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Corona und Wir

Das Leben um uns herum scheint langsam ausgeschaltet zu werden: Bars, Cafés, Museen und Clubs schließen. Die Straßen und Nudelregale sind wie leergefegt, Menschen streiten im Drogeriemarkt über ein paar Rollen Klopapier. Wir sind irgendwo zwischen Panikmache und Informationsbeschaffung, zwischen Überreaktion und den Ernst der Lage unterschätzen. Es gibt vieles, was mir zur momentanen Lage einfällt, was mir Angst macht, mich sauer macht und mich beschäftigt. Aber eine Frage drängt sich dauernd in meinen Kopf: Wo will ich sein, wenn ich in Quarantäne muss?

Die Grenzen werden geschlossen, auf einmal sind wir eingesperrt und uns wird bewusst, wie privilegiert wir eigentlich leben: Die ständige Freiheit zu haben, dort hinzugehen, wo wir hin möchten, nie vor einer verschlossenen Türe zu stehen, tun und lassen zu können, was immer wir wollen. Plötzlich sind wir in dieser Freiheit eingeschränkt, was bei vielen Menschen auf Panik stößt. Unser Kreis verringert sich, wir canceln die spontane Städtereise im April, Konzerte, auf die wir uns lange gefreut haben, werden abgesagt. Wir überlegen uns zweimal, ob es wirklich nötig ist, morgen zu diesem Meeting zu gehen und vier neue Hände zu schütteln. Alle werden ungewollt im Kopf abgescannt, überall riecht es nach Desinfektionsmittel.

Vielleicht ist es so schwer, das alles ernst zu nehmen, weil es sich anfühlt wie der Beginn eines Zombieapokalypsen-Films. Ich bemerke zum ersten Mal, wieviel Leben mich umgeben hat, wenn ich sehe wie sich die Straßen von Tag zu Tag leeren. Aber ein Gedanke beschleicht mich dauernd: Wenn mir gesagt wird, dass ich ab morgen das Haus nicht mehr verlassen darf, wo würde ich dann heute noch schnell hinfahren? Mit welchen Personen würde ich am liebsten für zwei Wochen eingepfercht Quarantänezeit verbringen?

Ich bekomme Anrufe von Menschen, die mir am Herzen liegen. Menschen, denen ich augenscheinlich auch am Herzen liege, die wissen wollen, wo ich bin, was ich mache und wann ich zurückkomme. Das gibt irgendwie ein gutes Gefühl in dieser ungewissen Zeit: Zu wissen, dass wir eben alle zusammen drinstecken, das gleiche wissen, dieselben Ängste haben. Und wir bemerken auf einmal ganz genau, wer uns wirklich wichtig ist. Denn ich bin mir sicher, dass wir alle auf die Frage „Wo würde ich hinfahren, wenn ich danach nicht mehr raus darf?“ sofort mindestens eine Person oder einen Ort im Kopf haben.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich bin absolut ratlos und habe ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich daran denke, wie es weitergehen könnte. Ich schätze das Wichtigste ist es, ruhig zu bleiben und die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Auf Ratschläge, die uns inzwischen schon aus den Ohren raushängen (Richtig Hände waschen! Risikokontakte vermeiden! Nichts anfassen! Keine Hände schütteln!), zu hören. Uns unserer Position und Privilegien als junge Menschen mit gesundem Abwehr- und Immunsystem bewusst zu sein und an andere zu denken. Nicht überreagieren, keine Lebensmittel anzuhäufen, die andere dringend nötig hätten. Die Leute um uns zu sammeln, die uns am Herzen liegen und aufeinander Acht zu geben.

Vielleicht soll gerade Zeit sein, um einen Gang herunterzuschalten, dankbar für unsere Gesundheit zu sein und die Zeit nutzen zu können, um Dinge zu tun, die wir uns schon so lange vornehmen oder wünschen: Ausgiebig mit Mitbewohner*innen zu frühstücken, Bücher zu lesen, die schon lange im Regal auf uns warten oder Projekte anzufangen, die wir vor uns herschieben, weil wir keine Zeit haben.

In solchen Krisenzeiten wird auf einmal bewusst, wer und was uns wirklich wichtig ist. Und vielleicht brauchen die Welt – und wir – gerade genau diesen Weckruf.

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Worte von Imina
Photo von Luka

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