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Großes Mädchen #Facettenreich

Ich gehe die Straße entlang. Die Leute starren mich an. Etwas Ungläubiges liegt in ihrem Blick. Von Kopf bis Fuß mustern sie mich. Manche werden langsamer, bleiben einen kurzen Moment stehen oder drehen sich sogar um und blicken mir mit einem Gesichtsausdruck der Verwirrung hinterher. Wohin ich auch gehe, ich kann mir der Aufmerksamkeit der Leute bewusst sein.

Und das nicht, weil ich einen extravaganten Kleidungsstil oder eine außergewöhnliche Frisur habe. Ich habe mich weder aufwendig geschminkt noch sonst irgendwie zurechtgemacht, als dass die Blicke der Leute gerechtfertigt wären.

Also warum gucken die Leute so? Wahrscheinlich, weil ich groß bin.

Größer als die meisten anderen Mädchen oder jungen Frauen in meinem Alter. Und so sehr es mich auch auf die Palme bringt, dass die Leute mich so anstarren, so überrascht bin ich manchmal selbst darüber, wie groß ich bin. Überrascht, dass ich meine Beine unter dem Tisch kaum übereinanderschlagen kann. Überrascht, dass ich im Theater oder im Kino den Leuten hinter mir die Sicht nehme. Von zu knappen Hosen mal ganz zu schweigen…

Ja, manchmal kann es ganz schön nerven, alle anderen zu überragen – die durchschnittliche deutsche Frau ist nämlich 1,65 Zentimeter groß – da steche ich mit meinen gut 20 Zentimetern mehr deutlich hervor.

Na toll… Nein, im Ernst: das ist toll!

Es ist toll, groß zu sein. Und es ist toll, klein zu sein. Oder mittelgroß. Oder mittelklein. Jeder Körper ist schön. Ich selbst habe etliche Jahre gebraucht, um das zu erkennen. Denn lange Zeit war mir mein Körper schlichtweg peinlich.

Meistens habe ich mich dafür geschämt, herauszustechen. Obwohl ich ja gar nichts dafür kann. Dass ich einen Kopf größer als meine Freundinnen war und sogar manchen Lehrer_innen auf den Kopf gucken konnte, machte mich unsicher. Ich wollte nicht groß sein. Bloß nicht auffallen. Bloß keine ungewollte Aufmerksamkeit oder blöden Sprüche.

Das ständige Vergleichen mit anderen Menschen war ein Fehler. Doch wenn ich alleine war, konnte ich mich ausstrecken, war unbeschwert

Wenn du dich mal alleine vor den Spiegel stellst, dir deinem Körper ganz bewusst wirst, ihn ohne Ansprüche einfach wahrnimmst (ich weiß, das ist schwer) dann merkst du, wie schön er eigentlich ist. Du merkst, wie viel er für dich geleistet hat, was ihr zusammen schon alles durchgemacht habt (Ich sage nur: viel zu enge Flugzeugsitze und zu kurze Stockbetten!).

Sieh dich an und sage dir: „Ich bin schön!“, denn so komisch das auch zunächst klingen mag, so gesund ist es für deine Seele. Klar, auch ich habe eine Weile gebraucht, meine Größe so hinzunehmen. Das ist ein Prozess. Und gerade in der Pubertät ist es wahnsinnig schwer, immun gegen die Meinungen, Sprüche und Blicke anderer zu sein.

Wie oft habe ich mich und meine Weiblichkeit infrage gestellt, wenn ich Sprüche zu hören bekommen habe wie „Bei deiner Größe hast du ja bestimmt auch Schwierigkeiten, einen Freund zu finden!“ oder „Wenn du so groß bist, dann spielst du doch bestimmt auch Basketball?“ oder aber “Wenn du Absätze trägst, dann bist du ja ein Riese!”.

Und obwohl ich in einer Familie von großen Frauen aufgewachsen bin, brauchte ich lange, um zu verstehen, was meine Schwestern, meine Tante, meine Mutter mir all die Jahre vermitteln wollten: Dieser Körper ist der einzige, den ich habe und wenn ich es leicht haben will, muss ich anfangen, ihn zu lieben.

Ich hörte also auf, mit gebeugten Schultern zu laufen und begann, die Vorteile des Lebens als großes Mädchen zu sehen, wie zum Beispiel:

  • Ich habe auf Konzerten die beste Sicht
  • Ich habe immer einen Grund, im Auto vorne zu sitzen
  • Ich komme an alle Regale im Supermarkt ran
  • Ich habe wunderschöne, lange Beine (und brauche nicht mal Absatzschuhe!)

Und natürlich noch viele mehr…

Heute weiß ich: Es gibt Models über 1,90 Meter, die mit ihrem Selbstbewusstsein den gesamten Laufsteg einnehmen. Das macht mir Mut. Große Frauen können Stärke, Kraft und Respekt ausstrahlen. Sie dürfen aber ebenso unsicher, emotional oder schüchtern sein. Das ist okay.

Das Wichtigste ist, den eigenen Körper als alleinstehendes Wunderwerk zu betrachten, ihn nicht mit denen anderer zu vergleichen, sondern ihn zu feiern und zu lieben. Er ist dein ständiger Begleiter.

Und wenn dir doch mal jemand wegen deiner Größe blöd kommt, dann konterst du einfach ganz selbstsicher: „Sorry, ich kann dich hier oben nicht hören…“ Und schreitest dann auf deinen wunderschönen Beinen von dannen.

Emi ist 19, Tagträumerin, Studentin und lebt in einem grünen Stadtteil Berlins. In ihrer Kolumne Facettenreich geht es jeden Monat um Menschen, die unsere Gesellschaft prägen und bereichern. Sie geht der Frage nach, was uns ausmacht, ‚anders‘ macht und was Diversität bedeuten kann.

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