Du & Ich
Schreibe einen Kommentar

Zeit mit dir braucht Zeit mit mir #heiterbiswolkig

Ich muss dahin, ich hab doch zugesagt – sagt mir mein Kopf. Aber ich will lieber im Bett liegen und lesen, sage ich. 

Aber du wolltest doch aktiver sein, mehr unter Leute gehen, mehr leben! – sagt mein Kopf. Ja, aber heute will ich eben nicht mehr, sage ich.


Es ist Donnerstag, und eigentlich fängt in einer Stunde die Geburtstagsfeier an, zu der ich letzte Woche schon zugesagt hatte.

Da sind viele Leute. Und ich muss dazu rausgehen – mich aus meinem Zuhause, meinem geschützten Raum lösen.

Eigentlich habe ich keine Lust dazu. Viele Menschen heißt viele Gespräche und die eigenen Gedanken teilen. Aber wie, wenn ich keinen Raum habe meine Gedanken zu denken? Trotzdem trödele ich herum, mache Last Minute das Geschenk fertig und suche die Bahn raus.

Der innere Konflikt ist stark, aber eigentlich weiß ich schon worauf es hinausläuft, weil es oft auf das Gleiche hinausläuft – nachträglich abzusagen.

Als ich zugesagt habe, hatte ich mich über die Einladung gefreut. Ich hatte Lust gehabt hinzugehen, Kontakte zu pflegen, Spaß zu haben. Aber die Woche war voll, ich bin ausgelaugt und war heute noch keine Minute alleine. Da ist keine Kraft mehr für Gespräche mit vielen Menschen.

Ich hadere mit mir, weil ich Ja gesagt habe und mich schwer damit tue, nachträglich nein zu sagen. Ich habe Ja gesagt und bin davon überzeugt, dass jetzt von mir erwartet wird, mich auch daran zu halten. Nein zu sagen entspricht nicht meinem Selbstbild, zuverlässig zu sein. Und überhaupt will ich auch niemanden durch eine Absage verletzen.

Aber sollte es nicht in Ordnung sein, das eigene Gefühl nochmal abzuchecken und reinzufühlen? Ich denke ja.

Mich halbherzig meinem Terminkalender hinzugeben nur um zuverlässig zu sein scheint mir nicht fair. Weder mir, noch gegenüber den Menschen mit denen ich verabredet bin.

Wenn ich Zeit mit jemandem verbringe will ich ganz da und aufmerksam sein, mich wohlfühlen und alles von mir geben. Das nicht tun zu können ist frustrierend.

Ich hätte einfach direkt Nein sagen – oder mir etwas mehr Zeit zum Überdenken nehmen sollen. Ich habe falsch eingeschätzt wie es mir gerade geht und nicht mit eingerechnet, dass der Tag vielleicht schon zu voll sein würde. Manchmal ist die Begeisterung für das nächste Kaffeedate oder die nächste WG-Party stärker als das Gefühl, mehr Raum zu brauchen. Zumindest im Moment der Zusage.

Ich erwarte von mir selbst, immer da zu sein für die Menschen, die ich mag und die mir wichtig sind, zuverlässig zu sein, nichts zu vergessen, an jeden Geburtstag zu denken, immer zurückzurufen, freundlich zu antworten – auch, wenn mir mal nicht danach ist. All das ist kräftezehrend. 

Ich erwarte ganz schön viel von mir.

Und ich glaube, dass andere das gleiche von mir erwarten. Ob das wirklich so ist, keine Ahnung.

Aber wie wir uns selbst sehen und mit uns umgehen, spiegelt sich in unseren Beziehungen wieder. Und wenn ich ganz ehrlich bin, sind viele davon gerade eher oberflächlich – auch schön, aber oft fehlt die Tiefe.

Im Moment auch ein bisschen in der Beziehung zu mir selbst.

Es passiert mir so oft, dass ich meine Woche mit Verabredungen und Verpflichtungen zu voll verplane. Oft bleibt mir keine Zeit schöne Momente mit mir selbst zu verbringen, Zuhause zu sein und einfach die Gedanken wandern zu lassen. Und dann habe ich das Bedürfnis, Pläne wieder abzusagen.

Ich will lernen, ehrlicher mit mir und meinen Bedürfnissen zu sein. Und ich will lernen, das gut zu kommunizieren.

Wenn ich zu müde bin, um rauszugehen oder mehr Zeit für mich brauche, will ich das sagen können ohne mich den Rest der Woche schuldig zu fühlen.

Ich muss nichts.

Außer mir den Raum zu geben, realistische Erwartungen an mich selbst zu haben.

Vielleicht kann ich dann auch die Erwartungen anderer erfüllen.

Aber nicht heute. Heute bleibe ich im Bett und lese.

Carolin ist 23 und lebt in Kassel, wo sie an der Kunsthochschule studiert und zwei Nebenjobs arbeitet. Ihre Freizeit verbringt sie unter anderem als Klimaaktivistin und damit, sich und ihre Umgebung zu beobachten und zu verstehen.

In ihrer Kolumne “heiter bis wolkig” setzt sich Carolin mit dem Thema Erwartungen auseinander. Was erwarten wir von uns, von anderen, von der Welt? Wo merken wir vielleicht gar nicht, dass wir etwas erwarten und wie werden wir von all dem beeinflusst?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.