Du & Ich
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Wir vergessen nicht #wir

Ich möchte dieses Mal mit einem kurzen Vorwort beginnen.

Der Text, den ihr gleich lesen werdet, unterscheidet sich um Einiges von meinen zuvor veröffentlichten Texten. Er ist persönlich und es ist mir eine Herzensangelegenheit, über dieses Thema zu schreiben, denn es beschäftigt mich seit Jahren. Ich kann sagen, dass ich, solange ich denken kann, nie das Privileg hatte, mich mit diesem Thema nicht auseinandersetzen zu müssen. Es ist ein Teil meines Lebens. Ich kenne nichts anderes. Die anderen von mir verfassten Texte bedeuten mir natürlich auch sehr viel, jedoch verspüre ich beim Schreiben dieses Textes den Druck alles richtig machen zu müssen, denn ich habe großen Respekt vor dieser Aufgabe. Vor der Aufgabe meine Gedanken mit euch zu teilen, mich angreifbar zu machen und dabei allen, die sich mit dem Inhalt identifizieren können, eine Stimme zu geben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, nicht alleine zu sein. Außerdem möchte ich ebenso Menschen erreichen, die bisher kaum oder gar keine Berührungspunkte mit dem Thema hatten. Dies ist aber auch eine Gelegenheit, euch zum Nachdenken und zur Selbstreflexion anzuregen. Aber ich möchte auch meine Chance nutzen, auf dieser Plattform Menschen meine Gedanken und mein Innenleben zu offenbaren. Weil ich dem Thema viel Gewicht beimesse, war es gar nicht so einfach, den Text zu verfassen und zu einem Ende zu kommen. Deswegen habe ich ihn oft überarbeitet, um ihn am Ende komplett zu löschen. Nun sitze ich hier, zwei Tage vor der Veröffentlichung und schreibe alles auf, was mir in den Sinn kommt. In meinem Kopf und noch vielmehr in meinem Herzen herrscht Chaos. Ich bin es jedoch allen Menschen schuldig, denen es genauso geht. Ich bin es den Menschen schuldig, dessen Namen ihr auf dem Titelbild lesen könnt. Und ich bin es den Hinterbliebenen schuldig, die mit der Gewissheit leben müssen, dass ihre Liebsten nicht zurückkehren werden.



Sagt ihre Namen und vergesst sie nicht. 

Mercedes Kierpacz · Sedat Gürbüz · Hamza Kurtović · Said Nesar Hashemi · Fatih Saraçoğlu · Vili Viorel Păun · Ferhat Unvar · Gökhan Gültekin · Kaloyan Velkov



Der 19. Februar 2020. An diesem Tag haben die Herzen von neun Menschen aufgehört zu schlagen. An diesem Tag hat ein Mensch anderen das Liebste auf dieser Welt genommen. Ich erinnere mich nur zu gut an diesen Tag. Dabei gehöre ich zu den Menschen, die schnell vergessen. An Dinge, die nicht allzu lange zurückliegen, kann ich mich oft gar nicht mehr oder nur wage erinnern. Dann wiederum gibt es Tage und Ereignisse, die mich prägen und die sich in mein Herz eingebrannt haben. Es gibt Tage, die werde ich nie vergessen, geschweige denn verarbeiten können. Wenn wir uns erinnern, kann es gerne Mal zu einer Täuschung kommen. Wir können uns falsch erinnern oder Abläufe durcheinanderbringen. Aber ich weiß, dass auf mein Herz Verlass ist. Es lässt mich auch heute nicht vergessen, was ich an jenem Tag gefühlt habe und was für ein einschneidendes Ereignis dieser Tag für mich und viele andere war und bleibt.

Vergesst nicht, was war und ist, denn sonst machen wir uns mitschuldig

Ich möchte nicht vergessen und ich möchte, dass auch ihr nicht vergesst. Wir dürfen nicht aufhören an Menschen zu erinnern, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. Wir dürfen nicht aufhören daran zu erinnern, dass sich gesellschaftlich und politisch einiges bewegen muss, damit sich alle Menschen in diesem Land sicher fühlen können. Damit sich so etwas nie wiederholen kann! Wir müssen ein Zeichen setzen, uns engagieren und darüber reden, was passiert ist. Wir sollten einander zuhören und Menschen ein offenes Ohr schenken, die Rassismuserfahrungen machen. Denn wir können nur voneinander lernen, wenn wir einander zuhören und respektieren.

Hanau bleibt unvergessen

An dem Tag des 20. Februars war ich zuhause als ich von dem rechtsextremistischen Anschlag von Hanau erfuhr. Noch bevor Einzelheiten veröffentlicht wurden, hatte mir mein Herz bereits zu verstehen gegeben, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Mein Herz wusste es, mein Kopf jedoch hatte mir einen Streich gespielt, sodass ich meinem Alltag nachgegangen bin, als wäre nichts gewesen. Ich habe funktioniert und mein Körper hat an dem Tag alles erledigt, was erledigt werden sollte. Mein Herz hat mich zwar immer Mal wieder versucht daran zu erinnern, jedoch habe ich mich davon nur für einen kurzen Moment beeinflussen lassen. Diesen Moment möchte ich mit euch teilen.

Momente der Erinnerung

Während ich die Nachrichten verfolgt habe, weil ich alle Einzelheiten zu Hanau mitbekommen wollte, habe ich meinen Kaffee getrunken und versucht zu frühstücken. Ich habe nicht wirklich etwas runterbekommen, da es sich in diesem Moment schlichtweg falsch angefühlt hat und ich in Gedanken bei den Angehörigen, den getöteten Menschen und meinen Familienmitgliedern war, die es auch hätte treffen können. Schockiert oder überrascht war ich nicht und das waren auch diejenigen nicht, für die es keine Neuigkeit ist, dass Deutschland ein Rassismusproblem hat. Um ehrlich zu sein, wäre ich gerne schockiert und überrascht gewesen, denn das hätte bedeutet, dass der terroristische Anschlag nicht zu erwarten gewesen wäre.  Es gab dafür jedoch viele Anzeichen und diese gibt es weiterhin. Regelmäßig lese ich von Angriffen auf marginalisierte Menschen. Regelmäßig melden sich diejenigen zu Wort, die tagtäglich angefeindet, bespuckt oder beleidigt werden. Regelmäßig bekomme ich mit, dass eine gewisse rechtsorientierte Partei hetzt und spaltet. Wann hat das ein Ende?

Ein Anschlag auf uns alle?

Aber warum musste ich eigentlich an meine Familienmitglieder denken? Wir wissen, dass in Deutschland Menschen unterschiedlichster Couleur leben. Wir haben hier eine Vielfalt an Religionen, Herkünften, Sprachen, Einstellungen, äußerlichen Merkmalen uvm. In vielen Menschen schlagen zwei Herzen. So auch in mir. Nun gibt es leider Menschen, die uns hier nicht haben wollen. Menschen, die uns das Recht auf Leben gerne verwehren würden. Sie vergessen oder wollen nicht wahrhaben, dass Deutschland unser Zuhause ist. Dass wir hier nicht fremd sind. Wir leben, lieben, wachsen, weinen und lachen hier. Es hätte also auch meine Familienmitglieder treffen können. Warum? Weil es Menschen gibt, die Menschen wie mir und anderen feindselig gegenüberstehen und bereit sind, Gewalt anzuwenden. Weil solche Menschen zwischen wertvollem und wertlosem Leben unterscheiden.

Mir geht es gut…

Mit diesen Gedanken im Kopf habe ich mich dennoch auf die Arbeit begeben. Ich kann mich daran erinnern, dass ich selbst an diesem Tag gelacht und voller Elan meiner Arbeit nachgegangen bin. An diesem Tag gab es in mehreren Städten Demonstrationen, Großkundgebungen und Mahnwachen. Als feststand, dass auch in meiner Stadt eine Großkundgebung organisiert wird, haben wir uns gemeinschaftlich zum Ort der Kundgebung begeben. Ich habe den Redner*innen zugehört und doch wenig an Emotionen gespürt. Vielleicht habe ich sie nicht zugelassen. Aber auch die Teilnahme daran hat mir nicht zu schaffen gemacht. Ich habe weiterhin funktioniert. Die Menschen von denen ich umgeben war, haben mir nicht das Gefühl aufrichtiger Anteilnahme gegeben. Warum schreibe ich das? Ich habe bisher nicht erlebt, dass nach solchen Taten ernsthaft in Erwägung gezogen wurde, in diesem Land Maßnahmen einzuleiten, die solche Taten unmöglich machen oder zumindest die Wahrscheinlichkeit der Ausübung einer solchen Tat verringern würden. Dabei haben wir die Ressourcen und dabei sind Menschen bereit für eine gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft zu kämpfen. Sie tun es bereits. Jeden Tag, unermüdlich. Alleine können wir jedoch nichts bewegen. Oft dauert die Empörung ein paar Tage an, bis dann die Mehrheit der Menschen zu ihrem normalen Tagesgeschäft übergeht. Wir sind also nach Abschluss der Großkundgebung zurück zu unserem Arbeitsplatz gekehrt, um uns dort bis zum Start der Demonstration aufzuhalten, die auch am selben Tag stattfinden sollte. Im Laufe des Tages habe ich selbstverständlich immer wieder mein Handy in die Hand genommen, um an neue Informationen zu kommen. Verpassen wollte ich nichts.

Es kam dann doch ganz anders

Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ich könnte den Tag unversehrt abschließen, was sich dann aber schlagartig ändern sollte. Die Reaktionen und das Verhalten der Menschen, mit denen ich den Tag über interagiert und auf die Demonstration gewartet habe, hat mir verdeutlicht, dass viele nicht verstehen wollen oder können, wie sehr Menschen leiden, die sich mit den getöteten Menschen identifizieren können. Was es mit Menschen macht, die gerne in Shisha-Bars gehen, weil sie sich dort geborgen fühlen und der Ort einer ist, an dem sie sich wohl und sicher fühlen. An dem sie sein können, wie und wer sie sind. Denn dort kriegen sie, kriegen wir nicht zu hören, dass wir nicht hierhin gehören. Ich habe mit ansehen müssen, wie sich die meisten Kolleg*innen amüsiert haben, in dem sie Bier getrunken, sich angeregt unterhalten und Musik gehört haben. Ich saß da und wusste nicht mehr weiter. Ich habe in dem Moment zum ersten Mal gespürt, dass etwas nicht stimmt. Die Gleichgültigkeit, die von vielen Anwesenden an den Tag gelegt wurde, hat mir das Herz gebrochen. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich diese Szenen mit angesehen habe. Aber jede einzelne Minute war eine zu viel. Wo bleibt die Empathie? Wo bleibt das ehrliche Interesse an einem Menschen, dem es nicht gut geht? Rassismus wird durch die Teilnahme an Demonstrationen nicht beseitigt.

Tränen

Denn das, was passiert ist, trifft viele in Deutschland lebende Menschen noch viel härter als diejenigen, die mitfühlen und die mit diesem Anschlag nicht gemeint waren. Menschen, die sich mit den Opfern identifizieren können, können nicht einfach so weitermachen, als wäre nichts passiert. Sie leben mit der Angst, dass sich so etwas jeden Tag, jederzeit wiederholen kann. Wie sollen sie sich sicher fühlen? Wie sollen wir hier leben ohne Angst zu haben, dass uns oder unseren Liebsten etwas zustoßen kann? Nur weil sie nicht in das Weltbild rechtsextremistischer Menschen passen. Nachdem ich gespürt habe, dass mir der Anblick dieser Szenen an die Nieren geht, habe ich meinen Mut zusammengenommen und einer Kollegin mein Herz ausgeschüttet. Erst dann habe ich körperlich und seelisch verstanden, dass es mir überhaupt nicht gut geht. Wir beide sind in Tränen ausgebrochen, denn auch sie hatte ähnliche Gedanken und Gefühle wie ich.

Angst und Schmerz

Das war der Zeitpunkt, der mir offenbart hat, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Auch wenn das nicht der erste rechtsextremistische Anschlag auf rassifizierte Menschen in Deutschland war, war das doch der erste Anschlag, den ich mit all meinen Sinnen und Fasern wahrgenommen und gespürt habe. Dabei habe ich keine Angst um meine eigene Person, sondern vielmehr um das Wohl meiner liebsten Menschen. Ich sehe in die Augen der Hinterbliebenen, sehe den Schmerz und kann dennoch nicht annähernd den Schmerz empfinden, den sie wahrscheinlich auch heute noch spüren und ein Leben lang spüren werden. Sie werden nicht vergessen. Und genau deswegen dürfen auch wir nicht vergessen.

Wo bleibt der Aufschrei?

Es sind nun fast zwei Monate vergangen. Nach einer Anteilnahme, die ungefähr ein oder zwei Wochen angedauert hat, war wieder vergessen, was geschehen ist. Nach einer Empörungswelle, die dieses Mal etwas stärker durch das Land gegangen ist – da nun auch bei einigen Politiker*innen angekommen ist, dass Deutschland ein Rassismusproblem hat – hat sich bis zum heutigen Tage nichts getan. Wer redet noch darüber? Sind es nur diejenigen, die es ebenso hätte treffen können? Wer nennt die Namen der getöteten Menschen? Welche Konsequenzen wird der rechtsextremistische Anschlag von Hanau haben? Wird es überhaupt welche geben? Es darf nicht bei Worten bleiben, Taten zählen. Es darf kein Tag vergehen, an dem wir nicht an die Menschen denken, die noch ihr Leben vor sich hatten, jedoch auf bestialische Art aus dem Leben gerissen wurden. Wir dürfen nicht vergessen, was geschehen ist und was geschehen kann, wenn wir unsere Pflicht nicht erfüllen für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der jedes Leben ein wertvolles Leben ist.

Denken wir an Rostock-Lichtenhagen, an Mölln, an Solingen, an die Opfer des NSU, an Marwa El-Sherbini, an Walter Lübcke und an alle anderen Menschen, die nicht mehr unter uns weilen.
Wir vergessen euch nicht.

Text von Melis.
In der Kolumne “Wir” soll es in erster Linie darum gehen, marginalisierten Menschen eine Stimme zu geben. Sie ist also eine Art Plattform für Menschen, die sonst überhört oder gar ignoriert werden. Themen wie Rassismus, intersektionaler Feminismus, Empowerment und andere politische Themen sollen hier Platz finden. Die Kolumne ist aber auch ein Plädoyer für das Gemeinsame, das Wir. Sie ist eine Bewegung gegen das Spalterische, für das Miteinander.

Illustration von Linda.

Linda studiert Kommunikationsdesign in Bayern und liebt gute Gestaltung. Sie gibt definitiv zu viel Geld für Schreibwaren und Zimmerpflanzen aus und verbringt oft Stunden mit dem Sortieren ihrer Spotify-Playlisten.

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