Gastgedanken
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Das große Schissertum in mir

Und dann stehe ich da im Busch am Zaun, der mich nur noch vertikal zwei Meter vom Ziel trennt. Die Fahrräder hinter Glascontainern versteckt, unverschlossen, um im Notfall schnell wegdüsen zu können. Eine kurze Räuberleiter, beherzt rüberschwingen und ich wäre da. Doch genau dann fängt mein Gehirn an zu rattern. 

Was ist, wenn ich an dem Draht, welches am oberen Ende des Zaunes gespannt ist, verhake und dann runterfalle? 

Was ist, wenn Polizei genau in dem Moment auftaucht, wenn wir uns aller Klamotten entledigt haben und im weichen Chlorwasser des städtischen Schwimmbads treiben, im klaren Zeitnachteil und somit dem Schicksal ausgesetzt?

Was wären eigentlich die gesetzlichen Folgen unseres kleinen Einbruchs? Würde ich dann eventuell von der Uni geschmissen werden? Hätte es Auswirkungen auf zukünftige Jobs, wenn sowas im Strafregister steht? Würde es überhaupt in den Strafregister kommen?

Immer weiter spinnen sich meinen Gedanken und ein immer mulmigeres Gefühl macht sich in meinem Bauch breit, während meine Schwimmbad-Komplizen, einer nach dem anderen, sich ohne Furcht und Zweifel über den Zaun schwingen.

Diese Zweifel, die irrationale Angst, dass etwas gewaltig schieflaufen könnte und meine Gedanken einnimmt wie ein Parasit, habe ich oft. Und es frustriert mich so so sehr.

Denn eigentlich bin ich ein offener Mensch. Ich lache viel. Ich lerne gerne neue Leute kennen. Ich liebe Tanzen und Schauspielern, vor allem improvisiert. Also eigentlich alles Faktoren, die dafür sprechen würden, dass ich mich frei durch das Leben bewege.

Und dann kommen solche Situationen, in denen ich etwas wagen möchte, ein bisschen verrückt sein will, um die Freiheit meiner eigenen Jugend zu unterstreichen, um mal aus der Routine herauszukommen und dann erstarre ich einfach.

Ich will es doch, warum fällt es mir dann so schwer, es auch auszuführen? Wieso blocken mich meine Ängste so sehr? So viel kann ja gar nicht passieren. Bin ich wohl doch ein größerer Schisser als gedacht?

Aber Nein: Mein Schissertum siegt schlussendlich doch nicht. 

HA!

Durch die motivierenden Worte der Anderen wage ich mich nun doch noch über den Zaun. Zwar nicht besonders elegant, ich trete jemandem auf die Hand, der mir beim Hochstemmen helfen will, aber ich bin drüber!

GESCHAFFT!

Komplett entspannt bin ich jedoch immer noch nicht, suche mich nach besseren Fluchtmöglichkeiten um, während die letzten beiden ins wässrige Paradies klettern und lausche jedem Geräusch, dass ich erfassen kann.

Als wir uns dann ins Wasser wagen, trotz mitgebrachter Schwimmklamotten kollektiv fürs nächtliche Nacktschwimmen entscheiden, fallen mehr und mehr Zweifel von mir ab. 

Klar bin ich immer noch sehr vorsichtig, aber dieses Gefühl, in dieser Sommernacht mit diesen Menschen – von denen ich die Hälfte erst heute Abend bei einer Party kennengelernt habe – dieses Ereignis zu teilen, macht mich einfach glücklich.

So viel Freiheit und Übermut auf einem Fleck ist einfach wahnsinnig schön. Dafür liebe ich das Leben.

Und natürlich werden wir nicht erwischt. Als wir später wieder auf der anderen Seite ankommen, lachen wir alle befreit, als wir auf das große Loch schauen, welches wir durch unsere verrückte Aktion in der Hecke hinterlassen haben.

Die werden bestimmt niemals merken, dass in jener Nacht fünf verrückte Menschchen in ihr Schwimmbad eingebrochen sind …

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Donata (20), verbringt große Teile ihrer Abende mit Zartbitterschokolade-Krümeln und halb ausgetrunkenen Tees beim Filme schauen im Bett.

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