Selbst & Inszenierung
Schreibe einen Kommentar

Barmherzigkeit – #Werbistduwirklich?

Ich lasse meine Augen geschlossen und höre den Vögeln noch eine Weile zu, beschließe ich, bevor ich in den Tag starte. Mein Dachfenster ist schräg geöffnet und eine kleine Windböe zieht durch meine Wohnung. Ich versuche den Vögeln ganz genau zu folgen, wer kommuniziert mit wem? Sind die Töne, die sie von sich geben immer die selben? Was für eine Sprache haben Vögel wohl? Ich weiß, wenn ich jetzt meine Augen öffne und nach links auf meinen Wecker schaue, ist es kurz vor sieben Uhr. Ich weiß es einfach, weil es jeden Tag immer kurz vor sieben Uhr ist, wenn ich zum ersten Mal meine verklebten Augen aufmache. 

Natürlich ist es auch heute sieben. 

Ich gehe runter, schiebe mir zwei Brotscheiben in den Toaster und mache mir eine Kanne heißes Wasser mit Ingwer. 

Ich weiß das alles klingt ein wenig Banal, irgendwie sinnlos, aber es sagt ganz schön viel über meinen derzeitigen Gemütszustand aus. 

Ich habe gemerkt, die globale Situation der letzen Wochen hat uns alle verändert, auf einer emotionalen Ebene. Plötzlich ist es viel akzeptierter und legitimer, nicht okay zu sein. Traurig zu sein, Angst zu haben, unzufrieden zu sein. Schlechte und gute Tage zu haben. Plötzlich darf alles sein, jede Emotion ist einfach, wird nicht verurteilt. Ein kollektives Mitgefühl ist entstanden, das zuvor noch nicht so da war. 

Wir sitzen in unseren Schlafanzügen in der Onlinevorlesung, Kamera an wenn wir heute einen guten Tag haben, Kamera aus wenn es uns heute mal wieder schwer fällt, keinen normalen Alltag zu haben. Aber auch das ist okay. Niemand wird verurteilt, alles darf sein. 

Dieses kollektive Mitgefühl und die gesellschaftliche Akzeptanz “negativer“ Emotionen hat auch auf mich und meinen Umgang mit mir selbst abgefärbt. Geht es dir auch so?

Ich kann es plötzlich einfach viel besser sein lassen, wenn es mir schlecht geht. Wenn Depression und Panik einschlägt, darf es da sein, ich muss es nicht mehr wegschieben. Muss keine Fassade mehr aufrecht halten. Uns geht es doch gerade allen irgendwie gleich.

Wir sind feinfühliger geworden, ich bin feinfühliger geworden. Kann das Leben viel mehr spüren und auch mich. 

Die Entschleunigung in die wir gedrängt wurden, hat uns aufgezeigt, wie wichtig es ist, Mitgefühl zu haben, mit sich und anderen. Es ist das, was uns zusammenhält. 

Und wenn mich der Weltschmerz mal wieder überkommt, dann darf er da sein und ich schließe die Augen und höre wieder den Vögeln beim sprechen zu. Ich atme durch und versuche, Mitgefühl zu haben, für all diejenigen denen es gerade so geht wie mir. Die ungewiss in die Zukunft blicken, die sich um Verwandte oder Freunde sorgen. Ich versuche, an die Menschen zu denken, die gerade kein Dach über dem Kopf haben, denen finanzielle Mittel für alles fehlen, die vielleicht von ihrem Zuhause fliehen müssen. Ich denke an sie und wünsche Ihnen aus tiefstem Herzen alle Kraft der Welt. Die Gefühle dadurch erdrücken mich nicht und es überkommt mich auch keine tiefe Traurigkeit. Ich fühle mich durch mein Mitgefühl einfach zutiefst verbunden. 

Mara ist 23 Jahre alt, fotografiert gerne Menschen und hält nichts von Kategorien und Grenzen. Ihr “erwachsenes“ Leben lief bis jetzt eher so mittel. Sie studiert Crossmedia Publishing und lebt gerade in Stuttgart.

In ihrer Kolumne Wer bist du wirklich? soll es um die Schwierigkeiten der Transition vom Jugend- ins Erwachsenenalter gehen. Um die Überforderung und dem Entdecken der Schönheit in all dem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.