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Du warst nur dort, wenn du ein Foto hast

Ich stehe vor dem Casa Batlló in Barcelona. Die Sonne scheint, lässt mein Haar golden glänzen und alles warm erscheinen, dabei ist es Mitte Oktober.

Click, click. „Perfect.“

Das Haus ist wunderschön denke ich, so rund, bunt und detailreich. Ja, das ist wirklich ein Kunstwerk. Eine Stimme reißt mich aus meinem Staunen. „Oh yes, that‘s a good position!“ Click, click. „Perfect.“ Die zwei Mädchen aus England sind fertig. Sie haben die perfekten Fotos für ihren Instagram-Feed. Die Haare wehen ein wenig auf dem Foto und natürlich sieht man fast nur das Mädchen mit ihren langen Beinen und den braunen Longbob, aber das Bild wird gepostet mit den Hashtags #Barcelona #Gaudí #Travel. Auf einmal bestürzt mich das Gefühl, ich bräuchte auch so ein Bild. Damit man sehen kann wo ich gerade bin, was ich alles erlebe und wie glücklich ich doch bin. Also drücke ich meinem Freund mein Handy in die Hand stelle mich vor das Haus, ziehe den Bauch ein, lächle, Arme etwas nach hinten und schwupp, fertig. Ich schaue die Bilder an und dann passiert es. Scham kommt auf, mir wird warm und ich komme mir so dumm vor wie in der Schule, wenn ich keine Antwort wusste.

Alle mit der selben Intention

Ich schäme mich für die Bilder, fahre in eine unbekannte Stadt, um sie mir anzuschauen, ihre Architektur zu bestaunen und ende damit, sinnlose Bilder zu machen, in denen ich das Hauptmotiv bin und die Kunst nur am Rand zu sehen ist, nur weil mir die zwei Mädchen das Gefühl geben, ich bräuchte auch so ein Bild. Naja, die zwei Mädchen ist gut. Wenn man das Haus länger betrachtet und als Beobachter am Rande steht, sieht man es: Menschengruppen strömen zum Haus. Schauen nach links, nach rechts. Haben eine Kamera um den Hals baumeln, einen Rucksack auf den Rücken und ein Handy in der Hand. Sie sehen aus wie aufgescheuchte Hühner und dann geht es ganz schnell. Drei Minuten werden Bilder mit der Kamera gemacht, dann noch mit dem Handy und schon geht es weiter zur nächsten Besichtigung. Oftmals noch mit einem Guide der mit einem roten Regenschirm ununterbrochen in der Luft rumfuchtelt, als würde er Fliegen verscheuchen wollen, nur um sicher zu gehen, dass auch keiner die Gruppe verliert.

Es bleibt ein Foto und ein bedrückendes Gefühl

Ich stehe da und merke wie das Gefühl von Scham langsam verschwindet, doch das bedrückende Gefühl, Fotos machen zu müssen bleibt. Es zerrt an mir und lässt die Sonne verschwinden und Wolken in meinem Gesicht auftauchen. Mir wird klar, dass ich ein Großteil der Fotos nur machte, weil die Welt einem das Gefühl gibt, man bräuchte Fotos von den Orten an dem man war und man müsse sie immer bei Instagram teilen. Denn du warst nur wirklich dort, wenn du ein Foto hast.

Text und Beitragsbild von Lena. Sie ist 19 Jahre alt, seit diesem Jahr fertig mit der Schule und im Moment auf Europareise in ihrem VW-Bus mit ihrem Freund an ihrer Seite. Sie schreibt davon, dass uns selbst auf Reisen die gesellschaftlichen Zwänge unserer Generation verfolgen.

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