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Erstmal nur zuhören #Facettenreich

Wichtiger Hinweis: In diesem Artikel werden sensible Themen wie mentale Gesundheit oder emotionale Gewalt behandelt. Falls Du Hilfe brauchst, hier die Rufnummer vom Jugendtelefon: 116 111.

Das Innere mit der Welt teilen. Ob auf Social Media, in Buchform oder ganz direkt vor Publikum. Wie erreicht man Leute mit seiner Kunst? Und wie gibt man Leuten eine Bühne, die sonst häufig ignoriert werden?

Soraya schafft es, die Themen, die sie bewegen in Gedichten, Texten und Bildern auszudrücken. Durch ihre Kunst regt sie nicht nur online zum Nachdenken an: Vor Kurzem hat sie in Berlin ihr erstes Lese-Event für People of Color veranstaltet. Wir sprechen über Poesie, Politik und Projekte.

Hallo Soraya. Wir beide haben uns durch das Lese-Event Honest Hour kennengelernt, das du ins Leben gerufen hast. Was ist der Gedanke hinter der Honest Hour?

Das hat so angefangen, dass mein Freund und ich überlegt haben, dass wir unsere Texte gerne mal vor Publikum lesen würden, so Spoken-Word-mäßig. Wir wollten ein bisschen mehr in die Welt und in Kontakt mit Leuten treten. In Berlin gibt es ja sehr viel Slam Poetry, was ich persönlich aber nicht so mag, weil das so Wettbewerbscharakter hat. Und die Konzepte, die es sonst so gibt, fanden wir zwar cool, aber ich habe jetzt nichts gefunden, was speziell auf People of Color (PoC) zugeschnitten ist.

Und es sollte halt ein Raum sein, wo eher die PoC sprechen und dann sozusagen ‚Bio-Deutsche‘ erstmal nur zuhören. Es ging uns darum, den Leuten, die oft einfach nicht angehört werden, eine Bühne zu geben. Von Anfang an war uns aber wichtig, dass da nicht nur PoC hinkommen sollen, sondern Leute aus aller Welt. Auch Leute, die sonst nicht unbedingt zu Lesungen gehen oder so. Wir wollten einen Safe Space sowohl für PoC, als auch für die LGBT+ Community schaffen. Wir fanden die Idee ganz cool, dass eine befreundete Drag Queen durch den Abend führt und wir eine Band haben, dann ist ein bisschen Show und die Leute können sich als Community vernetzen. Einige Künstler_innen habe ich auch über Social Media kennengelernt.

Was bedeutet Safe Space genau? Warum lag Euch das am Herzen?

Das richtet sich bei uns an PoC im deutschen Raum, es kommt aber immer darauf an, wo du bist, also eigentlich an alle, die von deutschen Personen als Ausländer wahrgenommen werden oder solche Erfahrungen machen. Die Honest Hour sollte dann halt quasi ein Raum sein, wo sich diese Leute auch trauen, wirklich mal ihre Meinung zu sagen und ihre Gefühle auszudrücken.

Wir wollten es quasi nicht nur auf Themen wie Rassismus oder so beziehen, sondern einen sicheren Raum für alle Themen bieten, Die Künstler_innen können selbst wählen, was oder welche Art von Text sie vorlesen. Wir hatten dann sowohl Liebesgedichte, als auch politische Texte. Sie sollen sich halt sicher sein, dass wenn sie da hinkommen, sie keine Diskriminierung erfahren und es ein Ort ist, wo jegliche Art der Diskriminierung nicht toleriert wird.

Glaubst du, dass bestimmte Gesellschaftsgruppen in unserer Medienkultur noch nicht genug repräsentiert werden? Siehst du da einen Wandel?

Ich finde schon, dass die Medien sich da sehr geändert haben. Wenn man sich aber die Politik und die Gesellschaft anguckt, dann repräsentieren die Politiker_innen ja eigentlich nicht mehr wie unsere Gesellschaft aussieht. Ich meine, wir haben mittlerweile schon eine sehr gemischte Gesellschaft und die meisten Politiker_innen sind ja vorwiegend immer noch ältere, deutsche Politiker. Also eben nicht jüngere Leute, die eh eine andere Einstellung haben. Vor allem die Fridays-For-Future-Generation ist ja ganz anders drauf als viele Politiker_innen, die wir gerade im Amt haben. Die Politiker_innen sind viel konservativer als viele junge Leute, habe ich das Gefühl. Ich glaube, das liegt auch daran, dass die Politik insgesamt nicht so divers ist, allein auch von den sozialen Schichten.

Die Medien haben sich aber schon gewandelt. Ich glaube, die Kinder jetzt haben viel mehr role models (=Vorbilder); also es gibt viel mehr Bücher, wo nicht nur weiße Kinder sind und so was. Da ist vielleicht in den klassischen Talk-Shows noch Nachholbedarf oder im Geschichtsunterricht über die Kolonialzeit, aber das ändert sich eigentlich ins Positive. Ich habe aber ehrlich gesagt auch das Gefühl, dass es immer noch viele Vorurteile in der Gesellschaft gibt, manchmal auch gar nicht bösartig gemeinte.

Nun zu etwas Schönerem: Du selbst hast auch bei der Honest Hour gelesen. Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Also ich habe schon als Jugendliche viel geschrieben und gelesen. Damals noch auf Deutsch, heute mache ich viel auf Englisch. Da habe ich mit Poesie angefangen und habe Sachen aufgeschrieben, die mich halt irgendwie beschäftigt haben. Das war einfach eine Art und Weise, Sachen zu verarbeiten. Ich habe auch relativ viel Tagebuch geschrieben.

Ich habe dann eine Zeit lang nicht mehr so richtig geschrieben, erst wieder als ich in Berlin war. Erstmal habe ich auf Instagram Sachen gepostet, dann bin ich mit Poetry-Büchern in Kontakt gekommen. Viele neuere Gedichte sind ja oft kürzer als klassische Poesie und nicht immer gereimt, da dachte ich mir: Das kann ich auch!

Wie hängen Social Media und deine Kunst zusammen?

Ich habe über Instagram sehr viele Autor_innen gefunden, weil viele da schon was in Richtung Poesie gepostet haben, wovon ich mich habe inspirieren lassen. Aber ich habe auch gesehen, wie man die Dinge selbst in die Hand nehmen kann. Social Media ist halt voll von Freelancern, also Influencern, die alles selbst machen, ihre eigenen Online-Shops haben, nicht auf Verlage angewiesen sind und mega erfolgreich damit sind.

Ich habe dann auch mein erstes Poesie-Buch selbst veröffentlicht. Ich war schon zufrieden ehrlich gesagt, dass ich es geschafft habe, so ein Projekt fertigzustellen.

Du sprichst online auch immer wieder ernste Themen wie Sexismus oder Rassismus an. Steckt auch Aktivistin in dir?

Also ich würde mich nicht Aktivistin nennen, ich finde, dafür müsste man irgendwie noch mehr machen. Ich habe zwar schon immer so Petitionen unterschrieben oder auch in der Schule mal wichtige Themen angesprochen. Aber ich mache das eher so nebenbei. Ein Posting ist halt nicht genug. Ich sehe es schon so, dass meine Arbeit helfen kann, Leute zu bilden, ich habe da auch selbst viel gelernt von anderen Accounts, denn ich finde, das gibt auch immer so einen Anreiz, sich über ein Thema weiterzubilden. Aber ich poste ja schon noch mehr über mentale Gesundheit.

Mit politischen Sachen bin ich vorsichtiger, es ist halt das Internet. Und ich bin halt auch nicht mehr die Person, die ich vor zwei Jahren war. Ich weiß nicht, ob es mich dann noch repräsentiert. Also Menschenrechte sind für mich schon wichtig. Das sind so Sachen, die eindeutig für mich sind. Wenn ich aber dann sehe, was andere Aktivist_innen machen, denke ich, oh da könnte ich noch mehr machen.

Du hast bisher zwei Bücher geschrieben, in denen du dich mit mentaler Gesundheit beschäftigst. Wie kam es dazu?

Das sind ja beides im Prinzip Poesie-Bände. Im ersten Buch habe ich vor allem über Panikattacken und Vergewaltigung geschrieben. Also auch quasi darüber, wie es einer Person, die das erlebt hat, danach geht. Denn es ist ja nicht mit den Dingen vorbei. Viele entwickeln dann zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörungen oder Ähnliches.

Ich denke, viele außenstehende Leute wären vorsichtiger, wenn sie wüssten, was solche Erfahrungen, in denen Grenzen überschritten werden, einer Person wirklich anhaben können. Denn oft ist derjenige der die Grenzen überschreitet, nämlich nicht gleich der Typ, der dich gewaltvoll runterhält und diese klassische Vergewaltigung ausübt.

Beim zweiten Buch habe ich über toxische Beziehungen geschrieben; woran du das erkennst und so weiter, weil ich das Gefühl habe, dass so viele Leute in solchen Beziehungen feststecken. Nur weil dich jemand nicht schlägt, heißt das nicht, dass es gut für dich ist. Es gibt auch emotionalen Missbrauch, das gibt es bei allen Geschlechtern.

An welchen Projekten arbeitest du zurzeit?

Wir wollen auf jeden Fall ein zweites Mal die Honest Hour veranstalten, wir planen das wieder mit verschiedenen Künstler_innen zu machen und wollen auch neue Leser_innen dabei haben. Bald fängt auch die Uni wieder an und ich will das erstmal fertig machen, auch wenn das viel Arbeit ist. Kunst gibt mir halt auch so ein bisschen Balance.

Ansonsten arbeite ich schon seit einer Weile an meinem nächsten Buch. Ich plane auch schon seit längerem, mal einen Roman zu veröffentlichen. Mit der Kunst berührt man die Menschen zwar, aber leider ist das ein sehr unsicheres Standbein, Jura ist da ein bisschen sicherer. Mit Jura berührst du nicht so sehr die Herzen der Leute.

Hier findet Ihr Sorayas Instagram und ihren Blog/Shop.

Honest Hour auf Instagram, wenn Ihr Lust habt, auch vorzulesen.

Emi ist 19, Tagträumerin, Studentin und lebt in einem grünen Stadtteil Berlins. In ihrer Kolumne #Facettenreich geht es jeden Monat um Menschen, die unsere Gesellschaft prägen und bereichern. Sie geht der Frage nach, was uns ausmacht, ‚anders‘ macht und was Diversität bedeuten kann.

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