Gastgedanken, Selbst & Inszenierung
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Woher weiß ich, was das Richtige ist? #Mut(Ich)

Nachdem ich die letzten Jahre den Großteil meiner Zeit genutzt habe, einen Umgang mit meinen Gedanken und der Vergangenheit zu erlernen, wollte ich dieses Jahr endlich auf eigenen Beinen stehen. Endlich anfangen, wieder eigenes Geld zu verdienen, um mehr Selbstständigkeit zu erlangen und endlich nicht mehr abhängig von jemand anderem zu sein. Bin von Praktikum zu Praktikum gehangelt, um einen Beruf zu finden, der mich erfüllt und sich nicht nur wie ein Mittel zum Zweck anfühlt.

Ursprünglich hatte ich den Plan, zurück nach Hannover zu ziehen, wo ich schon 2 Jahre wirklich gern gewohnt habe und wo meine beste Freundin lebt. Deshalb habe ich angefangen mich zu bewerben, schon ein Jahr im Voraus. Damit ich machen kann, was ich mir vorstelle und endlich etwas habe, auf das ich mich freuen kann. Auf das ich hoffentlich stolz bin und wofür sich die Überwindung, die solch eine Veränderung mich kostet, lohnt.

Egal wie oft mir im Voraus geraten wurde Ablehnungen nicht persönlich zu nehmen, ist es mir doch nicht lang gelungen.

Ganz zur Freude meiner destruktiven Gedanken, die ich so sehr versuche auf Abstand zu halten und nicht gewinnen zu lassen. Dass die letzten Jahre, all das Kämpfen gegen die Negativität in mir umsonst war. Dass genau diese mir noch heute im Weg stehen, obwohl alle um mich herum versuchen mich dazu zuermutigen, weiterzumachen.

Nur wie, wenn mir niemand eine Chance gibt?

Meine Frustration wuchs immer mehr, während mein Mut weiter zu machen, stetig sank. Wenn ich eins über mich weiß, dann, dass ich hervorragend darin bin, diverse “was wäre wenn”- Szenarien durchzugehen und jedes “Nein” auf meine Selbstzweifel zu projizieren. Monat um Monat verging — ohne Ausblick auf Erfolg.

Aber, weil die schlimmste Option gewesen wäre, aufzugeben und mein Leben weiter in die Hände von Anderen zu legen, habe ich weitergemacht. Versucht, es einfach als Chance zu sehen und als Versuch, bei dem ich absolut nichts zu verlieren habe. Und so hat es auch geklappt. Während ich durch ein absolviertes Praktikum ein Ausbildungsangebot bekam, wurde ich gleichzeitig zu zwei weiteren Gesprächen eingeladen, die beide in einer Annahme endeten. Es ist wohl die Situation aufgetreten, über die ich mir die allerwenigsten Gedanken gemacht habe. Nämlich, dass die Wahl bei mir liegt. Dass ich eine Auswahl habe, selbst die Entscheidung treffen kann, wo und mit wem ich arbeiten möchte, statt bloß toleriert zu werden.
Und nicht nur das, sondern letztlich auch wo ich meine Zeit verbringen möchte. Ob ich bleiben oder gehen möchte – In eine neue Stadt, ein neues Bundesland, eine neue Firma und eine neue Wohnung. Was mich gleichzeitig wieder in Traurigkeit hat versinken lassen, weil ich das Gefühl hatte, nichts zu haben, was mich hält, zumindest nicht genug.
Weil nichts genug scheint.
Dass es mir zu wenig ausmacht, drei Stunden entfernt neu anzufangen. Mal wieder.

Die Herausforderung, die mich die letzten Monaten und Woche unheimlich eingenommen hat, war, dass ich ständig in vermeintlichen Gedanken von meinem Umfeld gefangen war.
Gemutmaßt habe, was passieren könnte, wenn…
Wen ich wie sehr enttäusche, wenn ich das tue oder eben nicht. Tag für Tag habe ich abgewogen, was wohl die “richtige” Entscheidung zu sein scheint und bei welcher Option meine Angst vor Reue weniger anspringt. Aber genau das hat mich belastet. Weil ich erstmal ein Gefühl dafür entwickeln muss, was sich für mich gut anfühlt, wie ich Entscheidungen treffe, ohne diese von Außen abhängig zu machen.
Ständig wurden mir lieb gemeinte Ratschläge erteilt, ich solle auf mich hören und müsse selbst wissen, was sich besser anfühlt. Und genau das habe ich so lange unterdrückt, bis ich es schließlich ganzlich verlernt habe. Bin Tag für Tag sowohl Vor-, als auch Nachteile durchgegangen. Ständig schwankend, weil ich mich, wie so oft, darauf konzentriert habe, was ich aufgeben muss, wenn ich diese Wahl treffe. Immer nur gesehen, was es zu verlieren gibt. Denn gefühlt war da nichts, was ich hätte gewinnen können, solange ich so mit der Entscheidung gekämpft habe.

Als ob ich vermisse, was ich noch gar nicht verloren habe, gemäß dem Zitat “Sometimes I already miss what I haven’t yet lost” von Jonathan Safran Foer.

Eine Zeit lang wäre es mir am liebsten gewesen, hätte jemand aus meinem Umfeld einfach entschieden. Für mich.
Weil es mir leichter fällt, letztlich die Verantwortung abzugeben, als selbst mit der Situation konfrontiert zu sein, eventuell meine Entscheidung zu bereuen oder mir zu wünschen, ich hätte eine Andere getroffen.
Nur wäre es dann nicht mein Leben.

Irgendwann habe ich realisiert, dass ich nie an dem Punkt ankommen werde, dass ich hundertprozentig sicher bin, welche Entscheidung die Bessere, beziehungsweise meine ist. Dass ich irgendwann aufgeben muss, alles haben zu wollen, alles aufzuholen, was ich mir die letzten Jahre nicht erlaubt habe. Chancen nicht genutzt zu haben, weil ich mit mir selbst beschäftigt war und gegen mich selbst angekämpft habe. Vielleicht endlich loslassen zu müssen von dem Ich, das ich war, um weiterzugehen und aus Fehlern zu lernen.
Dass ein gewisses Risiko dazu gehört, ganz egal für was ich mich entscheide. Dass das Einzige, was ich machen kann ist, es jetzt zu versuchen – nach bestem Wissen und Gewissen. Mich für eine Option zu entscheiden, bevor so viel Zeit vergeht, dass weder die eine noch die andere Variante bleibt. Und dass ich nicht danach entscheiden sollte, wo die weniger unangenehmen Gespräche, Fragen und Konfrontationen auf mich warten. Und vor allem, dass ich nicht erwarten kann, auf einmal Vertrauen in mich selbst und meine Bedürfnisse zu entwickeln. Dass ich sofort weiß, was sich richtig anfühlt, was das Beste für mich ist.
Denn genau das braucht Zeit, ist ein Prozess, den ich nicht erzwingen kann. Nicht in dem Ausmaß. All die Jahre habe ich mir antrainiert, genau meinen Bedürfnissen entgegen zu handeln, nur darauf fixiert, was am wenigsten schlimm ist, am wenigsten Schmerzen verursacht.
Wie kann ich also denken, dass ich meine Gedanken von einen auf den anderen Tag umlenken kann, ohne zu (ver)zweifeln?
Sein Leben zu formen ist ein Prozess. Kein Weg, der in Stein gemeißelt ist, sondern auf dem man Einfluss nehmen kann. Nein, nicht man, sondern ich. Und bei dem keine Entscheidung eine endgültige sein muss, weil es auch immer einen Weg zurück gibt, solange ich mir selbst diese Möglichkeit lasse.

Es ist meine Wahl und an der Zeit, dass ich diesem Privileg gerecht werde.

Deswegen habe ich eine Entscheidung getroffen.
Habe aus beiden Versionen meine gemacht.
Und kann es kaum erwarten.

Jacqueline ist 22 Jahre alt und lebt an der Ostsee. Sie liebt es, sich in Büchern zu verlieren, sich Gedanken über die kleinen und großen Dinge des Lebens zu machen und diese in Form von Wörtern oder Zeichnungen zu verarbeiten. In Ihrer Kolumne „Mut(Ich)“ soll es um den Umgang mit Herausforderungen des alltäglichen Lebens gehen. Zu lernen, über sich selbst hinauszuwachsen.

Die Bebilderung ist von Lisa.

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