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Eine Ode an das Uncoolsein

Der beste Satz, den ich diese Woche gehört habe, war: „Mittlerweile finde ich es auch cool, wenn Leute einfach nicht cool sein wollen, nicht auf alle Partys gehen oder saufen oder Drogen nehmen.“

Seit Jahren habe ich damit zu kämpfen, nicht so richtig dazu zu gehören. Ich gehe nicht gern abends weg, ich trinke nicht, ich nehme weiß Gott keine Drogen. Ich bin da einfach nie reingewachsen, hatte nie das Gefühl, mich groß ausprobieren zu müssen und wenn ich’s mal versucht habe, dann waren das immer blöde Erfahrungen, die ich mir hätte sparen sollen.
Das alles wäre für mich an sich kein Ding gewesen, denn auch die meisten meiner Freund*innen stehen auf all das nicht. Ich habe mich nie allein und „außenseiterisch“ gefühlt, auch gestärkt durch die ganzen Stay-at-home-tumblr-Memes.

Der Spiegel


Doch dann kamen meine Beziehungen. Ich habe leider den Hang dazu, mich in Menschen zu verlieben, die in vielen Dingen, aber vor allem in diesem, das komplette Gegenteil von mir sind. Und so bekomme ich immer den Spiegel vorgehalten. Sehe alles, was ich nicht bin, fühle mich falsch, unvollständig, nicht jugendlich, nicht studentisch genug.
Ich hatte mich früh damit abgefunden, nicht cool zu sein, weil ich die Definition eines uncoolen, warmen Menschen bin: Gemütlich, heimelig, liebevoll, immer da wenn du mich brauchst, irgendwie so. Für manche passt das aber nicht ins Bild. Für manche ist das nicht das Richtige. Für manche ist das nicht genug. Dann tut’s mir Leid. Umso schöner war es also, eben diesen Satz am Telefon zu hören. Zu merken, dass sich solche Vorstellungen ändern können.

Woher kommen eigentlich die Vorstellungen davon, was cool ist?


Es ist letztendlich ähnlich wie bei Mode-Trends, schätze ich. Heute sind Jogginghosen out, morgen können sie der letzte Schrei sein. Man hat sich anzupassen, wenn man einem gewissen Bild entsprechen möchte. Und so hat sich über Jahrzehnte auch das Bild der Jugend und dessen, was sie tut, gewandelt. Vielleicht wären Abende mit einer Schaar von Leuten eher etwas für mich, wenn sie nicht erst um 21 Uhr beginnen würden, sondern wie früher, gegen Sieben. Man hätte Zeit, zusammen zu kochen und danach vielleicht ganz altmodisch Brettspiele zu spielen, statt einfach nur rumzusitzen. Vielleicht würde ich solche Abende wirklich lustig finden, wenn sie das auch ohne Alkohol wären. Ich weiß nicht, vielleicht bin ich auch zu naiv und zu prüde. Ich weiß nur, dass ich meine tiefgründigsten Konversationen hatte, als wir alle klar, nüchtern und ehrlich waren. Für manche ist das aber eben genau umgekehrt.

Und vielleicht sind wir dann einfach keine Menschen füreinander. Vielleicht gibt es solche und solche und es muss sich nicht immer überschneiden. Vielleicht sollten wir alle einfach machen lassen und akzeptieren, dass es manchmal einfach nicht klappt und passt und dass sich jede*r für seine oder ihre liebste Art und Weise, den Abend zu verbringen, entscheidet.

Spaßbremse!?

Ich habe es satt, von Leuten ausgegrenzt zu werden, die Alkohol trinken und dich schief anschauen, wenn du es nicht so zelebrierst, wie sie. Wenn du als Spaßbremse hingestellt wirst, nur weil du nichts von dem Zeug, was auf dem Tisch steht, anrührst. Alle reden immer davon, wie sozial Alkohol doch macht. Ich habe bis jetzt nur das Gegenteil mitbekommen. Die, die Alkohol trinken, sind untereinander “best buddys“. Die, die’s nicht tun, sind raus. Und ich betone nochmal: Das hat nichts mit den Leuten an sich zu tun, alles tolle Menschen, über die ich gern so viel mehr erfahren würde, sondern damit, was dann aus ihnen an diesen Abenden wird … oder eben nicht wird. Na dann, Prost!

Wieso spielt das alles eigentlich so eine große Rolle?


Ich habe immer das Gefühl, Leute, die sich durch solche Sachen betäuben müssen, sind nicht zufrieden mit ihrem Leben. Und da rede ich nicht von einmal die Woche. Für manche Menschen gehören Alkohol und Drogen täglich dazu. Da frag ich mich: Was fehlt dir? Wozu brauchst du’s? Reicht der Moment dir nicht, so wie er ist? Wäre das nicht das größte Kompliment an deine Freundesgruppe überhaupt? Ich werd’s nie erfahren und nie wissen. Selbst auszuprobieren hat mir nichts gebracht, ich fand’s genau so öde, wie erwartet. Manchmal habe ich das Gefühl, die Gesellschaft lebt eine große Alkohol-Lüge und ich frage mich, wem sie was beweisen will.

Und manchmal frage ich mich, warum ich mich überhaupt so sehr aufrege und mich mit diesen Leuten beschäftige, die ich auch einfach ihr Leben leben lassen könnte.
Vielleicht weil ich schon zu viele Leute deswegen verloren habe. Weil ich nicht cool genug war.
Und weil sie jetzt wieder anrufen und mir sagen, dass das nicht wichtig ist, wenn man sich wirklich mag.

Der kontroverse Text ist von Nora, die gern mit Wasser anstößt. Das Photo hat Luka gemacht.

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