Selbst & Inszenierung
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Von der Wichtigkeit einer Hülle #Werbistduwirklich?

Seit ich denken kann, bin ich von Mode umgeben. Ein Großteil meiner Familie und meines Bekanntenkreises ist in der Branche tätig. Ich bin in der Boutique meiner Großmutter aufgewachsen und habe immer beobachten können, welchen Effekt die neue Kleidung auf die Frauen hatte, die meine Großmutter anzog.  Es war verrückt zu sehen, wie elektrisiert, glücklich und zufrieden die Kunden den Laden nach zwei, drei Stunden wieder verließen . 

Das ganze hat mich so fasziniert, dass ich nie wirklich hinterfragt habe, was genau eigentlich hinter diesem Prozess steht. Ich fand es toll, dass Kleidung eine so große, positive Wirkung auf unser Selbstwertgefühl hat. 

Mode wurde so, früher oder später, auch zu meiner größten Leidenschaft. Ich konnte jeden Tag jemand anders sein. Meine Kleidung gab mir Sicherheit, Motivation und Freiheit. Ich konnte mich kommunizieren, der Welt zeigen “das bin ich“. Ich verfolgte jahrelang jede Fashionweek, manchmal sogar per Livestream in der Schule. Ich konnte anhand der Schnitte erkennen, welches Kleidungsstück zu welchem Designer gehört. Mit fünfzehn fing ich meinen ersten Nebenjob im Einzelhandel an und verkaufte Jeanshosen. Ich bewarb mich bei der renommiertesten Hochschule für Mode in Amsterdam, um dort Modemanagement zu studieren. Es war immer klar, dass mein Weg in die Mode führt, ich brannte mit ganzem Herzen für Denim, Sneaker, Mäntel und Hemden. Es war mehr eine große, tiefe Liebe, als bloße Leidenschaft. 

Irgendwann dann, kam das Umdenken. Es war ein schleichender Prozess, bei dem ich nicht wirklich weiß wann er angefangen hat. Vielleicht, als ich in der Oberstufe ein Referat über die Ursachen des Klimawandels halten musste und ich zum ersten Mal damit konfrontiert war, wie die Kleidung, die ich trage überhaupt entsteht. Jedenfalls setzte ich mich immer mehr mit der Thematik auseinander und fühlte mich zunehmend unwohl damit, Leuten jedes Wochenende die achtzigste Jeanshose oder überteuerte Shirt zu verkaufen. Ich fragte mich, ob ich wirklich Teil einer Industrie sein will, die Mensch und Umwelt ausbeutet, die unrealistische Schönheitsideale propagiert und dessen Marketing- und Umsatzwille jenseits allem Erdenklichen liegt. Die tiefe Verbindung, die ich zu Mode hatte, strudelte in einen ganz großen inneren Konflikt. 

War ja klar, dass genau zu diesem Zeitpunkt auch die Zusage für Amsterdam kam. 

Es hat sich plötzlich alles so falsch angefühlt und ich wollte nicht mein Leben damit verbringen, Kampagnen zu entwickeln, die dazu dienen, Leuten zu vermitteln, sie bräuchten genau dieses Produkt, welches eigentlich schon drei mal in ihrem Kleiderschrank liegt. Kurz gesagt, ich habe die Zusage abgelehnt und meinen Nebenjob als Verkäuferin auf Eis gelegt. 

Ich war so wütend auf mich und meine Naivität der vergangenen Jahre. Ich wollte nichts mehr mit Mode zu tun haben. Mal entfolgte ich allen Modekanälen auf Instagram, mal folgte ich wieder allen und sah mir jede Show im Livestream an. Das hin und her ging eine ganze Weile so. Ich arbeitete auch wieder als Verkäuferin, diesmal sogar im Premium-Bereich. Verkaufte noch mehr, noch teurere Ware. 

Neulich, als mich ein Bekannter nach Tipps und Ideen für seinen Kleiderschrank fragte, hat es dann irgendwie endgültig klick gemacht. Ich erinnerte mich an meine Beobachtungen als Kind, in dem Laden meiner Großmutter. An diesen Verwandlungsprozess, der mich immer so faszinierte. Den ich auch bei mir beobachten konnte, wenn ich einen großen Mantel anzog. Kommt es wirklich von einem Ort der Selbstrealisation und des Selbstausdrucks, wenn ich mich kleide, oder kommt es eigentlich von wo ganz anders her, nämlich von Unsicherheit? Ich habe für mich persönlich Verstanden, dass es oft emotionale Unsicherheit ist, die durch Kleidung kaschiert wird. Und dass auch die Frauen, die in den Laden meiner Großmutter kamen, größtenteils irgendein inneres Loch damit stopften, indem sie ein neues Outfit trugen. 

Eines der größten Argumente der Modebranche ist es, dass wir uns durch Kleidung ausdrücken können. Aber warum muss dies von einem so oberflächlichen Ort kommen? Man kann sich doch auch durch etwas ausdrücken, das von innen kommt, das überhaupt nichts mit seinem Aussehen zu tun hat. Eigentlich hat es wirklich überhaupt gar nichts damit zu tun, was du an hast, um zu sein wer du sein möchtest. Absolut nichts.  Man kann der Welt zeigen, wer man ist, indem man sich durch Verhalten und Sprache ausdrückt und nicht indem man ein bestimmtes Outfit trägt, das einen zu einer bestimmten Person macht. Es ist wirklich so unwichtig. 

Ich glaube, das war es jetzt vielleicht endgültig mit der Mode und mir. Trotzdem ist es irgendwie in meiner DNA, und ich habe immer einen Platz in mir der unglaublich fasziniert ist von all dem. Aber ich kann keine Kleidung mehr verkaufen und anderen Tipps geben, wie sie zu irgendeinem Charakter werden können. Es gleicht einer kompletten Zeitverschwendung. 

Lasst uns vielleicht mal mehr WIRKLICH kommunizieren wer wir sind, indem wir über die Dinge reden, die uns bewegen. Indem wir unsere Träume und Sorgen und Unsicherheiten mitteilen. Über unsere Werte nachdenken, zu unseren Ansichten stehen. Handeln, wie wir handeln wollen. Unser Aussehen ist doch eh nur eine Hülle dessen. 

Mara ist 22 Jahre alt und lebt zur Zeit in Småland, Schweden um eine kleine Lehre als Hutmacherin zu absolvieren. Außerdem fotografiert sie gerne Menschen und hält nichts von Kategorien und Grenzen. Ihr “erwachsenes“ Leben lief bis jetzt eher so Mittel.

In ihrer Kolumne Wer bist du wirklich? soll es um die Schwierigkeiten der Transition vom Jugend- ins Erwachsenenalter gehen. Um die Überforderung und dem Entdecken der Schönheit in all dem.

Ihr könnt Mara auch auf Instagram finden.


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