Selbst & Inszenierung
Kommentare 1

Weniger Szenarien stricken, mehr Leben #unwind

Was kann ich eigentlich kontrollieren? Nichts. Außer mich, und selbst das ist manchmal nicht so leicht getan wie gesagt. Manchmal überrasche ich mich selbst, und handle in einer Situation nicht so wie ich es gedacht und mir vorgestellte habe. Und da sind wir auch schon bei dem großen Thema: Der Vorstellung. Die Vorstellung, wie diese Stunde, mein Tag, dieses Treffen, dieses Jahr verlaufen soll. Ich stricke in meiner Vorstellung wunderschöne und verschachtelte Szenarien, wie die Dinge verlaufen sollen. Dabei kontrolliere ich das, was ich sage, tue und denke aber auch wie sich die anderen Beteiligten verhalten und artikulieren werden. Es fühlt sich dann irgendwann so real an, dass es die einzig existierende Möglichkeit ist, wie das Szenario verlaufen kann. 

Also stehe ich auf, ziehe mich an, frühstücke und koche mir Wasser für meinen Matcha. Als ich das heiße Wasser in meine Kintsugi-Schale schütte, geht die Hälfte daneben – das war nicht in meiner Vorstellung und weicht von meinem wunderschönen Plan ab. Innerlich spüre ich bereits, wie dies Unruhe in mir erzeugt, eine Wut sich in meinem Körper verteilt – auf mich selbst, und dass es sich nicht so abspielt wie vorgestellt. „Alles gut, nur ein kleines Hindernis, kein Problem. Einfach positiv Denken“, sage ich mir innerlich. Durch das kleine faux-pas, habe ich natürlich Verspätung, denn ich musste erst das Wasser aufwischen. Also verlasse ich meine Wohnung leicht gestresst und zu spät, laufe im schnellen Tempo zur U-Bahn, dass ich pünktlich zu meinem Treffen gelange. Das tue ich auch (wenigstens ein was klappt)! Angekommen beginnen wir unser Gespräch, doch weder mein Gesprächspartner noch das über was wir uns unterhalten ist so, wie ich es mir erhofft, vorgestellt und zusammengestrickt habe. Ich spüre wieder das Gefühl der Sauerkeit, mit leichten Tönen von Enttäuschung – ein kleiner großer Stein formt sich in der Nähe meines Magens und ich möchte ihn nicht wahr haben. 

So habe ich lange gelebt, und tue es auch jetzt teilweise noch. Doch mittlerweile bin ich bei der Phase des Lernens angekommen, wo ich mir meiner Fehler bewusst bin. Ich kann nichts und soll nichts kontrollieren. Das Leben passiert. Und wenn ich stetig damit beschäftigt bin, mir vorzustellen was die andere Person sagen oder denken wird projiziere ich A) ein gewisses Bild auf diese Person und werde sie nie unter “neutralem“ Licht sehen, sondern immer gefärbt von meiner Idee und Vorstellung wie sie zu sein hat. Und wenn sie dies nicht tut, werde ich sauer und enttäuscht sein. Ich werde sie nie für das sehen was sie IST, sondern immer nur was ich denke, dass sie sein soll. Und B) wenn ich immer damit beschäftigt bin mir vorzustellen wie etwas passieren wird, lebe ich ich NIE im Jetzt, sondern immer in der Zukunft. Somit verpasse ich wertvolle Momente, in denen ich mich selbst und meine Mitmenschen spüren und mit Ihnen kommunizieren kann. Im Jetzt leben ist einfach, stressfrei und leicht, doch der Weg dahin ist oftmals schwer, denn das Leben, was wir leben: voller Aufgaben, Erwartungen und Pflicht, verleitet uns in der Vergangenheit und der Zukunft zu leben- nie im Hier und Jetzt. 

Es hat sehr, sehr lange gebraucht bis ich zu der Erkenntnis gekommen bin, dass das in der Zukunft leben eine der größten Ursachen für meinen innerlichen Stress ist. Ich denke, ich bin nicht allein – denn wir alle haben viel zu tun, müssen ja irgendwie unsere Zeit strukturieren und planen, um all das, was wir erledigen müssen, innerhalb eines Tages auch zu schaffen. Doch so langsam lerne ich, dass ich nicht mehr planen muss als nötig. Dass ich von den Vorstellungen und Ideen loslassen kann und darf, dass ich diese gar nicht erst zusammenstricke. Dass, wenn ich dies nicht tue, mein Tag mit viel mehr Leichtigkeit, Freude und Offenheit fortschreitet und ich mich besser fühle. Ich habe gemerkt wie es nicht nur mir selbst unglaublich gut tut, sondern auch den Beziehungen, die ich zu anderen Menschen habe. Ich sehe sie endlich für die Person, die sie wirklich sind; werde sekündlich überrascht und sehe oder erfahre Neues über sie – denn ich bin nicht mehr von meinen Vorstellungen benebelt.

Wenn ich im Jetzt lebe, präsent bin, mit meinen beiden Füßen geerdet im Hier stehe, fühle ich, wie leicht ich und alles sein kann. Der Stein in meinem Magen, ein Ball aus Erwartungen und Vorstellungen, hat sich gelöst. Und endlich sehen meine Augen die, soweit wie möglich, unbenebelte Wahrheit. 

Es kostet eine tägliche Erinnerung, den Kopf ein bisschen mehr abzuschalten, und mich ein bisschen mehr von meinem Herzen leiten zu lassen, doch diese ist es mir Wert, um mich mehr und mehr von selbst-kreiertem Stress zu lösen. 

_

Text und Bild von Sophie Strupix

Sophie liebt die Sonne und den Mond, die nacht sowie den Tag. Sie schöpft ihre Freude und Liebe aus ihrer Umwelt und den kleinen großen Dingen. Sophie ist eine angehende Schauspielerin, lebt in New York City und verfasst Gedichte, um sich ihre Welt zu erklären.

In ihrer Kolumne Unwind soll es um die kleinen Dinge und Rituale gehen, die wir in unseren Alltag einbauen können, um diesen stressfreier, gelassener und mit mehr Zufriedenheit zu leben.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.