Gastgedanken, Hier & Jetzt
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Das Erste, was du machst, wenn die Krise vorbei ist

Probably nothing else than now, but without being scared and getting panicky.
Laying down on a blanket in the park with my friends.
Work.


Es ist ja nicht so, dass ich sonst meine Zeit großartig anders verbringen würde. Ich bin zuhause, mit meinem Freund, und wir kochen, und wir schauen Filme, und wir gehen manchmal einkaufen. Mach’ genauso die Wäsche wie immer und sauge Staub in der Wohnung. Ich lese bloß mehr und versuche, mehr Kreatives zu machen. Erledige einige Punkte von meiner To-Do-Liste – Klamotten aussortieren, Bewerbungen schreiben, Zimmerpflanzen umtopfen. Es wird wieder kälter, nachts sind es Minusgrade. Wenigstens verpasse ich nicht warme Sommertage bisher. Auf die warte ich schon so lange.

Das Gefühl, die Arbeit, der Rhythmus

Das einzige, was anders ist, ist das Gefühl. Und das nicht arbeiten gehen. Der Rhythmus fehlt, aber das ist nicht so dramatisch – ich wollte dieses Jahr sowieso lernen, ein bisschen weniger erwachsen und vernünftig zu sein, weil ich das sonst immer bin. Aber das Gefühl nicht rauszugehen ist schlimmer als nicht zu arbeiten.

Ich kriege den Koller ein oder zwei Mal am Tag. Werde unruhig, bekomme Panik, weil ich nicht raus kann, habe aber auch keine Lust, ziellos draußen rumzurennen. Ab heute ist sowieso Ausgangssperre, jetzt geht’s nur noch nach draußen, wenn man eine Mission zu erfüllen hat.
Mein Freund war heute bei der Bank. Als er zurückkam, erzählte er verblüfft von der Stimmung in der unmittelbaren Außenwelt: apokalyptisch, fast gruselig. Nur eine Frau mit Hund sei ihm begegnet, sonst niemand. Und gestern im Baumarkt haben sie die Leute nur abgezählt reingelassen, die Kassierer*innen hatten Plexiglasscheiben vor den Kassen, man sollte bitte möglichst mit Karte bezahlen. Eine Kundin guckt böse, als wir ihr zu nah kommen.

Der Trick mit der To-Do-Liste

Ich habe das Gefühl, unproduktiv zu sein, obwohl ich relativ viel schaffe. Meinen Freunden geht es ähnlich, zweien erkläre ich meine To-Do-Listen-Methode, die mir in depressiven Phasen geholfen hat und es noch immer tut. Man schreibt zwei Listen, eine für den jeweiligen Tag und eine mit Dingen, die man schon länger mal schaffen wollte, und die nicht unbedingt schnell erledigt werden müssen – also zum Beispiel, die Küchenschränke aufzuräumen, oder eine Hausarbeit zu schreiben, oder ein Buch zu lesen, das man schon ewig im Regal stehen hat.

Auf die tägliche Liste kommen wichtige(re) Punkte in möglichst kleinen Schritten: Statt „Wohnung putzen“ schreibt man „Wohnzimmer saugen“, „Badteppich waschen“, „Waschbecken und Toilette putzen“. So hat man das Gefühl, viel geschafft zu haben, weil man viel schneller viel mehr abhaken kann. In ganz schlechten Phasen stand auf meinen Listen Aufstehen, Zähne putzen, frischen Pulli anziehen, Bett machen. Apropos Bett machen, guter Punkt, hilft auch immer. Am besten als erstes machen morgens. Dann fällt der Rest schon mal leichter.

Ausmalen, wie es wird

Aber so schlimm ist es nicht im Moment, darüber bin ich sehr froh. Bis auf diese Koller-Momente geht es. Und die bekommen mein Freund und ich ganz gut in den Griff – etwas von der Liste in Angriff nehmen hilft manchmal, aber ganz sicher klappt es immer, wenn wir uns einen bestimmten Happy Place ausmalen. Genauestens besprechen, wie viele Hühner in was für einem Stall wir mal halten wollen auf unserem Waldgrundstück, und welches Gemüse im Garten wachsen soll. Das beruhigt uns. Ich hab‘ auch angefangen, es aufzuschreiben und zu zeichnen, vielleicht ist auch das Nachbauen des Grundstücks auf dem Laptop hilfreich, mit Sims zum Beispiel.

Und Reden, mit Freunden. Auch mit denen, die man nur sieht, wenn man nach Hause aufs Dorf fährt. In dieser seltsamen Weltstimmung kann man sich ganz gut unterhalten, und es freut mich ungemein, wie nett die Menschen zueinander sein können. Am schönsten war ein gestriges Gespräch mit einer ehemaligen Mitschülerin – sie schrieb mir und bat mich um ein Bild aus meiner Handygalerie, irgendeines, das nichts mit Corona zu tun hat. Daraus entwickelte sich eine richtig gute, lange Unterhaltung.

Fragen ohne Antworten

Doch diese Fragen – wie wird es wohl danach sein, und wie lange wird es sich hinziehen, und wird es wohl schlimmer werden – um die wir alle irgendwie drum herumreden, weil wir erst um die 20 sind und so etwas noch in keiner Art erlebt haben, die sind auch Koller-Auslöser. Niemand hat so richtig Antworten parat, alle sagen, da bin ich sehr gespannt wie das wird. Wie es der Wirtschaft und den Arbeitgebern ergehen wird, und wie viele Tote die Krise noch fordern mag.

Am Schlimmsten sind die Bekloppten. Die Hamsterkäufer, die sich im DM um Klopapier prügeln. Die, die im Netz drohen, Supermärkte zu plündern. Das ist schon so ein bisschen Walking-Dead-Atmosphäre teilweise, und diese Leute machen mir eigentlich mehr Angst als das Virus.
Ich weiß auch keine Antworten auf die großen Fragen. Ich kann nur am Rand stehen und zuschauen, die Nachrichten verfolgen. Selten mit genügend Abstand, meistens besorgt. Da bin ich sehr gespannt, wie das wird.

Text von Martje. Sie ist 19. Sie bäckt, singt und versucht, das Leben auf sich regnen zu lassen.

Beitragsbild von Nora.

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