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Das Ende des Schweigens #Mut(Ich)

Ich habe es versucht.
Wollte im Guten auseinander gehen, mich ausreden, statt bloß rauszureden, sagen, wieso es mir geht wie es mir geht.
Euch all die Dinge erzählen, die ihr verpasst habt, als wir nicht miteinander geredet haben. Wollte zurück, aber für euch ging es weiter. Ohne mich.

Mittlerweile sind Jahre vergangen, seit ich mich mit zwei meiner besten Freunde auseinander gelebt habe. Es ist etwas vorgefallen, worüber wir nicht gesprochen haben, erst nicht sprechen konnten, weil keiner wusste wie. Und die Worte, ebenso wie der Mut, fehlten, um zu sagen, was los ist, ohne den anderen zu verletzen.

Doch habe ich nicht nur euch verloren, sondern auch einen Teil von mir.
Weil ich schon immer jemand war, der sich zu leicht von anderen abhängig gemacht hat. Sich nur erlaubt hat glücklich zu sein, wenn alle anderen es auch waren. Und ich nur vollkommen ich sein konnte, wenn ich bei euch war.

Von einem auf den anderen Tag sind wir nicht mehr aufeinander zugelaufen, sondern aneinander vorbei. Ohne das Lächeln, das sich sonst geformt hat, sobald wir uns gesehen haben.
Das Lächeln, das die Wertschätzung ausgestrahlt hat, auf die ich so angewiesen war, weil ich sie mir selbst nicht geben konnte.

Monate – nein jahrelang – habe ich nicht von, nur über euch gehört.
Euch jeden Tag gesehen, weil die selben Freunde, die selbe Schule uns verbunden haben.
Es wurde geredet, was passiert sei, ich wurde gefragt, warum die in meinem Leben so präsent gewesenen Menschen meine Nähe und ich ihre nicht länger ertragen konnte. Warum wir nicht zur selben Zeit im selben Raum sein können, ohne dass die Stimmung kippt.
Dabei wusste ich es selbst nicht mal genau.

Habe mir ständig gewünscht, zurück reisen zu können, einfach bei euch zu sein und zu vergessen, was war.

Doch da standen bereits meterhohe Mauern, die ich mich nicht zu überwinden getraut habe. Aus Angst, es noch schlimmer zu machen, bin ich leise geblieben. Habe meine Hoffnung nur Hoffnung sein lassen. Doch was gab es noch zu verlieren? Was kommt nach der Ignoranz, nach dem so tun, als hätte es die andere Person nie gegeben? 

Tatsächlich habe ich den Entschluss gefasst, die Schule zu wechseln, ein neues Leben anzufangen, frohen Mutes jemand anderes sein zu können. Vielleicht wieder ganz. Meine Teile wieder zusammenzusammeln und endlich wieder ohne die ständige Sorge, den Personen über den Weg zu laufen, die mich so traurig machen, zu sein. Aber natürlich habe ich mich und meine Vergangenheit mitgenommen. Habe gemerkt, dass man nicht bei einer Person sein muss, um an sie zu denken und Unausgesprochenes einen ewig quälen kann.

Deswegen habe ich dir geschrieben.
Versucht, Worte dafür zu finden, wofür es so lange keine gab. Erklärt, was es mit mir gemacht hat, dass ich mir wünschte, wir wären anders mit uns umgegangen.
Hätten geredet statt zu schweigen.
Als ich die Nachricht mit schweißnassen Händen abschickte, wusste ich, dass das Risiko bestand, dass es keine Antwort geben würde. Jemand anderes sich nach wie vor nicht dazu äußern möchte, was ich so sehnlichst klären wollte. Dass der Inhalt an die falschen Menschen geraten und wieder nur über, statt mit uns geredet werden würde. Und so kam es.
Der Text hat die Runde gemacht.
Habe viele Antworten bekommen, aber keine von euch.
Keine, die mein Bedürfnis zur Klärung erfüllen konnte.

Klar könnte ich jetzt bereuen, was ich geschrieben habe, wie offen ich mich gezeigt habe, während Menschen, für die diese Zeilen nie bestimmt waren, sie lesen.
Nur bin ich mir selbst zu dankbar dafür, es versucht zu haben.


Ich habe gekämpft, bin einmal nicht geflohen, sondern habe konfrontiert, was mir weh tut. Bin auf euch zugegangen, aber ihr nicht auf mich. Und das ist okay. Denn die Geschichte hat mehr als meine Seite und es liegt an uns, unseren Teil zu schreiben. Ich kann nicht für andere sprechen und auch nicht entscheiden, ob jemand bereit ist, seine Wahrheit mit mir zu teilen oder eben nicht.
Mir bleibt bis heute in Erinnerung, wie erleichtert ich mich gefühlt habe, als ich geschrieben habe, was ich mich so lange nicht zu sagen getraut habe. Und vielleicht dient diese Geschichte als Erinnerung daran, dass man nicht bestimmen kann, wie etwas ausgeht. Zu was für einem Ende man kommt, sondern nur in jedem Moment entscheiden kann, was man selbst gerade braucht und vor allem was man dafür tun kann.
Und die Last, die all die Jahre schwer auf meinen Schultern wog, ist nicht weg, aber so viel ertragbarer. Seit dem Absenden der Nachricht brauche ich mich nicht weiter zu fragen, was gewesen wäre, wenn ich mich ausgesprochen hätte und ob wir einen Weg gefunden hätten, uns wieder näher zu sein. Ob mein Leben jetzt anders ausgesehen hätte, wenn ich auf die Personen, die mir am meisten bedeuteten und die mir immer noch fehlen, zugegangen wäre.

Mich zumindest verabschieden zu können, wenn unsere Leben ohne einander weitergehen – in unterschiedliche Richtungen.

Keine Antwort war und ist Antwort genug.

Auch wenn ich nicht die Chance bekommen habe, die andere Seite der Geschichte zu erfahren, habe ich entgegen meiner Ängste gehandelt und mich getraut, zu meiner Wahrheit zu stehen.
Wenn ich euch heute sehe, freue ich mich. Denn für mich seid und bleibt ihr ein Kapitel, dass eine besondere Bedeutung für mich hat.
Auch wenn ich es geschafft habe, nach vorne zu gehen.

Ich habe es versucht. Und manchmal ist das mehr als genug.

Jacqueline ist 22 Jahre alt und lebt an der Ostsee. Sie liebt es, sich in Büchern zu verlieren, sich Gedanken über die kleinen und großen Dinge des Lebens zu machen und diese in Form von Wörtern oder Zeichnungen zu verarbeiten.
In Ihrer Kolumne „Mut(Ich)“ soll es um den Umgang mit Herausforderungen des alltäglichen Lebens gehen.
Zu lernen, über sich selbst hinauszuwachsen.

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