Selbst & Inszenierung
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Wer bist du wirklich?

Ja, wer bin ich wirklich? Eine Frage, die ich mir schon oft im Leben gestellt habe. Manchmal dachte ich, ich habe eine Antwort darauf. Ich weiß nicht mal, ob es nur eine Antwort darauf gibt, oder ob es mehrere sein können. Eine tiefgründigere, spirituelle Antwort und eine individuelle, auf die eigene Persönlichkeit bezogene, vielleicht. Aber an was wird das überhaupt festgemacht, wer man wirklich ist? Und an welchem Punkt in seinem Leben wäre es gut, diese Frage beantwortet zu haben? Muss man sie überhaupt beantwortet haben?

In meinem Fall ist es zumindest so, dass dieses dicke, fette, rote Fragezeichnen eine unglaubliche Unsicherheit auslöst. 

Ich glaube, dass die Ebenen, die zur Beantwortung dieser Frage führen können, in der Pubertät gelegt werden. Eine Zeit, die von viel experimentieren und hinfallen und wieder aufstehen geprägt ist. In der man zumindest ein paar Eigenschaften ausschließen kann, so in der Art: Das jedenfalls bin ich definitiv nicht!  Man sammelt eigene Lebenserfahrung, wird unabhängiger. Man entwickelt Werte und Ansichten, konstruiert sich eine Persönlichkeit, befreit sich von alten Annahmen und Strukturen. Das ist mit viel Schmerz und Chaos verbunden, aber ein guter, wichtiger und befreiender Prozess, der notwendig ist, um das “erwachsene“ Leben meistern zu können. Ich weiß, das ist eine große These, aber denkt mal eine Weile darüber nach!

Wenn man nun also in das Erwachsenenalter kommt, aber den gerade genannten Part, diese „Findungsphase“ aus verschiedensten Gründen nicht durchlebt hat und es einem an Lebenserfahrung und eigenen Konstrukten mangelt, dann ist das ein Problem. Die Fragezeichen fliegen einem um die Ohren, in einem Tempo, dass einem schwindelig werden kann.

Mit zweiundzwanzig geht es mir gerade genau so. Der Raum, in dem ich sitze, dreht sich regelrecht und ich habe keine Ahnung von gar nichts in meinem Leben. Ich sehe aus wie zweiundzwanzig, es wird von mir erwartet, mich meinem Alter entsprechend zu verhalten. Erwachsen halt. Spätestens, allerspätestens mit einundzwanzig enden nämlich die ganzen Teenager-Chaos-Ausreden. Man muss Verantwortung übernehmen und wenn man den ganzen Pubertätskram hinter sich gebracht hat, dann ist man dafür auch eigentlich ganz gut gerüstet (die ein oder andere Krise nicht ausgeschlossen, klar). Ich jedenfalls, ohne den Pubertätskram, bin jetzt dann endgültig in der maßlosen Überforderung angekommen. Und wenn ich unter Gleichaltrigen bin, dann wundert es mich manchmal, dass ich andere nicht mit offener Kinnlade anstarre, aus Bewunderung für ihr selbständiges Leben. 

Die kleinsten alltäglichen Dinge, wie Zahnpasta kaufen in der örtlichen Drogerie, bringen mich zu Schweißausbrüchen. Und wenn die Kassiererin zu lange braucht, um das Geld aus der Kasse zu bekommen oder das EC-Gerät nicht richtig funktioniert, kriege ich eine Panikattacke, weil ich nicht schnell genug aus dem Laden draußen sein kann und ich diese Unsicherheit nicht fünf Sekunden länger aushalte. Für die meisten Menschen in meinem Umfeld ist das nicht sichtbar. Ich komme mit meinem Hut und großem Mantel, hinter dem ich mich verstecke, zu einem Kaffee-Date und sehe und spreche wie eine Zweiundzwanzigjährige. Innerlich aber fährt das Fragezeichen-Karussell gerade seine fünfzigste Runde, ich fühle mich wie sechs kurz vor der Einschulung und wenn mein Gegenüber von der letzten Partynacht erzählt, dann überkommt mich mein Mangel an Lebenserfahrung wieder und ich zahle zwei Minuten später meinen Pfefferminztee und verlasse das Café sturmartig, die nächste Panikattacke sitzt mir nämlich schon im Nacken. 

Leute, ich sage euch wie es ist, ich hab echt keine Ahnung von Tuten und Blasen und überhaupt. Die Erfahrungen die ihr (wahrscheinlich größtenteils) gemacht habt, die man halt so macht wenn man jung ist, die habe ich nie gemacht und es ist furchtbar anstrengend, so zu tun als wäre es so gewesen. 

Unabhängig von meiner beschriebenen subjektiven Erfahrung, ist es glaube ich allgemein nachvollziehbar, wie schwer es ist mit Unsicherheit und Verletzlichkeit offen umzugehen und diese zuzugeben. Dies zu kommunizieren, ist oft aber der einzige Ausweg, aus was auch immer einen belasten mag. So here we are, ich hab’s gesagt, wie es ist! Falls ihr also mit meiner ganzen Thematik nichts anfangen könnt, dann wünsche ich mir dennoch, dass ihr diese Sache mitnehmen könnt: Zeigt euch und eure Emotionen. Steht zu euren Unsicherheiten. Es ist befreiend, verletzlich zu sein und zu sich zu stehen, egal in welchem Kontext. Es gibt nichts zu verlieren außer, dass das eigene Ego kleiner wird. Was ja wiederum auch positiv ist. Ich könnte darüber noch Stunden philosophieren. Vielleicht dann in meinem nächsten Text. Ich muss jetzt nämlich eine Mindmap erstellen, zum Thema „Welche Werte sind mir wichtig?“

Ihr wisst Bescheid.

Mara ist 22 Jahre alt und lebt zur Zeit in Småland, Schweden um eine kleine Lehre als Hutmacherin zu absolvieren. Außerdem fotografiert sie gerne Menschen und hält nichts von Kategorien und Grenzen. Ihr “erwachsenes“ Leben lief bis jetzt eher so Mittel.

In ihrer Kolumne Wer bist du wirklich? soll es um die Schwierigkeiten der Transition vom Jugend- ins Erwachsenenalter gehen. Um die Überforderung und dem Entdecken der Schönheit in all dem.

Ihr könnt Mara auch bei Instagram finden.

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