Du & Ich
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Zwischen Selbstliebe und Angst

Ich bin ein unbesiegbares Ein-Frau-Team.
Nein danke, ich brauche deine Hilfe nicht. Ich schaffe das schon. Allein.


Seit ich denken kann, treibe ich mich selbst an, immer weiter. Groß träumen, bloß raus aus der Komfortzone, Ziele verfolgen und erreichen. Ich will mehr, nehme mir mehr, und die Belohnung ist nicht etwa die Anerkennung anderer, sondern mein eigener Stolz. Ich bin süchtig danach.
Meine Erinnerungen geben mir Sicherheit; sie sind die Säulen meines Selbstwertgefühls. Meine Liebe mir selbst gegenüber war noch nie bedingungslos. Sie war immer abhängig davon, welche Kämpfe ich gekämpft und Herausforderungen ich gemeistert habe. Sie war immer gleichermaßen abhängig von den Geschichten, die ich zu erzählen habe, und den Träumen, die ich noch verwirklichen will.


Ich bin ein unbesiegbares Ein-Frau-Team.

Und dann bist da plötzlich du.
Erst bin ich wie immer stolz. Stolz, jemanden wie dich in meinem Leben zu haben, aber noch viel stolzer, dass jemand wie dich mich zurück mag.
Doch plötzlich merke ich, wie du einen größeren Teil in meinem Herzen einnimmst, als der Stolz es jemals in meiner Brust getan hat.
Ich merke, dass du auf einmal so viel dichter dran bist, als ursprünglich geplant.


Ich merke, dass du auf einmal mitten drin bist, ein Teil des Teams.
Und dann, viel zu spät, merke ich, wie sehr das Team auf dich angewiesen ist.

Die unerschütterliche Fassade des Ein-Frau-Teams beginnt zu bröckeln, und ganz langsam dringen Zweifel durch die Risse. Dann beginnt die Angst. Angst, dass du plötzlich merkst, dass ich nicht viel mehr bin als die Summe der Menschen um mich herum, nicht viel mehr als ein paar erklommene Berge und durchquerte Ozeane, nicht viel mehr als eine Mischung verschiedener Meinungen, aus denen ich mir meine eigene zusammengebastelt habe.

Dass du auf einmal entscheidest, dass ich es doch nicht wert bin, von dir geliebt zu werden. Dass du gehst, und dass ich absolut nichts dagegen tun kann. Dass ich diese eine Mal nicht das bekomme, was ich will. Dass ich wieder allein bin, und dass es dann, anders als vorher, nicht mehr okay ist und mein Stolz die Leere, die du hinterlassen hast, nicht mehr füllen kann.

Ich versuche also zu lernen, dass mein Wert als Mensch mehr ist, als meine Leistung.
Ich versuche zu lernen, dass das, was ich suche, nicht da draußen ist, sondern in mir.
Ich versuche zu lernen, dich nicht mehr davon zu überzeugen, dass ich es wert bin, geliebt zu werden.


Vor allem aber versuche ich zu lernen, mich nicht mehr davon zu überzeugen, dass ich es wert bin, geliebt zu werden.

Joanna ist 23 Jahre alt, lebt in Berlin und ist, anders als dieser Text vermuten lässt, ein sehr fröhlicher Mensch. Sie versucht mit ihren Worten, das auszudrücken und einzuordnen, was vielleicht einige andere junge Menschen fühlen, aber noch nicht ganz benennen können.

Die Fotos sind von Luka.

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