Körper & Bewusstsein
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Wichtiger Hinweis: Dieser Text behandelt sensible Themen wie Essstörungen, Depressionen und Selbstverletzung. . Bei Rückfragen können gerne die Kommentare benutzt oder auf Instagram nachgefragt werden. Dazu muss ich noch erwähnen, dass ich kein Facharzt bin, sondern mein Wissen und Erfahrungen teile.

Falls du selbst Probleme hast, wende dich bitte an einen Facharzt, eine/n Vertraute/n oder die unten aufgeführte Stelle.

Was sind Depressionen und wie fühlen sie sich an?

Als ich für diesen Text eine allgemeine Definition googelte, stieß ich auf die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Sie definiert Depressionen als Phasen, in denen es nichts gibt, was einen erfreut, alles grau in grau erscheint, man deprimiert ist. Diese Phasen macht jede Person mal durch. Depressionen sind eine Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht. 

Menschen, die an Depressionen erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien. Ich habe in einem Kinderfilm vor ein paar Jahren eine sehr tolle und auf den Punkt bringende Definition entdeckt:

“Eine Depression ist, wenn all deine Gefühle im Rollstuhl sitzen. Sie haben keine Arme mehr und leider gerade auch niemand zum schieben da. Womöglich sind auch noch die Reifen platt. Macht sehr Müde.”

Andreas Steinhöfel, “Rico, Oskar und die Tieferschatten”

Wenn ich eine depressive Phase habe, fühle ich mich wie in einem zu engen Korsett oder unter einer großen Schicht Bettdecken. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Nicht mehr atmen.

Für diesen Text befragte ich auch zwei liebe Menschen.
Sie empfinden Depressionen wie gefangen sein in einem Käfig. Man möchte ausbrechen, doch es gelingt einem nicht. Oder es ist wie ein großer dunkler Wald, in dem man sich verlaufen hat. Er ist leer und gleichzeitig so bedrückend, man spürt so eine Art Angst. Wenn man einen Weg auf eine Lichtung gefunden hat, sie ist geschmückt mit schönen Blumen, dann ist man froh und glücklich. Doch wenn man dann einen Wolf sieht, rennt man weg und landet wieder im Wald.

Der Wolf ist in dem Fall der Auslöser für die Phasen, in denen man sich nicht gut fühlt. Jede Person hat andere Auslöser, wie beispielsweise bestimmte Songs, Menschen oder Umgebungen.

Der Feind in meinem Ich 

Dass ich Depressionen habe, bemerkte ich erst nach einem intensiven Jahr, in dem es mir nicht gut ging. Zurückblickend erfährt man immer mehr. So stellte sich heraus, dass ich schon ein paar Jahre an Depressionen leide.  

Anfangs konnte ich es nicht verkraften, dass mein Körper sich veränderte. Dass ich wuchs, schwerer wurde, sich Haare an Stellen bildeten, an welchen ich vorher keine besaß. Dann begann vor ungefähr zwei bis drei Jahren das Mobbing. In der Zeit wurde ich auch pummeliger, weil ich meinen Frust versuchte mit essen zu kompensieren. Dass ich pummelig wurde, belastete mich wiederum, weil ich immer sehr dünn war. So dünn, dass ich von meinen Familienmitgliedern immer “die Feder” genannt wurde. 

Schon früh beschäftigte ich mich mit Diäten, sodass ich so schnell wie möglich meine Figur erlangen konnte, wie ich sie gewohnt war. Dazu kam dann noch der Leistungsdruck, der uns in der Schule und Zuhause vermittelt wurde. Ich hatte viele Augenblicke, in denen ich nicht mehr konnte und nicht mehr leben wollte.

Zuerst dachte ich, dass ich an einer beginnenden Magersucht leiden würde. Ich strebte mit meinen Gedanken immer danach, dünner und dünner zu werden. Erstellte Pläne, an welchen Tagen ich etwas esse und wie viel. Surprise, surprise: Besonders viel war das nicht. Der Unterschied hier zwischen mir und einer Magersucht war, dass ich mein Verhalten nicht “durchziehen” konnte. Im Gegenteil bekam ich immer schlimmere Fressattacken. Meine Vorwürfe an mich wurden dann auch immer extremer. So steigerte ich mich immer weiter in diesen Kreislauf.

Vor ungefähr einem halben Jahr las ich einen Artikel zum Thema Depressionen. Ich identifizierte mich sofort mit den Symptomen. Ich erkannte, dass mein Essverhalten ein Symptom von Depressionen war. Einen Tag nach dieser Erkenntnis sprachen mich dann zwei Freundinnen unabhängig voneinander auf meine extremen Stimmungsschwankungen und meine negativen Einstellungen an. Sie waren so etwas von mir nicht gewohnt. 

Anfang 2020 ging es mir auf einmal sehr gut. Das hielt bis Anfang März an. So glücklich wie in diesen zwei Monaten war ich seit langem nicht mehr. Bis eine sehr negative Phase kam. Ich hatte meine Depressionen immer ein bisschen unterschätzt und mir eingebildet, ich würde da alleine wieder rauskommen. In dieser Phase habe ich erst richtig gemerkt, wie stark sich die Depressionen auf meinen Alltag auswirken. Ich konnte zwei Wochen nichts für die Schule tun, zwei Wochen, in denen es mir schlecht ging und ich nur im Bett lag.

Das war der Punkt der Erkenntnis: Ich beschloss, eine Therapie zu beginnen. 

Mehr Schein als Sein

Viele Betroffene machen die Erfahrung, dass andere daran zweifeln, dass es einem nicht gut geht. Es kommt vor, dass zur Therapie gehen und eine ärztliche Bestätigen nötig ist, bevor einem geglaubt wird. Viele können es mir bis heute nicht glauben. Sie machen sich oft darüber lustig und können es nicht verstehen. 

Wenn ich eine schlechte Phase habe, lebe ich diese nicht mehr aus, sondern setzt eine Maske auf. Damit die anderen nicht von mir genervt werden. Wenn ich ein Treffen mit Familie oder Freunden absage, weil es mir nicht gut geht, wird das direkt persönlich genommen, auch wenn ich sehr oft versichere, dass das nicht an ihnen liegt. Man fühlt sich nicht wahrgenommen. Denkt, dass wenn man mal lacht oder eine gute Phase hat, alle wieder daran zweifeln, dass es einem schlecht geht. Depressionen werden irgendwie nicht richtig anerkannt, sondern eher geleugnet und totgeschwiegen. 

In alte Muster verfallen

Ich weiß eigentlich schon, dass mir bestimmte Dinge nicht gut tun. Jedoch verfalle ich trotzdem immer Mal wieder in diese alten Muster.

Bei mir läuft das nach folgendem Szenario ab: Ich habe mittlerweile verstanden, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist. Dann lerne ich jemand neues kennen. Ich verfalle wieder in alte Muster und gehe auf Fehlersuche an meinem Körper. Dass ich gelernt habe, mich selbst zu akzeptieren und zu lieben, vergesse ich direkt. Stattdessen beginne ich meinen Körper so zu bearbeiten, dass meine “Problemzonen” so schnell wie möglich verschwinden. Mit meiner Figur bin ich nicht mehr zufrieden, nur weil ich nicht durchtrainiert bin. Schnell beginnt die Suche nach der “perfekten Diät”, damit ich ganz schnell meine “Traumfigur” bekomme. Dann ist der Kontakt passé. Ein paar Tage schiebe ich es nur auf meinen Körper und dann fange ich wieder an, mich so zu akzeptieren, wie ich bin.

Ventile

Ich habe mir schon immer sehr viel Druck gemacht. Aus ein bisschen gesunder Selbstkritik wurde schnell toxische Kritik und Selbsthass. Wenn man einmal in diesem Teufelskreis ist, steigert man sich immer weiter hinein. Irgendwann wird der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr geht. Man kann sich das wie einen Dampfkessel vorstellen. Es sammelt sich immer mehr Druck, bis es nicht mehr geht. Dann explodiert dieser Kessel.

Der Druck wächst einem über den Kopf. Überforderung. Das sind die Momente, in denen man mit Selbstverletzungen anfangen könnte. Statt sich irgendeinen Gegenstand zu suchen und diesen gegen die Wand zu schmeißen, wird lieber eine anderes Mittel gesucht: Der eigene Körper. 

Man würde am liebsten laut schreien. So laut, dass dass es jeder mitbekommt. Nur in einem besteht irgendeine Blockade, die einen daran hindert, den eigenen Gefühlen freien Lauf zu lassen. 

Ein Stoppschild in meinem Leben

Inwiefern beeinflussen mich Depressionen im Alltag? Ich habe gemerkt, dass ich sehr starke Stimmungsschwankungen habe. Es gibt Phasen in denen alles toll ist, die Rosen so wunderbar riechen, und ich wie durch eine rosa Sonnenbrille gucke. Ich singe und tanze glücklich durch die Gegend. Möchte mich mit Menschen treffen und die Welt entdecken. Dann kommt wieder eine von den schlechten Phasen. Ich kann mich nicht mehr bewegen, alles ist grau und negativ. Erfreuen kann mich jetzt nichts. Schon die kleinsten Tätigkeiten verursachen extremen Stress. Ich habe keine Lust auf Menschen, möchte nur meine Ruhe. 

Diese Stimmungsschwankungen verursachen, dass jeder Tag aufs neue Herausforderungen bietet. Wenn es mir gut geht, stelle ich mir kein Stoppschild in den Weg. Ich bin extrovertiert und möchte nur noch leben.

Wenn es mir nicht gut geht, lebe ich nicht mehr. Das Leben rast an mir vorbei. Ich bekomme das Gefühl, alles zu verpassen – meine Jugend, von der alle sagen, dass ich sie genießen muss, sie prägt mich für mein ganzes weiteres Leben. Ich werde mich immer an sie erinnern können.

Muss ich eines Tages glücklich und froh an sie zurückblicken können? Kann ich nicht irgendwann sagen, dass die Jugend scheiße war, aber der Rest meines Lebens total toll? Naja, das ist wohl eine Frage der Einstellung des Umfelds.

Gesellschaft und Depressionen

Depressionen werden von Auẞenstehenden leider schnell auf die leichte Schulter genommen. Sie werden nicht als Krankheit anerkannt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man Depressionen nicht sehen kann. Bei einem Beinbruch sieht man das gegipste Bein und realisiert sofort, dass die Person für eine bestimmte Zeit nicht richtig laufen kann, bis es wieder verheilt ist. Bei Depressionen ist das nicht der Fall. 

Ich höre oft von anderen, sie seien aus dieser “Depriphase” auch alleine wieder herausgekommen, wenn ich sage, dass ich eine Therapie anfange.  Diese Krankheit wird oft verniedlicht und solche Aussagen, man solle sich nicht so anstellen, werden getroffen. Richtig ernst genommen kann man sich nicht fühlen. Dass es einem nicht gut geht wird auch gerne auf Schulstress, schlechte Laune, Streit mit Freund*innen oder die Pubertät geschoben. Schließlich sind es ja “nur Phasen”.

Das Wissen über Depressionen ist noch sehr begrenzt. Erkrankte werden gerne mal pauschalisiert. Gerade in den Köpfen älterer Menschen herrscht immer noch das Bild von gestörten Teenies, die sich ritzen, schwarze Kleidung tragen und dauernd schlecht gelaunt sind. Dass dieses Bild nicht der Realität entspricht ist ja wohl klar!

In der heutigen Zeit strebt “jeder” nach diesem Influencer – Motto: “Always be happy”. Es wird gar nicht mal neben sich geschaut, wie es ist, nicht immer “happy” zu sein. 

Um ein bisschen Realität in dieses Thema hinein zu bringen und es zu enttabuisieren, sollte darüber gesprochen werden! Es hilft nicht, wenn es verschwiegen und/oder verleugnet wird. 

Nur mit Aufklärung können wir es schaffen, Vorurteile abzubauen und Depressionen als reale Krankheit anzuerkennen. 

Ein offenes Ohr

Falls du gemerkt hast, dass es dir nicht gut geht, du dich vielleicht ein bisschen mit dem Text identifizieren kannst und dich gerne austauschen möchtest, kannst du mich in den Kommentaren oder auf Instagram anschreiben. 

Ich finde es nochmals sehr wichtig, zu betonen, dass ich kein Experte bin, sondern mein Wissen und Erfahrungen teile und die der zwei Befragten. Es kann sich natürlich bei dir ganz anders auswirken, als hier beschrieben. Bei ernsten Beschwerden wende dich bitte an Vertraute, Freund*innen, Familienmitglieder, Ärzt*innen, Therapeut*innen und oder die Telefonseelsorge.

Hier ist der Link zu einer Telefon-Seelsorge. Dort sitzen geschulte Menschen, bei denen man akute Sorgen loswerden kann.

Vielen Dank an die zwei lieben Menschen, die mir für diesen Text ihre Geschichten erzählt haben!

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Lukas ist 16 Jahre alt, lebt irgendwo in NRW und besucht noch die Schule. Er liebt es, sich teetrinkend durch Bücher zu wälzen, musikhörend zu träumen, Texte zu schreiben oder im Sommer auf der Wiese die Wolken zu beobachten. Es sind die kleinen Momente, die ihn glücklich machen. Wenn er etwas Neues gelernt hat, den Sonnenschein im Frühling beim Spazierengehen in seinem Gesicht spürt, in seinem Zimmer ganz wild tanzt oder den Trubel in der Bahn beobachtet, um abzuschalten.

Wir alle tragen Laster und Fragen mit uns. Es gibt noch zu viele Themen, die verschwiegen werden. Um genau diese Themen soll es in der Kolumne „Was geht ab“ gehen, damit die Hemmschwelle über Kummer und Sorgen zu sprechen abgebaut wird. So etwas wie Tabuthemen gibt es hier nicht.

Du kannst ihn auch auf Instagram einen Besuch abstatten. Bei Themenwünschen, Feedback und und und hat er immer ein offenes Ohr.


Collage von Imina

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