Gastgedanken, Hier & Jetzt
Schreibe einen Kommentar

An euren Scheinen klebt unser Blut!

Wir dealen es wie Koks. Heimlich, still und leise. Hinter vorgehaltener Hand getuschelt: „Haste mal nen Tampon?“. Nun fühlen wir uns dabei unwohl, ja gar peinlich berührt. Hier und da entdeckt man rot werdende Wangen und in der Geschwindigkeit eines Strahlflugzeuges, verschwindet das komprimierte, gebleichte Stückchen Watte in unseren Hosentaschen. Monatsblutung, Periode, Tage, Erdbeerwoche, Haiangriff, Zyklusblutung. Ganz egal wie man es nennt, es bleibt Monat für Monat die gleiche Qual für jede gebärfähige Frau. Für manche mehr, für manche weniger, das kommt immer ganz individuell auf den Körper der Frau an. Es betrifft uns, wie manche das Problem hohler Zähne und abgebrochener Fingernägel. Nein, eigentlich beeinflusst es unser Leben maßgeblich. Nun könnten Sie sich unwohl fühlen, wenn ich über dieses Thema spreche. Aber es ist eine normale, gewöhnliche und vollkommen natürliche Sache, über die diskutiert werden muss. Leider realisieren und akzeptieren die Wenigsten die Normalität der Menstruation. Kritische Aspekte häufen sich: Unzureichende Bildung in Schulen, fehlende Unterstützung der Eltern, Scham und Verheimlichung. Doch sollte jedem, der denkt über das Thema Menstruation diskutieren oder urteilen zu können, klar sein, worüber genau er überhaupt spricht.

7 Schnapsgläser voll Blut

Ungefähr alle 28 Tage baut der Körper die Gebärmutterschleimhaut ab und die Reste dieser werden über die Menstruationsblutung abgestoßen. Voraussetzung hierbei ist natürlich, dass die Frau nicht schwanger ist, sonst würde ein befruchtetes Ei in der Gebärmutterschleimhaut festsitzen und die Blutung bliebe aus. Bei der Monatsblutung verliert die Frau im Schnitt 7 Schnapsgläser voll Blut. Dieser Zyklus beginnt, sofern die Frau nicht schwanger wird, immer wieder von vorn. Zusätzliche Symptome, die während der Zyklusblutung auftreten können, sind Krämpfe, Schmerzen im unteren Rücken, Stimmungsschwankungen und noch vieles mehr, aber wie gesagt: Das ist abhängig von der Frau und ihrem individuell funktionierenden Körper. Die gebärfähige Frau trägt die Menstruation circa 40 Jahre ihres Lebens, wie ein Anhängsel mit sich und verbringt insgesamt circa sechs Jahre ihres Lebens durchgehend menstruierend. 

So viel zum Grundlegenden. Nun stellen Sie sich das ungefähr mal so vor (unabhängig von Ihrem Geschlecht natürlich): Sie sitzen an einem stressigen Tag im Büro, ihr Telefon klingelt konstant und die Liste mit ihren noch zu erledigenden Aufgaben wird im Minutentakt um einen weiteren Punkt erweitert. Und dann: Ping! Ihr Handy leuchtet auf: Sie erkennen das Symbol der App, die die Benachrichtigung sendet und beginnen gar nicht erst sie zu lesen, können Sie gar nicht, weil Sie ihre Augen schon so weit in den Hinterkopf gerollt haben, dass es schmerzt. „Deine Periode beginnt heute. Trage den Beginn in deinen Kalender ein.“ (Ja, wir haben Apps, die uns daran erinnern, wann das rotgefärbte Meer in brechenden Wellen an die Brandung schwappt.)
Nun kramen Sie, den Telefonhörer ans Ohr geklemmt und die Feuchtigkeit in glitschiger Vorahnung schon zwischen den Beinen spürend, panisch in Ihrer Tasche nach einem Tampon. Richtig erkannt: Hier befinden Sie sich wieder in der Anfangssituation. Sie finden natürlich keinen, wie sollte es anders sein. Nun haben Sie zwei Möglichkeiten: entweder Sie fragen Ihre nette Kollegin, die aber immer ein wenig zu laut auf Fragen antwortet und dann das gesamte Büro von Ihrem Dilemma, dass Sie keinen Tampon mehr parat haben, erfährt, oder Sie laufen mit zusammengedrückten Schenkeln, den Pullover bis in die Kniekehlen ziehend, in kleinen Schrittchen auf die Toilette und füllen Ihr Höschen notdürftig mit Toilettenpapier. Klingt das für Sie nach einem Arbeitstag, den Sie als angenehm empfinden? Vielleicht nicken Sie jetzt wissend mit dem Kopf, weil Sie das kennen oder haben überhaupt keine Ahnung, wovon ich hier überhaupt spreche, aber das tut erstmal nichts zur Sache. 

6.000,00 € im Leben

Eines ist sicher: Es muss ein Ende haben. Dieser kleine Exkurs enthält so viele grundlegende Probleme, die nicht weiter verschwiegen werden sollen. Dabei ist ein Aspekt noch so viel drastischer als der, dass die Frau versuchen muss, ihre Menstruation zu verheimlichen und konstant in einer Blase voll Schamgefühl schwebt. Sie muss für die Monatsblutung Geld bezahlen. Durchschnittlich zahlt eine Frau ca. 6.000,00 € im Leben für ihre Menstruationsprodukte, unabhängig davon, wie viel sie verdient, wie viele Kinder sie zu versorgen hat oder welche sonstigen Bedürfnisse sie hat. Was daraus entsteht ist dramatisch. Würde man die Tampons, die eine Frau im Durchschnitt zwischen 15 und 45 Jahren wegen ihrer Menstruation verwendet, aufeinanderstapeln, so ergäbe sich eine Höhe, die ungefähr der 700-fachen Höhe des Kölner Doms entspricht. Ganz grob gesagt wären es also 110.000 Meter.> Das wiederum sind 110 Kilometer, also eine Fahrtstrecke von Hamburg bis nach Bremen. Abgesehen von dieser massiven Belastung der Umwelt, macht es wenig Sinn, dass Frauen für einen Vorgang, dem wir alle unser Leben zu verdanken haben, ja der so natürlich ist, dass uns Mutter Natur in Form einer Majestät fast entgegenspringt, Geld zahlen. Es ist schlichtweg die Missachtung von geschlechtsspezifischen Unterschieden. Teils wird behauptet, dass Tampons wahrscheinlich gar umsonst wären, wären es die Männer, die menstruieren.

Frauen bezahlen für Tampons & Co., weil es der Gesetzgeber so will. Und dafür kann es nur einen Grund geben: Menstruationsprodukte werden nur von Frauen genutzt. Jetzt könnten Sie sich fragen: Warum zahlen Frauen mehr? Was bedeutet dieses mehr? 

Luxusartikel?!

In Deutschland gibt es zwei verschiedene Steuersätze der Mehrwertsteuer. Der erste ermäßigte Steuersatz von 7% wird auf Gegenstände erhoben, die zu Deckung des alltäglichen Bedarfs erforderlich sind und somit lebensnotwendige Güter sind, wie zum Beispiel unverarbeitete Lebensmittel. Der reguläre Steuersatz von 19% wird auf Dinge, die über das Erforderliche hinausgehen, erhoben und damit per Definition Luxus sind. So weit so gut, nur können Sie sich jetzt bestimmt denken, worauf das hinausläuft. Genau: Frauen zahlen für ihre Monatsprodukte mehr Mehrwertsteuer als die KäuferInnen von Schnittblumen, Wandgemälden oder Hundefutter. Tampons, Binden & Co. zählen also zu den Luxusartikeln. 

Diese fiskalische Diskriminierung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts macht schlichtweg keinen Sinn und ein Artikel des Grundgesetzes (Art. 3 Abs. 2 GG) schließt diese eigentlich auch aus. Der Tampon ist genau wie Ihr Lieblingsobst, ein notwendiges Produkt ohne das man nicht leben kann. Keine Frau kann sich der Benutzung verweigern, da das Blut sonst geradewegs in ihre Kleidung laufen würde. Sie ist darauf angewiesen. Nur kann sich nicht jede Frau Menstruationsprodukte leisten. 

Wie wäre es für den Menschen, der Leben überhaupt erst möglich macht, ein würdevolles, freies und sicheres Leben zu ermöglichen, wenn kein Geld für etwas verlangt wird, das selbstverständlich sein sollte? Wie wäre es, säßen Sie mit dem Telefonhörer am Ohr am Schreibtisch und wüssten, dass wenn Sie jetzt auf die Toilette gehen würden, dort ein Körbchen finden würden, das all die Produkte enthält, die Sie benötigen. Kleine Tampons, große Tampons, Binden, Slipeinlagen. All das sollte so selbstverständlich sein, wie das Klopapier, das selbst auf der noch so kleinsten und dreckigsten Toilette einer Raststätte (in den meisten Fällen) kostenlos für Sie zur Verfügung steht. Denn da genau liegt der Aspekt der Selbstverständlichkeit. Haben Sie jemals einen Menschen mit einer Rolle Toilettenpapier in der Handtasche getroffen, wenn er nicht gerade an einer extremen Angst davor, dass irgendwo keines vorhanden ist, leidet? Frauen haben in ihren Handtaschen Tampons und Binden, wie Taschentücher und Geldbeutel. 

Wahrscheinlich wäre es utopisch zu verlangen, dass sämtliche Menstruationsprodukte für die Frau kostenlos zur Verfügung stehen sollten. Es wäre schön und würdevoll, aber wird beim jetzigen Zustand unserer Gesellschaft nicht umgesetzt werden. Umso mehr sollte darauf bestanden werden, dass der Steuersatz für Menstruationsprodukte von 19% auf 7% gesenkt wird. Es geht dabei nicht nur um die Entlastung der Käuferinnen, sondern vielmehr auch um die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann. Denn eines ist sicher: Die Besteuerung der Menstruationsblutung ist ungerecht und vor allem ist die Periode kein Luxus. Ist sie für niemanden und wird sie auch niemals für irgendjemanden sein. 

_

Dieser Essay ist von Dessany. Geknüpft ist er an die Petition “Die Periode ist kein Luxus – senken Sie die Tamponsteuer!” (https://www.change.org/p/die-periode-ist-kein-luxus-senken-sie-die-tamponsteuer-starkwatzinger-bmfsfj).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.