

Er: So komisch es klingt. Der größte Wunsch, den ich hatte, war mit ihr zusammen ins Theater zu fahren, eine Vorstellung ansehen.

Wann kam es zum ersten Kuss, wie habt ihr euch dabei gefühlt?

Sie: Wir waren immer draußen spazieren, weil wir uns ja nirgends treffen konnten, wo wir auf andere Menschen treffen würden. Zum Glück war es warm, sommerlich. Dabei haben wir einen Platz gefunden, in einer Sandsteinschlucht, wo wir uns auch zum ersten Mal geküsst haben. Es hat sich total richtig angefühlt für uns beide und war ein wichtiger Moment. Bis heute ist die Schlucht ein ganz besonderer Ort für uns.  

„Natürlich schauen die Leute.“

Inwieweit hat euch der Altersunterschied schon mal verunsichert?

Sie: Bei mir ist es schon etwas anders als bei ihm. Mein soziales Umfeld, das in meinem Alter ist, sucht natürlich überwiegend etwas anderes. In meinem Freundeskreis war ich nicht verunsichert, denn meine ganz engsten Freunde wissen davon. Aber die Blicke in der Öffentlichkeit haben mich schon sehr verunsichert, vor allem in meinem Dorf.

Er: Ich war mir der Verantwortung nie bewusst und habe immer die Frage gestellt, ob ich das denn dürfe. Sie war 18 und ich war ein bisschen älter, worüber ich viel nachgedacht habe. Ich habe in ihr aber einfach eine sehr reife Frau gesehen, die mit der Situation und den damit verbunden Anfeindungen sehr gut umgehen können würde. Deshalb habe ich mich dann dazu entschlossen, meinen Gefühlen keinen Einhalt zu gebieten und mich für sie entschieden.

Sie: Ab dem Punkt, an dem wir gemerkt haben, dass wir beide ziemlich stark sind und über Anfeindungen hinwegsehen können, haben wir auch nie wieder unangenehme Situationen verspürt, sie nicht mehr an uns rangelassen. Natürlich schauen die Leute.

Er: Wir sind immer unverwundbarer geworden.

Wie hat euer Umfeld auf eure Beziehung reagiert?

Sie: Zuerst habe ich meiner besten Freundin davon erzählt. Sie war von Anfang an mit dabei und hat sich tierisch für mich gefreut. Bei meinem besten Freund war es ähnlich. Er ist schwul. Und in unserem Dorf bist du einfach Außenseiter, wenn du anders bist. Deshalb haben er und seine Familie mich sehr unterstützt. Meine Familie habe ich nicht mit ins Vertrauen gezogen, da ich weiß, dass auch nach viel Reden kein Verständnis kommen würde. Ich wollte es schon so oft einfach erzählen, weil ich mich natürlich mit meiner Mama über manche Dinge austauschen möchte. Aber ich habe einfach Angst, dass ich mich dann zu sehr von meiner Familie entferne. Und das ist wirklich hart, weil ich seit zwei Jahren eine geheime Beziehung führe.

Er: Sich immer heimlich treffen und Ausreden finden zu müssen, das ist schon sehr belastend. Bei mir ist es anders. Meine Familie nimmt sie sehr gut auf und alle kommen gut miteinander aus und sind sich sehr sympathisch.

Sie: In unserem Dorf werden sehr viele Gerüchte gestreut. Wir sind an fast jedem Bierabend Thema der Runde. Es ging dann so weit, dass eine gewaltige Rufmordwelle durch unser Dorf rollte. Darüber, dass er „auf kleine Mädchen stehe“ oder dass er „ja seinen Lehrerjob nicht mehr ausführen könne“. Deshalb ist er dann zu seiner Vorgesetzten gegangen und hat alles aufgeklärt. Mittlerweile hat sich das weitestgehend gelegt.

„Wir sind alterslos.“

Wie empfindet ihr die gesellschaftliche Vorstellung, wie groß der Altersunterschied zweier Menschen sein darf? Gibt es für euch eine Grenze?

Sie: Grundsätzlich ist alles, was sich im Bereich der Minderjährigkeit bewegt, tabu. Ich glaube, es kommt aber allgemein immer stark auf den Menschen individuell an. Auf die Reife. Für manche mag unser Altersunterschied viel zu groß sein, aber man spürt es eben nicht. Wir sind alterslos. Deswegen habe ich auch keine Grenze.

Er: Wenn ich mit ihr zusammen bin, spielt Alter überhaupt keine Rolle, auch in meinem Inneren nicht. Klar, wenn ich sie sehe, sehe ich natürlich ihre Jugend, aber in meinem Kopf und in meinem Herzen ist das überhaupt kein Thema. Das wird es immer erst dann, wenn Dritte ins Spiel kommen. Durch die Blicke der anderen. Das merkt man vor allem hier in dieser kleinbürgerlichen Welt.

„Wir sind auf Augenhöhe.“

Welche Vorurteile könnt ihr nicht mehr hören?

sugar daddy

Sie: Das ist so das krasseste Vorurteil. Er ist Gymnasiallehrer, da denkt man natürlich, dass er viel Geld hätte, aber nein, dafür sind wir beide viel zu weit. Ich will mich auch gar nicht abhängig machen von ihm. Wir denken auch einfach nicht materiell.

Trophäe

Er: Das kommt meist von Männern. Der Gedanke, dass sich der Mann in der Beziehung mit der Frau verjüngen müsse. Natürlich brüstet man sich innerlich, aber nach außen hin auf keinen Fall.

Vaterkomplex

Sie: Nein. Ich habe erstens einen Vater, der viel für mich da war und auch noch ist und zweitens habe ich auch nicht das Bedürfnis mit ihm intim zu werden. Das kann man schlichtweg nicht vergleichen.

Erfahrung

Sie: Ja, das stimmt. Ich habe mir ganz bewusst einen Mann mit Erfahrung ausgewählt, weil mir die Jungs in meinem Alter einfach zu unreif, teils auch zu schüchtern waren und ich nicht wusste, wie ich damit hätte umgehen sollen. Ich wäre gerne diejenige, die eingeführt wird in Beziehung und Liebe.

Fetisch

Sie: Auf keinen Fall. Ich könnte mir auch Beziehungen mit jüngeren Menschen vorstellen. Und er sich auch, nur natürlich andersrum.

Wie stellt ihr euch die Beziehung in 20 Jahren vor? Möchtet ihr Kinder oder heiraten?

Sie: Wir sind grundsätzlich eine Beziehung, die in der Gegenwart lebt und nicht plant. Das geht schon deshalb nicht, weil ich es meinen Eltern verschweige.

Er: Lebensplanung haben wir keine. Einfach, weil ich nicht der Vater ihrer Kinder werde. Das wissen wir beide.

Sie: Ich will schon Mama werden und natürlich würde ich am allerliebsten mit ihm Kinder bekommen und ihn heiraten, aber das haben wir uns beide verwehrt. Sowieso bin ich im Moment für noch keinen dieser Schritte bereit. Wir haben festgelegt, dass unsere Beziehung so lange geht, wie wir uns wohlfühlen und dann sehen wir weiter.

Er: In 20 Jahren sind wir gute Freunde und ich der Pate ihrer Kinder, wenn der Kindsvater da mitmacht. So haben wir uns das erträumt.

Sie: Der Kontakt wird niemals abbrechen, dafür sind wir uns einfach zu wichtig. Aber es wird dann einfach keine Beziehung mehr geben.

„Was haben wir falsch gemacht bei dir?“ „Gar nichts, alles richtig gemacht!“

Welche Vor- und welche Nachteile seht ihr in eurem Altersunterschied?

Er: Ich habe einfach eine wunderhübsche, junge Frau neben mir, da machen wir uns nichts vor. Ich habe sie immer als mein Geschenk bezeichnet.

Sie: Erfahrung, auf jeden Fall. Wir bringen uns aber gegenseitig ganz viel bei.

Er: Auch beim Sex. Da habe ich natürlich ein gewisses Maß an Erfahrung, aber da staune ich auch über die Reife, die sie mit ins Bett bringt. Diese Augenhöhe ist schon toll.

Er: Ein Nachteil ist natürlich die Lebenswelt, die uns trennt. Gewohnheiten, zum Beispiel der Umgang mit dem Handy, Instagram und so weiter. Das ist nicht meine Welt.

Sie: Unsere Beziehung ist wirklich manchmal der wahrgewordene Generationskonflikt *lachen*. Ich finde es aber total schön, dass er so ein großes Vorleben hat. Man muss sich vorstellen, er könnte mein Vater oder sogar mein Opa sein, aber es bringt so viel Reife und Erfahrung im Umgang mit sich.

Was ist euer größter Wunsch, was den Umgang mit diesem Thema angeht?

Sie: Allen Menschen, die (vorsichtig gesagt) „anders“ sind, mehr Offenheit entgegenzubringen. Denen, die die Neigung empfinden, sich in eine ältere/jüngere Person zu verlieben mehr Information und mehr Sicherheit zu geben. Aber auch zu vermeiden, das Ganze als krankhaft oder als Vaterkomplex abzuschreiben. Denn damit stellt man sich letztlich nur selbst infrage, ob man überhaupt normal sei. Das ist so schade. Und generell mit all diesen Vorurteilen aufzuräumen, bis man die Person auch wirklich kennt. Denn urteilen lässt sich schnell.

Er: Es wäre wünschenswert, Menschen einfach Menschen sein zu lassen. Nicht übereinander zu urteilen. Daran zerbrechen Beziehungen, gerade unserer Art der Beziehung, schnell.

Sie: Das ist ein Hauptgrund, warum es zerbricht. Nicht, weil das Alter eine Rolle spielt, sondern weil die Gesellschaft die größere Rolle spielt.

Er: Ihre Mama hat sie mal gefragt: „Was haben wir falsch gemacht bei dir?“. Gar nichts, alles richtig gemacht!

Sie: Unser Wunsch ist es, mit unserer Geschichte diese Vorurteile beiseite zu schaffen und anderen Mut zu machen, ein bisschen Sicherheit zu geben. Und vor allem zeigen: eure Beziehung ist normal, lebt sie aus. Es ist nichts Ungesundes, nichts, wofür man sich jemals schämen müsste.

Danke an euch für eure Offenheit!

Der Podcast zum Interview wurde von Dessany eigesprochen, um die Anonymität der Beiden zu wahren:

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Interview von Dessany und Illustrationen von Luise.

Dessany ist einundzwanzig und lebt in Leipzig. Sie ist voller Neugier für das Leben mit all dessen Höhen und Tiefen. Wenn sie nicht Tee trinkend über genau dieses philosophiert, tanzt sie durch die Welt oder steckt ihre Nase in Bücher.
In ihrer Kolumne Zeitgeist*in dreht sich alles um Themen, die uns grübeln lassen, über die offen zu reden aber schwer fällt. Sie möchte ihre Leser*innen sensibilisieren und motivieren für sich und andere stark zu sein.

Luise ist eine junge Gestalterin und Künstlerin, sie lebt in Berlin und studiert dort an der Universität der Künste. Sowohl in der Kunst, als auch im echten Leben liebt sie die Spannungen zwischen dem Komischen und Sensiblen, dem Ehrlichen und Emotionalen, der Freiheit und dem in Gedankenversinken.

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