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Orte, die (mir) die Welt bedeuten

Es ist Teil des Liebens, dass es wehtut, etwas nicht mehr sehen zu können. Doch was können wir dagegen tun?

Omas Garten

Meine Oma ist jetzt im Altersheim. Sie hatte ihr Leben lang einen Garten in einer Gartensparte, mit einer kleinen Laube darauf, den sie sich mühsam aufgebaut hat, gepflegt hat, bis zum Schluss. Sie musste ihn schließlich aber nach all den Jahrzehnten aufgeben. Ihr Anliegen war es allerdings, dass der Käufer oder die Käuferin alles übernimmt, also wir, ihre Familie, keine Arbeit damit haben würden, nichts ausräumen mussten und so weiter. Ein Freund meines Bruders hat diesen Garten nun übernommen, was total schön ist! Es freut mich, zu wissen, dass irgendwie eine Möglichkeit besteht, ihn und seine Familie dort mal zu besuchen. An dem Ort, an dem ich viele Tage meines Lebens verbracht habe.

Ich verbinde damit Sommer, Sonnenschein, frischen Tomatensalat mit viel Zwiebel und Balsamico, zu weich gekochte Nudeln, madige Kirschen, heißen Fencheltee, kitschige Plastikrehe und das Wichtigste, die Hollywoodschaukel, auf der JEDER schon mal ein Nickerchen gemacht hat.

Vor Kurzem hat mein Bruder uns ein Bild weitergeleitet. Die Familie seines Freundes beim Abreißen des Inneren der Laube. Meine ersten Gedanken: Ich konnte mich gar nicht verabschieden! Warum machen sie die neu? Das war doch alles noch (nicht modern aber) voll in Ordnung da drinnen! Meine Oma würde sicher das selbe denken, ich glaube, niemand hat ihr bis jetzt davon erzählt, dass dort nichts mehr ist, wie es war.

Mein altes Kinderzimmer

Vor ein paar Tagen erfuhr ich, dass meine Mutter mein altes Kinderzimmer in unserem Haus neu gemacht hat, in dem ich immer noch schlafe, wenn ich in der Heimat bin und das bis jetzt fast so aussah, wie ich es verlassen hatte. Ich wusste von ihren Plänen, dachte allerdings, wir machen das zusammen. Ich bin sicher, es wird wunderbar aussehen, ich vertraue ihrem Geschmack, aber: Ich konnte mich nicht verabschieden. Am Telefon sagte sie mir dann, dass sie alles aufgehoben hat, außer die 18, die sei ihr zerrissen. Die 18, meine Lieblingszahl, hatte an meiner Wand geklebt seit ich 12 war, und war mein Glücksbringer. Jeden Morgen, bevor ich zur Schule ging, schaute ich sie an, bevor ich die Tür schloss. Jedes Mal, wenn ich nach einem Wochenende bei meiner Familie wieder zurück in meine Studienstadt aufbreche, schaue ich sie an. Schaute.

Ich hatte ein ganz komisches Gefühl, als sie mir das sagte, fast so, als würde das Traurigsein über die kaputte 18 die Freude über das neue Zimmer überschatten.

Die Waschmachine

Und noch eine letzte Geschichte: Nach eineinhalb Jahren des alleine Wohnens hatte ich endlich eine Waschmaschine erworben. Ich rechnete nicht damit, aber einen Tag, bevor ich sie erwartete, klingelte es an der Tür und zwei Männer waren dabei, sie die Wendeltreppe zu meiner Wohnung hochzuhieven. Und schwupps – stand sie in meinem Bad. Ich hatte mir so lang eine Waschmachine gewünscht, doch als ich sie dann hatte, kam ich nicht umhin, traurig darum zu sein, dass ich mich nicht von meinem schönen, süßen, kleinen Bad ohne riesige Waschmaschine hatte verabschieden können.

Abschied nehmen – oder nicht

All diese Gefühle verflogen mit der Zeit. Ich musste mich nur damit arrangieren. Und doch frage ich mich, ob es so gesund ist, dermaßen an materiellen Dingen und Orten zu hängen. Ich verbinde so viel mit gewissen Orten. Schon jetzt treibt mir der Gedanke daran, meine erste eigene Wohnung und Studienstadt mal verlassen zu müssen, Tränen in die Augen.

Noch schlimmer ist etwas, wenn Abschiede plötzlich passieren. Wenn es keine Chance mehr gibt, diesen Ort noch einmal zu sehen, bevor er für immer anders ist. Oder weg ist. Wenn ich schon traurig bin, weil mein Badezimmer nicht mehr das ist, was es einmal war (sondern im Grunde genommen sogar besser, als vorher, nur eben anders), wie ist es dann für Menschen, deren gesamte Heimat zerstört wird, zerbomt, weggefegt von Naturkatastrophen?

Woran Bedeutung festmachen?

Ich bin unglaublich dankbar, schöne Erfahrungen gemacht zu haben und immer noch machen zu können. Überhaupt jemals an Orten zu sein, die ich so sehr liebe, dass sie sich für immer in mein Gedächtnis einbrennen. Wie kann ich in Zukunft sichergehen, nicht mehr verletzt zu sein? Bedeutung an Menschen festmachen, an Momenten mit ihnen? An Dingen, die nicht flüchtig sind, die mir nicht verloren gehen können? Aber auch Menschen können von uns gehen, verschwinden. Auch ein Mensch ist auf eine gewisse Art ein Ort, an dem man sich wohlfühlt. Man selbst sein kann, genießt. Menschen, sowie Orte, können uns ausmachen, ein Teil von uns werden, uns definieren. Und sind sie irgendwann weg, so verschwindet mit ihnen ein Teil unserer Geschichte.

Es ist Teil des Liebens, dass es wehtut, etwas nicht mehr sehen zu können. Doch was können wir dagegen tun? Wir können nicht mehr tun, als jeden Moment in genau diesem Moment zu sein. Das heißt konkret: Handys weg, Fokus an, Konzentration auf das Hier und Jetzt, an den Ort vor deinem Auge, auf die Person, die bei dir ist. Bilder in unseren Köpfen abzuspeichern. Und dahin zurückzukehren, wenn wir etwas vermissen.

Text von und Fotos von Nora.

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