Du & Ich
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Vem kan segla – der Abschied

Ich stand in der Küche, eine Pfanne mit Pfannkuchen auf dem Herd, als es klingelte. Schnell schob ich die Pfanne zur Seite und drehte die Flamme auf null, um zur Tür zu eilen, vor welcher du wartetest. 

Wie immer, wenn ich dich sehe, freue ich mich. Deine dunklen Haare, deine schwarze Jacke, deine breiten Schultern. Dein strahlendes Lachen. Du riechst gut, nach Eule, nach Nächten unter Sternenhimmeln und grau weiß gemusterter Bettwäsche. Nach Freiheit, nach Sicherheit. Du nimmst mich in den Arm, und ich bin nervös, fühle mich, als würde etwas fehlen.

Den Abschied von dir habe ich mir nicht einfach vorgestellt, und doch bin ich überrascht, dass ich schlucken muss, um sprechen zu können. In meinem Kopf wiederholt sich immer wieder unser aufgenommenes Lied. „Wer kann segeln ohne Wind, rudern ohne Ruder? Wer kann scheiden von einem Freund, ohne dass Tränen fließen?“

Ich will die Zeit hinauszögern, einen Tee trinken, nur einen, doch du bist eh schon zu spät und wolltest nur auf einen Sprung vorbeikommen, mich verabschieden. Ich gehe in mein Zimmer und hole mein kleines Geburtstagsgeschenk für dich. Du folgst mir und wir stehen in der Tür, ich frage mich, wie du es wohl finden wirst, wenn du es öffnest. Es sind kleine Kerzen darin, Kerzen in allen Farben des Regenbogens, bunt und fröhlich. Ich habe sie in Amerika gesehen, in einem Laden, der vor Produkten mit Eulen überschäumen zu schien. Sie lagen auf einem Regal, hinter größeren Kerzen, hinter Tüchern und Teelichthaltern. Als ich sie gesehen habe, musste ich sie dir mitbringen. Regenbogenfarbene Kerzen – eine Lichterwelt anderer Art. Ich musste an die Kerze denken, die über deinem Bett befestigt ist und warmes Licht in dein kleines Zimmer strahlt, wenn du Besuch hast. Ich musste an die Nächte denken, in denen wir spazieren waren und die als Lichternächte in meine Erinnerung eingingen, ich musste an dich denken, und wie viel Licht du in mein Leben brachtest. 

Wir stehen in meiner Zimmertür und ich gebe dir das kleine Päckchen, während ich zu erklären versuche, dass ich dir eigentlich nicht noch etwas schenken wollte – es aber schon seit Wochen hatte, es dir unbedingt schenken wollte. Nach dem letzten Abend mit dir habe ich das Gefühl, dass du denkst, mir etwas zurückgeben zu müssen, nach meinen Texten, meinen niedergeschriebenen Erinnerungen, meinem innen ohne Kleider sein. Doch das musst du nicht. Ich habe versucht, es dir zu erklären. Dass ich meist für mich schreibe und nur über andere, dass ich das tue, um mir selbst etwas zu geben und dass es für mich nicht nur Schreiben ist, sondern ein großer Teil in meinem Leben. Ich wollte nicht, dass du denkst, du müsstest mir etwas zurückgeben. Du hast mir so viel geschenkt, ohne absichtlich zu schenken. 

Und in dem Moment ziehst du leicht verlegen eine CD aus deiner Jackentasche. Hörzu und Zerreißprobe – deine Band, deine Musik und eine kleine Widmung für mich auf der Innenseite der Hülle. Ich freue mich und so stehen wir da, vor meinem Zimmer, wir sind nicht ganz da, und nicht ganz weg und ich frage mich, wann es wieder so sein wird. Dass du und ich uns wiedersehen, wie es sein wird, ob wir uns dann immer noch viel zu sagen haben und ich immer noch gerne in deiner Nähe bin, einfach, weil ich mich wohl fühle. Ob du nächstes Jahr auch Croissants und Brötchen zum Frühstück vorbeibringst und wir danach wieder Musik machen werden?

Du machst es einem einfach, man selbst zu sein. Wenn ich bei dir bin, genüge ich mir meistens. Und so denke ich, während ich die CD-Hülle unruhig auf- und zuklappe, auf und zu, und wir darüber reden, dass Abschiede nicht so mein Ding sind. Wessen Ding sind Abschiede, frage ich mich? Kann es Menschen geben, die sich gern von anderen verabschieden?

Wenn man die reine Verabschiedung betrachtet und die Freude auf das Kommende außen vor lässt, nein, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die gerne „Bis in ein paar Monaten“ sagen, die gerne eine letzte Umarmung oder einen letzten Kuss verteilen, bevor sie sich ins Ungewisse, Fremde und schöne neue Leben stürzen.

Als ich dich zur Tür bringe, durch die du vor ein paar Minuten gekommen bist, merke ich, wie schwer es mir fällt. Für dich fühlt es sich nicht wie ein Abschied an, hast du gesagt. Weil du Menschen oft für längere Zeit nicht siehst. Für mich fühlt es sich umso mehr nach Abschied an. Ich weiß, dass ich anders sein werde, alles anders sein wird. Das macht mir Angst. Und ich weiß, dass dein Leben weiterläuft, wie bisher. Arbeit, Mädchen, Musik, Marie. Doch bei mir ändert sich alles. Mein zu Hause, meine Umgebung, meine Ängste und Freuden. Ich weiß nicht, ob du mich wieder so in den Bann ziehen wirst, wenn ich wiederkomme, doch ich weiß, dass es mir schwer fällt dir auf Wiedersehen zu sagen.

Unsere Umarmung will ich nicht lösen, ich will nicht, dass du mich loslässt. Und ich weiß auch, dass du meine Zweifel spürst, und ich danke dir dafür, dass du trotzdem gegangen bist. Du hast mich nicht lang genug gehalten, aber lang genug, dass ich mich selbst noch halten konnte, du bist nicht lang genug geblieben, doch lang genug, um mich, von meinen Zweifeln getrieben, zu überzeugen, dass ich das Richtige tue. 

Als ich die Tür hinter dir schließe bleibt in Gedanken noch das Bild von dir, wie du die Treppe herunterläufst. „Ich kann segeln ohne Wind, rudern ohne Ruder, doch kann nicht scheiden von einem Freund, ohne dass Tränen fließen.“ Ich weine ein bisschen, und weiß, du hast ein Loch gerissen. Doch mehr noch. Du hast viel mehr gegeben als genommen, und selbst wenn ich denke, dass ich dich brauche, weiß ich doch, dass ich es nicht tue. Du hast mir gezeigt, wie Freisein geht. Wie töricht von mir, mich an die Freiheit zu hängen. 

Nein, jetzt lebe ich sie. 

Der Text ist von Leonie.

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