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Wieder/ Noch – Zeit/ Geschehen

Im September 2018 schrieb ich den Text über die Vorfälle in Chemnitz mit der Überschrift „Ein Versuch, Worte zu finden“. Gerade mal ein Jahr später stehe ich wieder vor diesem Versuch und es fällt mir schwerer denn je.


Mittwoch, 9. Oktober, es ist später Mittag, kurz vor 13:45. Mein Koffer steht gepackt und ich will mich gerade auf den Weg zum Bahnhof machen, um wieder zurück nach Halle zu fahren, wo ich gerade dabei bin, mein Studium anzufangen. Mein Handy vibriert. Eine Nachricht aus einer Gruppe, in die ich erst wenige Tage vorher eingetreten war und in der Leute Mitglied sind, die ebenfalls dieses Semester in Halle anfangen, Kunstgeschichte zu studieren. Jemand schickt einen Screenshot; das erste was ich sehe ist ein roter Leitkegel und darunter das Wort „WARNUNG“. Ich lese weiter: „12:50, Schießerei im Stadtgebiet Halle, Wohnungen und Gebäude nicht verlassen, von Fenstern und Türen fernhalten“. Ich lese die Benachrichtigung mehrere Male durch und denke nur „Was für ein blödes Timing“. Bei dem Wort „Schießerei“ denke ich erst daran, dass es vielleicht einen Raubüberfall oder ähnliches gab und anschließend einen Schusswechsel mit der Polizei, oder oder oder – viele Szenarien schwirren mir durch den Kopf. Worum es eigentlich geht, weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner. 


Ich rufe meine Mutter an und frage, was ich tun soll und es ob sinnvoll wäre, jetzt zu fahren, da ja der Hauptbahnhof in Halle früher oder später auch gesperrt werden könnte, und wir entscheiden, dass es besser wäre nicht zu fahren und abzuwarten, was passiert. Einer Freundin, die mit mir studiert und zu diesem Zeitpunkt in Halle war, schreibe ich, ob sie was gehört hat und wo sie sich gerade befindet. Sie sagt mir, dass sie mit vielen anderen in der Mensa festgehalten wird und keiner herausgelassen wird, weil alle nur von einer Schießerei im „Stadtgebiet“ wissen, aber keiner weiß, auf welchen genauen Bereich sich das Wort „Stadtgebiet“ gerade eigentlich bezieht. Ich stelle meinen Koffer weg und schalte den Fernseher ein. Kurz vor 14:00 Uhr; eigentlich müssten doch zur vollen Stunde jetzt irgendwo Nachrichten übertragen werden. Das Erstbeste was ich einschalte ist ntv. Um 14:00 startet eine Nachrichtenübertragung. Die Informationen werden präziser. Ich höre den Namen eines Viertels, Dönerladen, Wurfsätze, ein Toter. Ein junger Mann wird von einer Reporterin befragt. Er erzählt, dass er sich im gemeinten Dönerladen befand und die Tür vom Lokal zur Straße hin offen stand. Er hätte nur noch gesehen, wie ein großer Mann, gekleidet wie ein Soldat mit etwas, das aussieht wie ein Stahlhelm und schwerer Bewaffnung, auf den Laden zuläuft und bereits ein erstes Wurfgeschoss auf das Fenster abfeuert. Danach seien nur noch alle weggerannt; er selber habe sich im Klo eingesperrt. In diesem Tumult ist dann wohl das erste Opfer, ein anderer Mann, erschossen wurden. Mir wird schlecht. Bei den Worten Stahlhelm, Soldat und Dönerladen kriege ich ein komisches Gefühl und eine gewisse Vorahnung, die ich mir aber selbst noch nicht eingestehen will. Nachdem sich der Beitrag und das Interview mit dem jungen Mann immer wieder wiederholen (da es anscheinend keine neuen Informationen gibt), schalte ich den Fernseher aus. Erstmal Espresso. In der genannten WhatsApp-Gruppe gehen jetzt ständig neue Nachrichten ein und meine Freundin schreibt irgendwas mit der Synagoge im Paulusviertel und „Heute ist Jom Kippur“. Am liebsten würde ich jetzt brechen. Im Laufe des Tages verfolge ich jetzt immer wieder die neuesten Informationen; später fällt mir auf: um gewiss zu werden, ob sich mein Verdacht bestätigt oder nicht. Aber vor allem denke ich mir immer wieder, dass das jetzt ein ganz dummer Zeitpunkt ist. Auch für mich. Ich ziehe da in eine neue Stadt (von der man verhältnismäßig nicht viel in dieser Art in den Nachrichten hört) und male mir alles so wunderbar aus und denke mir aber im gleichen Moment: auch du hättest ja da irgendwo sein können, auch in diesem Dönerladen, eben in dieser Stadt. Meine Oma sagt, ich solle über sowas nicht nachdenken, das hätte in jeder Stadt passieren können. Aber ich sage ihr, dass der junge Mann, der von ntv befragt wurde, sicherlich am Morgen dieses Mittwochs auch nicht darüber nachgedacht hat. Meine Gedanken überschlagen sich und dann höre ich von einer zweiten Toten. Lange Zeit schaue ich dann nicht mehr nach Informationen, sondern will erstmal gar nichts hören. Ich bin verzweifelt über diese ganze Lage, weiß aber noch nicht, was genau mich so dermaßen betroffen macht. Weil es jetzt gerade in dieser Stadt passiert ist und weil das alles ein ganz schlimmer Zufall ist, oder weil ich vermute, dass eine Gruppe Rechtsextremer die Verantwortlichen dafür sind. Am Abend dann schaue ich wieder, was es Neues gibt. Ich sehe eine Bild von einem kahlen jungen Mann, der gequält und mit schweißbedeckter Stirn wie mit einer Handyinnenkamera fotografiert wurde, sein Hals blutet. Mittlerweile geht man von einer „antisemitischen Tat“ aus. Der junge Mann vom Foto scheint vermutlich der Einzige zu sein, der nach neuestem Stand an dem Anschlag beteiligt war. Mittlerweile ist er festgenommen worden und ich erfahre auch, dass das, was er eigentlich wollte, nicht geklappt hat. In einer Synagoge, gezielt an diesem Feiertag eine ganze Gemeinde jüdischer Gläubiger ermorden und dass das Foto, das ich zuvor gesehen habe, von einer Helmkamera stammt, mit der er seine ganze Tat live gefilmt hatte. Ich muss erstmal schlucken, weil ich das alles so unglaublich widerlich finde. Eine Freundin meiner Mutter fragt, ob ich in Halle sei oder nicht, sie hätte das in den Nachrichten gehört. Ich schreibe ihr, dass ich nicht gefahren bin und dass mich diese Rechten einfach nur noch ankotzen. Sie schreibt „Die wollen halt einfach Aufmerksamkeit“; ich schreibe ihr „Nein, die wollen gezielt Menschen töten und sind eine Bedrohung“. Abends schreibe ich einer Freundin in Leipzig, dass ich „froh“ bin, dass es sich im Endeffekt nur um einen einzelnen Täter handelt. Am nächsten Morgen sitze ich dann im Zug Richtung Halle und mir fällt auf: Bullshit! „Einzeltäter“ ist ein Wort, das man in diesen Zusammenhängen und in diesem Ausmaß einfach nicht mehr verwenden kann. Einzeln, allein ist vielleicht der, der die Tat begeht, aber das ist irreführend. Niemand radikalisiert sich von allein auf solch eine Art und Weise. Da müssen (virale) Netzwerke dahinter stecken, Gruppen aus dem eigenen sozialen Umfeld, die es ermöglichen, solch ein radikales, menschenfeindliches Gedankengut in einer gleichgesinnten Umgebung zu fördern und zu festigen. Nur irgendwie scheint das niemand wahrzunehmen, diese rechte Vernetzung im Untergrund ernsthaft als Gefahr zu begreifen, bis sich einer aus diesem sozialen Gefüge so weit radikalisiert, dass aus Worten Taten werden.  


Über eine englische Nachrichtenwebsite (Name vergessen) lese ich im Zug die neuesten Informationen. Der 27-jährige, den ich am Abend davor auf dem Foto gesehen habe, ist nicht nur rechtsextrem, sondern anscheinend auch so etwas, was ich vielleicht als „Creep“ bezeichnen würde. So ein Sonderling, der bei heruntergelassenen Jalousien den ganzen Tag vorm Computer mit fragwürdigen Inhalten beschäftigt ist und keine wirklichen sozialen Kontakte pflegt. Das ist jedenfalls das Bild, das durch die englische Nachrichtenseite gezeichnet wird. Der Täter war außerdem nicht nur antisemtischer Verschwörungstheoretiker, sondern auch höchst misogyn. Er gehört zu einer Sorte Menschen, die sich im Internet als „Incels“ bezeichnen. Junge Männer, die eine problematische Einstellung gegenüber Frauen und somit auch kein großes Glück bei diesen haben, weil sie sie als Sexobjekt undifferenziert wahrnehmen. Aber anstatt ihre frauenfeindliche Einstellung zu überdenken, entwickeln sie einen gefährlichen Hass und eine offene Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen, weil diese sie ja „nicht wollen“. Insgesamt also eine höchstproblematische Person, aber eher vor allem eine Mischung aus gefährlichen Gegenbenheiten und Anschauungen in unserer Gesellschaft, die allesamt das Potenzial haben, sich in die Tat umzusetzen – egal ob das in diesem Fall den antisemitischen Gewaltakt oder die Gewalt gegen Frauen betrifft.


Am Donnerstagabend fahren meine Freundin und ich am Marktplatz vorbei und wollen eigentlich in eine andere Tram wechseln, als uns die Gedenkstelle für die Opfer am Platz auffällt. Wir laufen hin. Viele Menschen stehen darum, die Atmosphäre ist beklemmend. Kerzen brennen, Menschen weinen. Ich weiß nicht ob ich eigentlich traurig oder wütend bin, über all das was da passiert. Mir fällt es schwer für so eine Tat Worte zu finden. Und Angst und Verzweiflung gehören bei mir zu den Gefühlen, die ich ganz schlecht in Worten umsetzen kann. Vor allem macht es mir zu schaffen, weil ich absolut keinen Zugang finde, zu dieser Person, zu dieser Tat. Warum darf das noch passieren? Ich fühle mich betroffen; betroffen von einem Hass einer bestimmten Sorte Menschen, ein Hass der mir aber selbst gegenüber noch nicht gegenwärtig war. Aber gegenwärtig sein könnte. Ich bin nicht jüdisch, ich bin aber schwul, andere sind wieder People of Colour und andere sind wieder eine Randgruppe, gegen die sich momentan ein gefährliches Klima und ein gefährliches Potenzial von Rechts entwickelt.


Also schon wieder ein rechter Gewaltakt, schon wieder wie letztes Jahr in Chemnitz? Nein: immer noch. Es hat sich nichts getan. Radikalisierte rechte Gewalt wiederholt sich nicht. Sie hat das ganze Jahr, die ganze Zeit, immer, im Untergrund gearbeitet, aber wirklich Angst bekommen wir nur, wenn sie sich personifiziert und Menschen sterben. 


In der nächsten Woche fahre ich wieder am Marktplatz vorbei, es ist abends, man sieht vom Fenster das Kerzenlicht. Mir gegenüber sitzt ein älteres Paar. Der Mann sagt „Ach nein, schau. Da drüben.“ Mein Blick bleibt auch wieder hilflos an der Gedenkstätte hängen. Die Frau schaut aus dem Fenster und sagt:

„Tja, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann ist es zu spät.“

Zeit/Geschehen von Dominik erscheint als monatliche Kolumne und behandelt aktuelle Themen und Zeitgeschehnisse.

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