Selbst & Inszenierung
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Nur ich #Mut(Ich)

Egal, wie ausgeprägt meine Liebe für Cafés auch ist, alleine hinzugehen bedeutet noch immer eine Herausforderung für mich. Verliere mich zu viel in den Gedanken, was die anderen denken könnten, wenn ich alleine dort sitze. Frage mich, wieso es niemanden gibt, mit der/dem ich diesen Moment teile. Fühle mich, als würde ich die Einsamkeit ausstrahlen, die in mir gefangen und so schwer zu ertragen ist.

Zwar habe ich mir über die letzten Jahre immer wieder selbst die Aufgabe gestellt, mich alleine irgendwo hinzusetzen, wo ich sonst nur in Gesellschaft war. Habe versucht, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es egal ist, ob ich allein wirke, verloren in den Massen von Paaren und Gruppen von Freunden, oder eben nicht. Zu lernen, nur mit mir zu sein. Zuhause habe ich meist kein Problem alleine zu sein, bin eher ein introvertierter Mensch, der seine Kraft aus dem Alleinsein zieht, keine Entscheidungen teilen zu müssen oder mir Gedanken zu machen, ob es den Menschen um mich herum gut geht.
Und trotzdem fällt es mir nicht leicht, mich außerhalb meines Zuhauses alleine zu zeigen. Aus Angst, was andere denken könnten und der Sorge, mich in Einsamkeit zu verlieren.

Nichtsdestotrotz habe ich Ende letzten Jahres keine Sekunde gezögert, als ich ein Veranstaltungsplakat für eine Lesung gesehen habe. Die Lesung einer Autorin, die mich das Jahr über sehr fasziniert, inspiriert und provoziert hat. Die viele Aspekte dessen verkörpert, was mir selbst noch fehlt. Jedenfalls bin ich ohne eine zweite Überlegung in meine nächstgelegene Buchhandlung gelaufen und habe mir ein Ticket gekauft.

Eins.

Habe nicht einen Moment überlegt, jemanden mitzunehmen, sondern gewusst, dass ich dieses Event nicht davon abhängig machen möchte, ob Freunde oder Familie Zeit haben. Wollte niemanden mitnehmen, der meine Begeisterung für die Autorin nicht teilt, kein wirkliches Interesse an der Lesung hat und mich nur mir zuliebe begleiten würde.

Vor dem Kauf habe ich mir keine Gedanken gemacht, ob ich den Mut besitze, wirklich alleine in ein Kino zu gehen, umgeben von Gruppen und Paaren. Natürlich dauerte es nicht lange, bis mir die ersten Zweifel in den Kopf kamen, ob ich dort wirklich alleine hingehen möchte. Ob ich das überhaupt kann. Ob ich die einzige sein würde, die ohne Begleitung dahingeht. Die Einzige, für die ein Platz ausreicht.
Der Gedanke, komplett alleine dort zu sein, hat mir Angst gemacht, mich unwohl fühlen lassen und mir die 8 Wochen, die bis zum Veranstaltungstermin noch vergehen würden, erschwert. Habe täglich mehrmals zwischen „Auf keinen Fall traue ich mich das“ und „Klar kriege ich das irgendwie hin“ geschwankt. Zwar habe ich mittlerweile öfter mal alleine in einem Café gesessen und gelesen, aber diese Lesung hatte eine andere Größenordnung für mich und hat mir im Vorhinein unheimlich viel Unwohlsein ausgelöst.

Aber:

Ich habe es getan. Bin alleine zur Lesung gegangen. Habe alle Gedanken, was die Menschen um mich herum denken können, beiseite geschoben, um eine Autorin zu treffen, die mich schon so lange inspiriert. Bin über meinen Schatten gesprungen, habe die zwei Stunden mit mir alleine ausgehalten, auch wenn ich natürlich nicht alleine, sondern in einem Raum voller Menschen saß, die sich für das gleiche interessieren wie ich. Zumindest in der Hinsicht. Egal wie oft ich überlegt habe, einfach nicht hinzugehen oder nur, wenn sich noch jemand findet, bin ich unglaublich froh, alleine gegangen zu sein. Ich konnte mich die Zeit der Lesung über nur darauf konzentrieren, was passiert. Habe mich nicht gefragt, ob es meiner Begleitung auch gefällt und gut geht. Und ich würde es so jederzeit wieder machen. Auch wenn ich mich nicht vollkommen wohl gefühlt habe, war es eine unheimlich wertvolle Erfahrung für mich. Weil ich mich selbst damit überrascht habe, dass ich mich getraut habe.

Selten passieren mir Situationen, in denen ich stolz auf mich bin. Bin eher jemand, der nicht selbstbewusst genug ist, an meinen Mut, an mich zu glauben. Aber nach dieser Lesung kann ich ganz klar sagen:
Ich bin stolz darauf, dass ich mich getraut habe, alleine zu gehen. Dass ich mich nicht selbst davon abgebracht habe, dieses Event zu besuchen und mir durch meine Zweifel diese Erfahrung nehmen zu lassen.

Ich konnte die Person treffen, die mich so inspiriert und meine Neugier weckt und ihr sagen, was ihre Arbeit in mir auslöst.
Und das möchte ich mir auf keinen Fall nehmen lassen.

Dieser Abend hat mir deutlich gezeigt, dass man sich manchmal selbst herausfordern muss, Dinge zu tun, die außerhalb der eigenen Komfortzone liegen. Einfach mal etwas zu probieren, was man so noch nie gemacht hat, sich vielleicht auch nie getraut hätte. Ich bin mir selbst sehr dankbar, dort hingegangen zu sein. Alleine. Nur mit mir zu sein und mich auch nur auf mich zu konzentrieren. Und festzustellen, dass es geht. Dass ich es schaffe, manche Herausforderungen und Erlebnisse nur mit mir zu teilen – und es genug ist. Ich niemanden brauche, die*der mich motiviert, Neues zu probieren. Dass ich diese Person für mich sein kann. Manchmal braucht es nur mich.

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Jacqueline ist 22 Jahre alt und lebt an der Ostsee. Sie liebt es, sich in Büchern zu verlieren, sich Gedanken über die kleinen und großen Dinge des Lebens zu machen und diese in Form von Wörtern oder Zeichnungen zu verarbeiten.
In Ihrer Kolumne „Mut(Ich)“ soll es um den Umgang mit Herausforderungen des alltäglichen Lebens gehen.
Zu lernen, über sich selbst hinauszuwachsen.

Bild von Imina.

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