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Vom Hinsehen und Wegsehen #Zeitgeist*in

Es ist Dienstag, 10 Uhr. Ich bin auf dem Weg zu meiner Lieblingskonditorei, um dort zwei Stücke Torte abzuholen. Die Luft drückt, es beginnt zu regnen. Während des Semesters ist die Innenstadt meist so voll, dass ich Mühe habe rechtzeitig zu meinen Kursen zu kommen. Heute aber herrscht eine so unheimliche Leere, die sich sofort auf meine Stimmung auswirkt. Etwas stimmt nicht. Das weiß auch der Fahrer der Spedition, der vor mir die Hebebühne mit einem lauten Piepsen hinabfährt. An einem gewöhnlichen Tag wäre dieses Geräusch wahrscheinlich zwischen all den Menschen und dem Lärm untergegangen. Jetzt kann man sich ihm unmöglich entziehen. Es schlägt regelrecht gegen die Schädeldecke, bettelt um Aufmerksamkeit. Und so sehr ich mich auch dagegen wehre, unmittelbar breitet sich das Gefühl von Einsamkeit in mir aus.

Ich weiß, ich bin nicht allein. Millionen Menschen sitzen in Räumen, die Sonne scheint einladend durch die Fenster und trotzdem verlassen sie, wenn die Vernunft siegt, nur für unbedingt notwendige Erledigungen oder einen kurzen Spaziergang das Haus. Manche von ihnen geben online Tipps, wie man die Zeit zuhause sinnvoll nutzen kann, um nicht in einen deprimierenden, sich immer wiederholenden Trott zu verfallen. Denn die Struktur, die uns mit dieser Situation verloren geht, ist wichtig für uns. Trotzdem ist das irgendwie schon sehr privilegiert. Wir bleiben zuhause, versuchen den Tag mit Aufgaben zu füllen. Andere riskieren Tag für Tag ihr Leben, um uns das Überleben weiterhin zu ermöglichen. Und man lernt zu erkennen, welche Berufe es wirklich für eine, auch in kritischen Situationen, funktionierende Gesellschaft braucht. Natürlich hat keiner seine jetzige Position selbst ausgewählt. Es gilt einfach, an der empfohlenen Isolation nicht nur das Schlechte zu sehen, das Privileg wertzuschätzen. Und andere Menschen, wenn möglich, zu unterstützen.

Meine Zeit vertreibe ich mir damit, viel online zu sein und zu lesen. Dabei ist das Letzte, das ich möchte, mich in der Flut an Podcasts, Artikeln und IGTVs über das Coronavirus zu verlieren. Denn mein Schädel fühlt sich jetzt schon voll an und der Tag hat noch nicht einmal richtig begonnen. Trotzdem kann ich es nicht lassen. Es ist ein Drahtseilakt zwischen „Tu dir selbst was Gutes und lies das jetzt nicht.“ und „Scheiße, immer mehr Leute infizieren sich.“ Das strengt an. Mit Freunden und Familie halte ich den Kontakt über Nachrichten oder Videochats. Mein Alltagsrhythmus unterscheidet sich nicht viel von meinem gewöhnlichen Rhythmus. Die Gedanken, die in meinem Kopf einen Marathon rennen, sind andere. Wenn sie zu viele werden, sich zu großen Gruppen zusammenschließen, schreibe ich sie auf.

Ich ertappe mich selbst, wie ich frage: „Können wir nicht irgendwas anderes gucken?“. Selbst meine geliebten True Crime Dokus werden mir zu viel. Zu viel Grausamkeit, zu viel Leid. Wenn ich jemanden brauche, der mich von den Stimmen in meinem Kopf ablenkt und mich inspiriert, höre ich Podcasts. Und vor allem jetzt klicke ich mich fast routiniert zu ausgewählten Folgen durch. Alle anderen Folgen, die ich dabei überfliege, haben etwas gemeinsam. In jedem ihrer Titel steht das Wort „Corona“. Wut keimt in mir auf. Ich möchte endlich etwas anderes sehen, etwas anderes hören. Denn ich kann es nicht mehr hören. Dass das sehr naiv ist, ist mir bewusst. Und wie ich diese Zeilen tippe, verstehe ich, dass es mir genauso geht. Ich kann die Augen und Ohren gar nicht vor dem verschließen, was gerade passiert. Denn egal wie, es wirkt auf mich und meinen Körper. Schon der Blick aus meinem Fenster genügt, um zu sehen, dass etwas anders ist. Hier und da sieht man einen Radfahrer die Kreuzung passieren oder Hundebesitzer bei einer kurzen Runde durch das Viertel. Die sonst laut spielenden Kinder sind nicht am gewohnten Fleck. Mir dreht sich der Magen um. Durch das gekippte Fenster höre ich nur das Zwitschern der Vögel in den Bäumen. Die Natur macht weiter, auch ohne uns.

Es gibt so vieles, über das ich diesem Monat hätte schreiben können. So viele Themen, die mich beschäftigen, mich gar wütend machen, so viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Und doch schaffe ich es nicht, über etwas anderes nachzudenken. Ich frage mich, weshalb das so ist. Warum ich dem Virus, das eine Decke über unser Land legt, alles und jeden zum Stillstand zwingt, uns drängt, in den eigenen vier Wänden zu verharren, so viel Platz in meinem Kopf gebe. Und sehe ich mich um, erkenne ich, dass ich damit nicht allein bin. Man wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen. Und trotzdem kehrt keine Gleichgültigkeit ein.

Das ist gut so, denn die Gleichgültigkeit mancher führt dazu, dass zu strengeren Maßnahmen gegriffen werden muss. Lieber sitze ich den ganzen Tag auf dem Küchenstuhl und schiebe Gedanken von rechts nach links, spreche über meine Sorgen und schreibe sie auf, als meine Sachen zu packen und mich mit Freunden im Park zu treffen. Warum man Letzteres nicht machen sollte, hat aber Luka schon perfekt in ihrem Beitrag zusammengefasst.

Es erfordert vielleicht etwas Kraft, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Deshalb gilt es, sich selbst die nötige Zeit zu geben. Nehmt eure Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte wahr, akzeptiert sie, schreibt sie auf. Redet mit anderen Menschen darüber, tauscht euch aus und helft einander. Haltet euch an die Regeln, denn es gibt sie nicht grundlos. Und wichtig ist auch, dass man hinter den Möglichkeiten, die online gerade kursieren, wie man die Zeit am sinnvollsten nutzen kann, keinen Zwang sieht. Ihr seid keine “schlechteren Menschen”, weil ihr heute nicht in der Stimmung wart, eure Wohnung zu entrümpeln. Gebt euch selbst den Freiraum, den ihr braucht und vielleicht entstehen ganz von allein wundervolle Dinge. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Bleibt euch selbst treu!

Da die Isolation für einige Menschen zu Problemen führen kann, hier einige Notfallnummern:

  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800 116 016
  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 / 0800 1110 222
  • Kinder- und Jugendtelefon: 0800 111 0 333
  • Sucht- und Drogenhotline: 01805 31 30 31

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Text und Foto von Dessany.

Dessany ist 21 und studiert Germanistik in Leipzig. Schon früh wurde das Schreiben zu ihrem Ventil. Über fast alles was sie erlebt, was sie über ihre Umwelt und sich lernt, führt sie Notiz. Nicht zuletzt, um das alles ein bisschen besser verstehen zu können. 

Alle zwei Monate veröffentlicht Dessany einen Text zu ihrer Kolumne Zeitgeist*in. Darin setzt sie sich mit Themen auseinander, über die ehrlich zu reden vielleicht schwer fällt. Sie möchte ihre Leser*innen sensibilisieren und motivieren, für sich und andere einzustehen, offen zu sein. Auch bei Tabuthemen.

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