Gastgedanken, Selbst & Inszenierung
Schreibe einen Kommentar

Eine Ode an die Heimat

Das mit meiner Heimat, das war mir nie so klar. Also schon: In meinem Dorf bin ich groß geworden, hab auf den Straßen gespielt, Banden gegründet, auf den Feldern gezeltet und dabei den Sternenhimmel bewundert. Hab im Sommer in dem kleinen Bach gebadet, bin in meiner Jugend etwas angetrunken durch die Straßen getorkelt, habe mit meiner Oma Pudding gekocht und mit meinem Opa Mühle gespielt. Doch das alles war für mich schon immer selbstverständlich.

Jeden Tag Freunde treffen, Geschwister sehen, mich mit meiner Familie umgeben. Das schien zwar alles perfekt, doch nach dem Abi wollte ich einfach nur raus – in die Ferne, weite Welt, neue Leute kennen lernen, meinen Horizont erweitern – das Übliche eben. Was mich schließlich davon abhielt war die Angst, dass sich in meinem Dorf, in dem ich halt schon 18 Jahre gelebt hatte, irgendwas verändern könnte und es dann nicht mehr so war wie vorher. So vertraut, geliebt, gewohnt. Und doch so unterschätzt. 

Als ich dann aber ein Jahr später gezwungenermaßen wegziehen musste – zwar nur in die nächste Universitätsstadt, eine Stunde „weit“ weg – da wurde mir klar, was meine Heimat mir überhaupt bedeutete. Mein Studentenleben in der Stadt war zwar frei, selbstständig und ungezwungen, aber eben vollkommen ungewohnt und schon gar nicht vertraut. Wenn ich in meine Wohnung kam war niemand da, der auf mich wartete, ich kannte weder die Straßen noch meine Nachbarn, aber hey – dafür fuhr der Bus nicht mehr nur einmal die Stunde, sondern alle fünf Minuten.

Das mag jetzt einsam und traurig klingen, aber ich bin schließlich immer noch hier. Der Abstand tut mir nämlich gut und lässt mir Raum, zum Nachdenken und Wertschätzen. Und wenn mir hier doch mal alles zu schnell, zu viel, zu laut wird, dann weiß ich: 

Daheim ist alles gut, vertraut, gewohnt.
Da bin ich immer willkommen und geliebt.

Dort, wo meine besten Freunde nur um die Ecke wohnen, wo meine Brüder mir immer noch mein Eis wegessen können, wo Mama einfach am besten kocht und Papa immer einen Rat für mich hat.Dort, wo ich meinen ersten Baum gepflanzt, meinen ersten Kuss gehabt und viel Freude erlebt habe. Dort, wo Sommerregen den besten Geruch hat und wo die Sonnenuntergänge am schönsten sind. Dort, wo es die beste Dorfkneipe der Welt gibt, in der Schnaps noch für einen Euro verkauft wird und der Pur-Partyhitmix auf Dauerschleife läuft. Dort, wo ich sein kann, wie ich will und wie ich schon immer war. Dort, wo ich jede Ecke in- und auswendig kenne, wo Gemeinschaft herrscht und Achtung. 

Und vor Allem: Stille, Friede, Heimat. Die Heimat, die ich nun für immer am nächsten am meinem Herzen trage.

_

Gastgedanken von Sophia.
Bilder von Imina.

Eine Ode an den Sommer
Eine Ode an Klokabinen
Eine Ode ans Kindsein

Du möchtest selbst eine Ode an etwas oder jemanden aussprechen? Dann schick sie an uns!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.