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In Zeiten wie diesen #wir

In Zeiten wie diesen wird das für unmöglich Gehaltene möglich. In Zeiten wie diesen wird das Unsagbare sagbar. In Zeiten wie diesen liegen Gut und Böse nahe beieinander. Was vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre, ist heute kaum noch wegzudenken oder wegzubekommen. Das kann sowohl positive, als auch negative Konsequenzen haben.

Sind diese Zeiten etwa wilde Zeiten? Um das Abstrakte etwas greifbarer zu gestalten, soll im Folgenden eine kleine Analyse dessen vorgenommen werden, was in den letzten Monaten zu beobachten war. Dabei nehmen die sozialen Netzwerke eine essentielle Rolle ein.

Abzweigungen

Stellen wir uns das Internet wie einen prächtigen Baum vor: Der Baum ist im Besitz mehrerer Äste, die andersartig gewachsen sind. Äste, die dick und lang sind. Äste, die schmal und kurz sind. Äste, die kahl sind, Äste die mit prächtigen grünen oder andersfarbigen Blättern versehen sind. Äste, die an Blättern verlieren und Äste kurz vorm Absterben. Der Baumstamm stellt die sozialen Netzwerke dar, die in Gebrauch vieler Menschen sind. Menschen verschiedener Couleur befinden sich unter ihnen. Sie bewegen sich in dem Stamm hin und her und suchen sich ihren Platz, wenn dieser noch nicht gefunden wurde. In diesem Baumstamm haben sie die Möglichkeit, einen oder mehrere der vielen Abzweigungen einzuschlagen. So wie es unzählige Arten von Ästen gibt, so gibt es auch unzählige Arten von Menschen. Drei davon sollen hervorgehoben werden.

Kahl und trostlos

Menschen, die sich für den kahlen, trostlosen Ast entscheiden, schließen sich dem schweigenden Teil des Baumes, dem schweigenden Teil der Gesellschaft an. Ungerechtigkeiten und anderweitige Geschehnisse werden aus Hilflosigkeit oder Desinteresse schweigend hingenommen. Dabei sind sie Meister*innen darin, auf dem aktuellsten Stand der Dinge zu sein und zu bleiben.

Kurz vor’m Absterben

Die zweite Art von Mensch springt auf den Ast, der kurz vor dem Absterben ist. Die Nutzung der sozialen Medien wird in erster Linie in Anspruch genommen, um menschenverachtende Ideologien zu formulieren und diese zu verbreiten. Hass und Ängste sollen geschürt, Lügen in Umlauf gebracht und die Gesellschaft gespalten werden. Der Ast zerbricht der Annahme nach jedoch nicht, da es Menschen gibt, die sich dagegenstellen und noch viel weiter gehen. Stimmen, die in unserer Gesellschaft bewusst oder unbewusst überhört werden, können auf dem blättrigen Ast hörbar gemacht werden.

Blätter, bunt und einzigartig

Die dritte Art von Mensch verfolgt genau diese Absicht: Ihre Anliegen zu äußern und endlich gehört und wahrgenommen zu werden. Sich das zu nehmen, was ihnen zusteht und was im alltäglichen Leben schwer erreichbar zu sein scheint, da ihnen Hindernisse in den Weg gelegt werden. Vor allem für marginalisierte Gruppen ist dieser Weg die Chance, auf Missstände aufmerksam zu machen, die seit Jahrzehnten bestehen, nun jedoch durch das Wachstum der sozialen Medien mehr Anklang finden können. Sie sind die Äste, die mit Blättern versehen sind. Die Blätter unterschiedlichster Formen sind bunt und einzigartig. Nicht nur, dass sie und ihre Unterstützer*innen gegen menschenverachtende Aussagen angehen, sie setzen eigene Themenschwerpunkte und zeigen allen Menschen, dass sie existieren und dass sie Ungerechtigkeiten nicht hinnehmen.

Sie kämpfen für ein solidarisches Miteinander und für eine friedliche Zukunft. Gegenseitig bestärken sie sich und andere, da sie Personen, die sich im Stich gelassen fühlen, zeigen, dass sie nicht alleine sind. Der Ast wächst von Tag zu Tag und gewinnt an Energie. Er wächst weiter und weiter und weiter. Bis die Freiheit aller marginalisierten Gruppen erreicht und diese gefestigt ist. Aufgeben kommt nicht in Frage. Und so wächst der Ast bis ins Unermessliche. Bis ein WIR entsteht und dieses WIR das ICH und die anderen ersetzt.

Jahreszeiten

Ein Baum macht natürlich auch vieles durch. Die unterschiedlichen Jahreszeiten verlangen ihm viel ab. So ist das auch mit den vielen Debatten, Diskussionen und Streitigkeiten, die auf den digitalen Plattformen ausgetragen werden. Das gilt auch für die Menschen, die sich in diesen Kreisen bewegen. Die digitalen Plattformen können und sollten für das Gute genutzt werden.

Der Kampf für das Richtige verlangt den Menschen, die sich für Gutes einsetzen, einiges ab. Daher ist es wichtig, eigene Grenzen zu ziehen und diese zu respektieren. Das Richtige für mich ist die Freiheit der Unterdrückten, die Freiheit der Marginalisierten, die Freiheit aller, ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeiten. 

Wilde Zeiten …

So sind es wilde Zeiten für diejenigen, die ihre Stimme endlich hörbar machen und Anklang finden können. Aber auch wilde Zeiten für Menschen, die wegsehen oder menschenverachtende Inhalte verbreiten und somit salonfähig machen.

Wilde Zeiten für die Menschlichkeit.

Wilde Zeiten für uns.

Wilde Zeiten für das eigene Leben.

Text von Melis.
In der Kolumne “Wir” soll es in erster Linie darum gehen, marginalisierten Menschen eine Stimme zu geben. Sie ist also eine Art Plattform für Menschen, die sonst überhört oder gar ignoriert werden. Themen wie Rassismus, intersektionaler Feminismus, Empowerment und andere politische Themen sollen hier Platz finden. Die Kolumne ist aber auch ein Plädoyer für das Gemeinsame, das Wir. Sie ist eine Bewegung gegen das Spalterische, für das Miteinander.

Beitragsbild von Martin Wunderwald.

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