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Der Kopf war aus und es war nur das Herz #Facettenreich

Heiraten, arbeiten, Kinder bekommen. Die durchschnittliche Frau in Deutschland bekommt mit 30 Jahren ihr erstes Kind und heiratet mit 32. Was nach einem festen Lebensplan für viele klingt, kann auch unerwartet früh passieren. Mit 19 zum Beispiel.

Mit Maria werfe ich einen Blick in ihre Vergangenheit, wir sprechen über ihre Jugend und wie es war, in den 1990er Jahren Mutter zu sein.

  • Hallo Maria. Magst du dich kurz vorstellen?

Klar, ich bin Maria und bin Mutter von drei – inzwischen erwachsenen – Töchtern. Ich lebe in Berlin und bin Erzieherin und Fotografin.

  • Im Jahr 1989 warst du 18 und bist in der Schweiz zur Schule gegangen. Dann hast du eine folgenreiche Entscheidung getroffen, richtig?

Ja genau, im Herbst 1989 standen wir mit der Schulklasse am Bahnhof, um auf Abschlussfahrt nach Italien zu fahren. Wir warteten auf den Zug, als aus den Lautsprechern auf dem anderen Gleis ein Zug nach Berlin angekündigt wurde. Ich spürte diesen Impuls: Ich wollte nach Berlin, denn da komme ich ursprünglich her.

Mein Koffer war schon in dem Zug nach Italien, ich habe dann meiner Freundin gesagt: „Ich komm nicht mit!“, sie konnte es gar nicht fassen. Ich bin dann mit dem Geld, das ich hatte rüber auf das andere Gleis und habe mich in den Zug nach Berlin gesetzt. Ich dachte zuerst, ich bleibe nur ein paar Wochen. Schlussendlich bin ich dann in Berlin geblieben. Hier lebe ich seitdem.

  • Du bist also in Berlin geblieben. Hattest du einen festen Plan, was du dort machen oder wo du wohnen wolltest?

Nein, ich hatte nicht wirklich einen Plan. Zuerst habe ich in der Wohnung einer Freundin gewohnt. Ich habe dann ein paar Freunde, die ich noch aus Berlin kannte, besucht und an einem Abend einen alten Bekannten wiedergetroffen. Er war quasi meine Kindheitsliebe, ich hatte mich damals schon in ihn verguckt. Wir haben uns den ganzen Abend unterhalten und haben gemerkt, dass wir eine starke Verbindung zueinander haben. Wir wurden dann ein Paar und haben uns zusammen eine 1-Zimmerwohung gemietet. Nach ein paar Monaten wurde ich dann ungeplant schwanger.

  • Erinnerst du dich an die Gedanken, die dir durch den Kopf gegangen sind, als du von der Schwangerschaft erfahren hast?

Das war ja völlig ungeplant. Als ich es von der Ärztin erfahren habe, hatte ich ein Gefühl, dass ich danach nie wieder in irgendeiner Form reproduzieren konnte. Das war fast schöner als die Geburt an sich… Ich dachte wirklich, mein Herz springt mir aus der Brust. Ich fühlte mich, als würde ich keine Luft mehr bekommen, als würde ich in grelles Licht gucken. Aber im positiven Sinne! Dieses Gefühl, dass da Leben in mir ist, war unfassbar.

  • War für dich von Anfang an klar, dass du das Kind behalten möchtest?

Ja, ich habe nicht eine Sekunde überlegt, ob ich das Baby behalte oder nicht. Das stand für mich außer Frage. Vielleicht war das auch eine etwas planlose Haltung. Ich habe gar nicht daran gedacht, wie mein Leben auszusehen hat oder wofür ich sorgen muss. Der Kopf war aus und es war nur das Herz. Ich bestand nur noch aus einem Gefühl, aus keinem Gedanken.

  • Hattest du noch vor, die Schule zu beenden oder war das ganz fern?

Nein, das war auf einmal so weit weg. Irgendwann rief meine Mutter aus der Schweiz an und meinte: „Komm doch wieder zurück und mach die Schule fertig.“ Ich hatte dann auch ein Gespräch mit meinem Schuldirektor, in dem er meinte, dass er an seiner Schule keine schwangeren Schülerinnen haben möchte. Für mich war das Thema dann abgeschrieben. Ich wollte lieber in Berlin bleiben.

  • Wie verlief deine Schwangerschaft?

Tatsächlich ohne Komplikationen. Mir war weder schlecht noch war ich müde, ich hatte keine Pickel oder Heißhungerattacken und so weiter. Es war im Grunde genommen wie ein 9-monatiges Dauerhoch. Was völlig ungewöhnlich ist. Ich hatte auch mehrere Jobs und habe einen Umzug mit Renovierung durchgeführt. Und dann habe ich auch meinen Freund geheiratet.

  • War es dir wichtig, vor der Geburt des Kindes zu heiraten oder hat sich das so ergeben?

Das hat sich so ergeben, wir haben kurz vor meinem 19. Geburtstag geheiratet. Von mir aus hätten wir gar nicht heiraten brauchen, aber mein Freund wollte das. Man muss auch bedenken, dass die Gesetze damals anders waren. Das heißt, dass der Vater – falls man unverheiratet blieb – nicht automatisch die gleichen Rechte auf das Kind hatte wie die Mutter.

Es war mir wichtig, dass wir beide das Sorgerecht und andere Pflichten für unser Kind hatten. Ich war aber auch so verliebt in meinen Freund, dass ich ihn jeden Tag aufs Neue hätte heiraten können.

  • Wie hat denn dein Umfeld auf die Schwangerschaft reagiert? Hast du das direkt erzählt?

Kurz nachdem ich von dem Baby wusste, habe ich mit meinen Eltern gesprochen. Meine Mutter meinte, ich solle das Kind lieber nicht bekommen, aber heiraten war für sie okay, mein Vater meinte genau das Gegenteil. Ich habe es dann quasi beiden recht gemacht.

Ich wusste aber auch, dass meine Eltern jede meiner Entscheidungen mittragen. Sie haben mir nie Steine in den Weg gelegt, ich hatte immer deren Rückhalt, was das angeht.

  • Du warst dann 19 als du deine Tochter bekommen hast. Wie war das für dich? Glaubst du, dein Mann hatte es in gewissen Dingen einfacher als du?

Durch meine Tochter hatte ich so etwas wie eine schlagartige Sinngebung. Zu wissen, dass alles was ich tue, von Nutzen ist, hat mich mit Glück erfüllt.

Wenn ich zurückdenke, würde ich sagen, dass es bei Männern mehr respektiert wurde, wenn sie jung Väter wurden. Dabei war es unwichtig, ob sich der Mann wirklich um das Kind kümmert. Wenn er zu dem Kind steht und nicht abhaut, galt das schon als tolle Leistung; oder wenn mein Mann auf Partys erzählt hat, dass er Vater ist, wurde ihm anerkennend gratuliert, während ich eher kritisch beäugt wurde. Das kam immer wieder. Ich als junge Mutter spürte auch oft die Anforderung, mehr leisten zu müssen als andere, älter Mütter. Es lastete also ein doppelter Druck auf mir.

  • Hast du das Gefühl, dass junge Mütter es in den 1990er Jahren generell schwieriger hatten als heute?

Was ich als schwierig empfunden habe, war nicht das Leben mit dem Kind, sondern die Reaktionen der Gesellschaft. Ich wurde meistens für die Babysitterin meiner Tochter gehalten. Sobald ich gesagt habe, dass ich die Mutter des Kindes bin, wurde ich gleich belehrt. Ich hätte doch verhüten sollen oder ich würde dem Staat auf der Tasche liegen waren einige der Vorwürfe, die ich zu hören bekommen habe. Ich wurde ständig mit Tipps von fremden Leuten zugeschüttet, es wurde sich permanent eingemischt. Ich hatte oft keine Lust mit dem Bus zu fahren, weil ich dort den Kommentaren der Menschen ausgesetzt war.

Für die Gesellschaft war es einfach nichts Normales. Es wurde unverblümt gefragt und ich musste mich ständig rechtfertigen. Ich denke, das geht manchen jungen Müttern heute immer noch so.

  • Mittlerweile hast du drei Töchter. Glaubst du, dass dein Leben sehr anders aussähe, wenn du keine Kinder gehabt hättest?

Also ein Leben ohne Kinder kann ich mir nicht vorstellen. Hätte ich keine eigenen Kinder bekommen, dann hätte ich sicher Pflegekinder oder Adoptivkinder bei mir aufgenommen. Ich habe auch schon früh gebabysittet und war dann später auch Erzieherin und habe einen Kindergarten geleitet. Ich glaube, das liegt mir einfach.

  • Wie stehst du zu Darstellungen in den Medien von jungen Müttern?

Bei einigen TV-Shows werden Teenie-Mütter oft mit einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu verbunden. Ich finde es problematisch, dass jugendliche Mütter in eine sozial benachteiligte Ecke gestellt werden. Solche Darstellungen erfüllen Klischees, beispielsweise dass die Mütter ihre Kinder aus dem Grund bekommen haben, um zuhause zu bleiben oder weniger arbeiten zu müssen. Ich finde es schade, dass viele damit gleich einen bestimmten sozialen Background vermuten.

  • Was würdest du jungen Menschen raten, die vorhaben, Eltern zu werden oder bereits Kinder haben?

Ich denke, wenn du eine gewisse emotionale Reife erlangt hast, wirklich bei dir bist, dann kannst du gut Verantwortung für ein Kind übernehmen. Man hört zwar immer wieder, dass man mit einem Kind auf vieles verzichten muss, aber ich kann sagen, dass ich unermesslich bereichert wurde. Ich habe alles intensiver erlebt.

Wenn du aber noch nicht ganz bei dir bist, dann lass dir noch ein bisschen Zeit, bevor du dich so stark auf einen anderen Menschen konzentrierst. Denn ein Kind läuft nicht so nebenbei. Wenn du bereit bist, einen Großteil deiner Bedürfnisse nach hinten zu stellen, dann kannst du darüber nachdenken. Das gilt aber für jedes Alter, nicht nur für jugendliche Mütter. Für mich ist klar: Menschen beim Aufwachsen und Wachsen zuzugucken, ist das schönste was man haben kann.

Quelle: Statistisches Bundesamt

Emi ist 19, Tagträumerin, Studentin und lebt in einem grünen Stadtteil Berlins. In ihrer Kolumne #Facettenreich geht es um Menschen und Themen, die unsere Gesellschaft prägen und bereichern. Sie geht der Frage nach, was uns ausmacht, ‚anders‘ macht und was Diversität bedeuten kann.

Emis Blog & Instagram.

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