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Danke für die Blumen

Heute vor genau zwei Jahren ging mein erster Text bei Tierindir online. Dass dieser Termin genau auf den Weltfrauen*tag fiel, ist natürlich kein Zufall gewesen. Damals war ich 16 Jahre alt und die feministische Debatte war ein Thema, mit dem ich mich zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Monaten beschäftigt hatte.

Ich will nun nach zwei Jahren die Möglichkeit nutzen, um einfach mal Revue passieren zu lassen: Was ist von meinen damaligen Wünschen an eine gleichberechtigte Gesellschaft übrig geblieben? Habe ich denn überhaupt selbst genug dazu beigetragen? Wenn ich mich gedanklich zwei Jahre in die Vergangenheit zurückversetze, dann war da gerade einiges in meinem Leben los.

Ich kam in die Oberstufe und fing an, mich intensiver mit Politik und den Vorgängen, die um mich herum und in unserer Gesellschaft passieren, auseinander zu setzen. Woher mein besonderes Interesse für die Rechte und die Gleichstellung von Frauen* in unserer Gesellschaft damals kam – außer, dass ein gewisses Interesse für besagte Dinge von jedem zu erwarten wäre und einfach nur anständig ist – kann ich nicht mehr komplett zurückverfolgen. Was ich aber genau weiß ist, dass ich wütend war. Weil mir zum damaligen Zeitpunkt klar wurde, dass ich etwas mit Duldung ertragen und habe geschehen lassen, das so normal für mich war, dass ich es gar nicht für nötig hielt, dagegen aufzubegehren. Quasi schlagartig wurde mir bewusst: Tatsächlich, unsere zwischenmenschlichen Verhältnisse sind faul. 

2018 besuchte ich Anfang März fast zufällig den Weltfrauen*gebetstag unserer Kirchgemeinde. Ich bin kein Kirchenmitglied, wurde aber dort unsagbar herzlich aufgenommen und begrüßt. Dieser Besuch ist ein Tag, an den ich noch gerne und oft zurückdenke. Von dieser Gemeinschaft von Frauen*, die zusammen aßen und diskutierten, ging ein wahnsinniges Gefühl von Stärke und Verbundenheit aus, wie ich es zuvor noch nie wahrgenommen hatte. Plötzlich empfand ich einen starken Willen, meine privilegierte Stimme zu nutzen und meine ganze Präsenz im gesellschaftlichen Kursus hauptsächlich auf ein Thema zu richten: Die Gleichstellung und die Frauen* in unserer Gesellschaft. 

Mit allen Mitteln versuchte ich nun, dieses Vorhaben umzusetzen. Unter dem Deckmantel einer „Kunstaktion im Zuge meiner Seminarfacharbeit“ organisierte ich mit einer Freundin eine Plakataktion in meiner damaligen Schule; Sätze auf den Plakaten und die zitierten Personen teilweise anstößig. Der Schulleitung schmeckte das natürlich gar nicht; die Plakate wurden nach zwei Stunden sofort wieder abgehangen und wir endeten mit einer Beschwerde beim Thüringer Schulamt. Doch ich bin bis heute überzeugt: Es war nicht umsonst. Am nächsten Tag sagte mir eine Schülerin aus der damaligen 9. Klasse, dass ihre Klasse nach der Pause im Wirtschaftsunterricht über die Abtreibungsfrage diskutiert hatte und ich merkte, dass das eigentlich alles war, was ich wollte. 

Im Laufe dieser zwei Jahre habe ich jedoch dann eine Methode gefunden, diesem Begehren Ausdruck zu verleihen, ohne große Plakataktionen anzuzetteln und Revoluzzer zu spielen. Ich bin neben vielen anderen Leidenschaften auch Pianist und mir wurde damals bewusst, dass ich in meinem Leben bisher eigentlich nur Stücke von Männern* gespielt hatte. Das will ich ändern und werfe das ewig dahin dudelnde Repertoire, das natürlich ausschließlich das Schaffen von Komponisten kanonisiert, über Bord, fange an zu recherchieren und stoße auf eine Vielzahl an Komponistinnen, quasi ein ganzes kulturelles Erbe, das bisher ausgeblendet und vernachlässigt wurde. Seitdem ist es vor allem diese Tätigkeit, die mich erfüllt und meinem Begehren eine Bühne bietet, die doch etwas subtiler ist als eine politische Aktivität, aber das von mir gewünschte Anliegen trotzdem an andere vermitteln kann. 

In diesem Zusammenhang habe ich in den letzten beiden Jahren vor allem eines gelernt: Die feministische Debatte, die Gleichstellung, sind so kleinmaschig, dass es für viele sicherlich nur schwer vorzustellen ist – und nachzuholen gibt es eine Menge. Die Musik, die das Schaffen von Frauen* ausblendete (und in Teilen auch noch immer ausblendet) ist nur ein Minimalteil an nachzuholender Arbeit für eine Gesellschaft, eine Kultur, die sich die Gleichstellung von Männern* und Frauen* zur Aufgabe macht.

Man kann eine Gleichstellung nicht auf einmal in Form eines Dreijahresplanes umsetzen, Punkt für Punkt abarbeiten und hoffen, dass dabei am Ende eine neue, gleichberechtigte gesellschaftliche und kulturelle Identität herauskommt. Vorerst kann und muss sich jeder erst einmal über das Problem der Unterrepräsentation von Frauen* bewusst werden – schon das ist für viele anscheinend unmöglich.

Nach diesem Bewusst-werden kommt eine nächste Stufe, die nun jeder selbst für sich in die Hand nehmen kann, egal als welches Mitglied unserer Gesellschaft er*sie sich versteht: Das bloße bewusste Wahrnehmen von Frauen* – als Mutter, als Nicht-Mutter, als kulturschaffende Person, als Eigentümerinnen eines Körpers, einer Gebärmutter und einer Selbstbestimmung, wie sie für andere selbstverständlich ist.

Wir können (!) Frauen* anders und gleichrangiger wahrnehmen, als wir es bislang getan haben; es steht uns nichts im Weg. Denn wir können Frauen* in der Politik eine Stimme geben, aber auch gleichzeitig denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Wir können in Museen die Werke von Frauen präsentieren, ohne es als feministische Überaktion zu plakatieren; einfach, weil sie genauso in den Kanon gehören wie die Werke von Männern*, deren große Alleinunterhaltungsshow schon viel zu lange andauert. Wir können die Bücher von Frauen* in Schulen lesen, Texte von Frauen* ins Deutschabitur aufnehmen – alles, wenn wir es wollten. Viele wollen, und das ist auch gut so.

Und dann gibt es andere, die sind vor diesen Tatsachen doch immer noch blind. Und solange die nicht wollen, können wir schonmal jeder bei uns selbst, in den kleinen Dingen des Alltags suchen und beginnen. Es ist so einfach, sich daheim mal vor das Bücherregal zu stellen und zu schauen, wie viele Bücher darin von Frauen und wie viele von Männern verfasst wurden und sich zu fragen, warum das so ist. Man wird zu dem Schluss kommen: Es gibt keinen plausiblen Grund dafür. Es ist außerdem nicht außerirdisch und in der eigenen Geschlechtsidentität gefährdend, sich auch als Mann* Gedanken darüber zu machen, warum eine Tamponsteuer grundlose Benachteiligung darstellt, warum heterosexuelle Pornografie ein verzerrtes, sexistisches Bild von Sexualität projiziert und eine Entmenschlichung des weiblichen Körpers darstellt, wie man zur Abtreibungsfrage steht, ohne eine Gebärmutter zu haben, etc. Die Liste ist lang.

Man muss keine längshalbierten Früchte auf Instagram anstößig streicheln, um Feminist*in zu sein. Es kostet einen jeden von uns im Endeffekt nichts als Respekt, an dieser Debatte teilzunehmen. Respekt vor dem Willen, als Mitglied in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben zu wollen, vielleicht auch ohne zu einer Personengruppe zu gehören, die marginalisiert und von dieser Gleichberechtigung ausgeschlossen wird.

Allein schon durch unser alltägliches Teilnehmen in der Gesellschaft äußern wir uns, denn das Private ist politisch. Es reicht nicht, wenn nur „von Oben“ etwas passiert, ohne dass wir unsere Beziehungen zueinander kritisch reflektieren. Was nützt mir denn die durch eine staatliche Institution festgelegte Frauenquote für Unternehmen, wenn zwar auf dem Papier und in der Statistik mehr als ein Drittel an Frauen* neu eingestellt werden, sich aber das Verhalten von vielen Männern* gegenüber Frauen* in einem Unternehmen weiterhin als eigentlich grundlegend diskriminierend abzeichnet?

Denn auch das habe ich gelernt: Feminismus ist keine Religion mit einem Guru, der Antworten auf all diese Fragen parat hält. Mir fällt es immer noch schwer, mir für manche Fragen und Probleme in dieser Debatte eine fundierte, grundlegende Meinung zu bilden; beispielsweise zu der Frage, wie man mit Prostitution und Sexarbeit umgehen soll. Feminismus ist, sich bereit zu erklären, im Sinne der Gesellschaft und auch im persönliche Sinne nach Antworten zu suchen und neue Denkperspektiven über unser Zusammenleben zu eröffnen.

Unlängst hat sich natürlich auch der Kapitalismus den Zuspruch für die feministische Debatte zu Nutze gemacht und einen gewissen Mainstream entwickelt, der im Kern aber zu nichts führt als sogar teilweise zur Festigung patriarchalischer Strukturen. Ich weiß immer nicht, ob ich es gar obszön oder fast lächerlich finden soll, wenn große Bekleidungsmarken „Empowered Woman“ und „GIRLPOWER“ auf ihre T-Shirts drucken, die in Bangladesh und vgl. Ländern von für unsere Gesellschaft quasi unsichtbaren Näherinnen produziert werden, die nicht nur ausgebeutet werden, sondern auch unter höchstgefährlichen Bedingungen ihrer Arbeit nachgehen. 

Vor Kurzem sah ich ein Blumengeschäft mit dem Banner „Am 08. März ist Frauentag – denken Sie an einen Strauß für ihre Liebste!“. Ich schmunzelte in mich hinein und dachte mir über dieses (zudem heteronormative) Banner, dass wirklich keine einzige Frau* auf dieser Welt auf eure kack Blumensträuße, geschweigedenn auf die Aufmerksamkeit irgendeines Mannes* angewiesen ist. Wer einen vorgeschriebenen und durch die Industrie für Profite ausgenutzten Feiertag braucht, um Frauen* eine angemessene Präsenz zu verleihen, der ist noch ganz weit von der Utopie entfernt, von der ich träume. Keiner muss erst auf einen Feiertag warten, um Frauen zu feiern. Dafür hat das Jahr 365 Tage und das sogar jedes Jahr aufs Neue.

Dominik lebt in Halle an der Saale und studiert dort Deutsche Sprache/Literatur und Kunstgeschichte. Neben diesen beiden großen Leidenschaften liebt er das Schreiben, das Klavierspielen, das Fotografieren, gutes Essen und all die kleinen ästhetischen Offenbarungen, die das Leben bietet.

Die Visualisierung ist von Luka.

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