Du & Ich, Gastgedanken
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Die Leichtigkeit des Fremdseins

Der Wein macht sich bemerkbar und hüllt mich langsam ein in eine dumpfe, dunkle Decke. All deine Geschichten sind mir neu. Als würdest du mir ein gänzlich leeres Blatt hinhalten, ohne Raster, nicht liniert und nicht kariert, und es nach und nach füllen mit mir unbekannten Mustern. Auch ich male mein Leben für dich neu. Skizziere mich so, wie ich mich sehe, und auch ein bisschen so, wie ich mich gerne sehen würde. Wir sitzen in der Küche, in der Hand das Bild des jeweils anderen haltend, frei zur Interpretation. Ich bin im Hier und Jetzt und ganz bei dir, der Kopf ist still. Du zeigst mir Ausschnitte der Welt aus deiner Perspektive.

Hast den Steppenwolf auch gelesen, aber zwischen deinen Zeilen schienen ganz andere Bedeutungen zu stehen.

Warst ebenfalls in Lissabon und sahst dieselben Plätze, doch nahmst ganz andere Eindrücke mit heim.

Ich frage mich, wie dein Lissabon wohl aussieht, riecht und schmeckt und was eine Stadt eigentlich ist, wenn zwei Menschen sie so unterschiedlich fühlen. Irgendwann nimmt unser Lachen Überhand, es füllt den ganzen Raum. Warum wir lachen, weiß am Ende niemand mehr. Alles ist gut. Irgendwo zwischen den Worten habe ich mein Zeitgefühl verloren. Ich erzähle dir von meinen Ängsten, ganz frei von dem Gedanken, du könntest mich verlachen oder gar verurteilen. Ich erzähle dir von meinen Ängsten, für den Augenblick ganz frei von Angst.

Du teilst mit mir deine verrücktesten Träume, die dir nahezu unerreichbar scheinen, und ich erkenne, wie sich die Unsicherheit in deine Gesichtszüge schleicht. Ich sage go for it. Du reißt mich mit. Wir feiern uns, wir freuen uns gemeinsam. Feuern einander an, als spielten wir von nun an für dasselbe Team. Auf dieser WG-Party lerne ich nicht nur dich kennen, sondern ein Stückweit auch mich selbst.

So selten malt man sich en face auf leere Seiten. Vertrautheit ist bequem, man braucht nur immer wieder die einst vorgezeichneten Linien nachzuziehen, hier und da um einzelne Details ergänzt. Zwängt sodann das entstandene Bild in den gemeinsam geschaffenen Rahmen, denn das soll so. Die eigenen Erwartungen mit denen anderer vermengt, kaum voneinander zu unterscheiden.

Ich breche aus. Entscheide mich für neue Ziele. Als ich dich traf, habe ich alles ausradiert. Auf einmal ist es schon nach fünf, du sagst ciao, man sieht sich, willst die nächste Bahn erwischen. Gehst so plötzlich, wie du aufgetaucht bist. Ich umarme dich einen Tick zu lang, dankbar dafür, dass dein Weg so zufällig den meinen kreuzte. Gerade jetzt. Akzeptanz ohne Wertung. Kurz innehalten, meine Lunge mit frischer Winterluft füllen, mich umsehen und erkennen, wo ich stehe.

Text von Ira. Sie hält einzelne Momente aus ihrem Leben in Form von Zeichnungen oder kurzen Texten fest, liebt Kunst und Konzerte, plant gerne Reisen oder Wandertouren und hat eine unerklärliche Schwäche für Leuchttürme.

Illustrationen von Luise. Sie ist eine junge Gestalterin und Künstlerin, sie lebt in Berlin und studiert dort an der Universität der Künste. Sowohl in der Kunst, als auch im echten Leben liebt sie die Spannungen zwischen dem Komischen und Sensiblen, dem Ehrlichen und Emotionalen, der Freiheit und dem in Gedankenversinken.

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