Du & Ich, Gastgedanken
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Vergeben können

Denn ich bin wer ich war.

Lange Zeit war ich auf der Suche nach Irgendetwas, was mir aus meiner Misere heraushilft. Als ich erkannte, dass mich alles und jeder um mich herum im Stich gelassen hatte oder erst das der eigentliche Grund für meine verzweifelte Lage war, wurde mir klar, dass nur ich mir selbst helfen können würde.

Mit dieser Erkenntnis veränderte sich der Fokus meiner Lösungssuche. Da ich alleinig für mein zukünftiges Wohlergehen verantwortlich bin, muss auch ich allein mit meiner Vergangenheit abrechnen. Denn dort war mein Kummer zuhause.

All die vielen Jahre, in denen mir solch Unrecht angetan wurde. In denen ich noch als völlig unbeholfener, unerfahrener Mensch in zahlreiche unzumutbare Situationen und Beziehungen gebracht wurde. Alles in meinem Leben, alles was mich als Person betraf, bezog sich auf diese unschönen Ereignisse. Sie machten mich zu dem, als das ich mich sah. Zunächst ein Opfer, ein Überlebender, dann zu einem Rebell mit dem dringenden Vorhaben Rache zu üben.

Das änderte sich. Es fiel mir auf, dass ich allem, nicht nur dem Schlechten, zusprach, sich aus dem herausgestellt zu haben, was mir angetan wurde. Meine eigenen mehr oder weniger bewussten Taten. Meine eigenen Gedanken.

Und das war auch die Wahrheit. Jedoch nicht das Wahre. Nicht das Richtige. Und vor allem nicht das, was mich auf meinem Versuch aus dem Teufelskreis raus helfen würde. Denn dort schien, das eigentliche Problem zu liegen. Wenn ich weiß, dass nur ich Kontrolle über mein Leben, meine Realität der Dinge, habe, dann bin auch ich daran Schuld, dass ich mich noch immer hier befand.

So entstand dann auch mein größter Wunsch: Vergeben zu können.

Vergebung erscheint mir die höchste Kunst der Menschheit zu sein, obwohl oft so beiläufig von ihr erzählt wird. Denn ich glaube, dass viele Menschen nicht vergeben können. Seitdem mir meine eigene Lage auf diese Art bewusst wurde, begannen sich viele andere Probleme der Welt auch auf diese simpel erscheinende kranke Dynamik zurückführen zu lassen. Stolz, Nachtragen, Festhalten und Identifizieren. Das Vergangene bestimmt unsere eigentliche aktuelle Welt fremd.

Und obwohl mir das nun klar geworden ist, kann ich trotzdem nicht loslassen. Ich schaff es einfach nicht. Manchmal für einen sehr kurzen Moment, doch schon die winzigste Sache löst meine verinnerlichten Muster aus. Es ist, als ob meine Vergangenheit sich ihr Zuhause in mir gemacht hat. In dem momentanen Ich, das nichts mehr mit dem Geschehenen zu tun haben sollte. Aber sie gibt nicht auf. Oder ich schaffe es nicht sie aufzugeben.

Der Text ist von Enila. Sie schreibt und illustriert mit Wasserfarben und Tinte.

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