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Von der Problematik des Menschseins

1 WAS MAN HALT SO MACHT

Es ist 2019 und
man lebt so vor sich hin.

Man hört Musik, Musik, Musik, man postet Bilder auf Instagram, man geht feiern, man kifft, man tanzt, man arbeitet für kleines Geld, man studiert so nebenbei, man zweifelt – mal heimlich, mal lauter. Man jagt der Liebe hinterher, man regt sich über andere auf, man regt sich über sich selber auf, man sieht die Klimakatastrophe, aber ändert nichts an seinem Konsumverhalten: morgen, morgen, nur nicht heute! Man übernimmt Wörter und spuckt sie in falschen Kontexten wieder aus, man nennt Frauen „Fotzen“, das kann man – Achtung Reim – nämlich so gut auf die Straße rotzen, aber wer wird schon „Pimmel“ genannt? Eigentlich ja ein witziges Wort. Man nennt sehr weibliche, gefühlvolle Dinge/Menschen/Sätze „schwul“ und sanfte Popballaden sind „Mädchenmusik“. Man will alles dafür geben, erwachsen zu sein, aber bekommt nur SPRITE im Ouzoglas und Verantwortung übernimmt man nur ungern. Und Angst hat man auch.

Angst, „ich“ zu sagen, anstatt „man“.

Angst sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen zu können – wie denn auch? Man hängt sich an Luxusproblemen auf. Man ist nicht dünn genug, nicht dick genug, nicht hübsch genug. Wo sind denn da Brüste, wo sind da Muskeln, warum sind diese Haare nicht gekämmt und wieso trägt diese Person verdammt nochmal KEINE WEISSEN SNEAKER? SCHÖN sein, das ist wichtig. Zu sagen: „Es ist mir NICHT wichtig, wie du aussiehst“, ist AUCH wichtig. Wie passt das denn zusammen?

Im Alltagswirrwarr stellt sich mir die Frage:
Wie viel ist angeboren und wie viel (eingeimpftes) Gedankengut kann man bearbeiten, umformen, rausschmeißen? Und wo fängt man da am besten an?

2 ICH SAGEN

ICH hätte in der Einleitung fast jedes MAN durch ICH ersetzen können. Es ist auch eigentlich eine Anmaßung „Man“ zu schreiben, weil ich nicht für die Allgemeinheit sprechen kann. ICH weiß nicht, ob ihr manchmal Menschen als „Pimmel“ beleidigt. ICH weiß auch nicht, ob ihr Wert auf weiße Schuhe legt oder ob ihr im Restaurant schon mal ein Ouzoglas vor die Nase gestellt bekommen habt, in dem nur Sprite war.

ICH – ringring WHO DIS??

Allgemein weiß ICH so wenig, dass ich mich dafür schäme. Es gibt Menschen, die dumm sind. Es gibt Menschen, die schlau sind. Es gibt Menschen, die viel wissen und Menschen, die wenig wissen. Es gibt auch Menschen, die gar nicht mal so dumm sind und die Möglichkeit haben, sich zu informieren. Jeden Tag. In jeder Minute. Und das auch tun.

ICH tu’s nicht (oft genug). Ich hänge bei Instagram rum und lese schöne Gedichte und schaue mir analoge Fotos an und nebenbei höre ich Song nach Song nach Song bei Spotify. 2018 habe ich 60.000 Minuten Musik gehört und nebenbei oft gar nichts anderes getan, als zuzuhören. ICH wusste mal MEHR, aber mein Kopf ist löchrig wie ein altes Portemonnaie. ICH kann dir nicht sagen, was die Hauptstadt von Afghanistan ist. ICH kann’s aber nachgucken, innerhalb von 10 Sekunden.

3 THE WORLD THAT’S IN YOUR POCKET IS NOT THE WORLD

Kabul. Die Hauptstadt von Afghanistan ist Kabul. ICH muss mir nichts merken, zur Not gucke ich halt im Handy nach. ICH könnte nie diskutieren, weil ICH zu wenig weiß. Egal, ob es um die Abschaffung von §219a oder Flüchtlinge oder Trump oder AKKs Witz an Karneval geht – ich weiß zu wenig, um überhaupt je (fundiert) Stellung beziehen zu können. Dabei ist es doch das, was wir brauchen: Leute, die klar Stellung beziehen – mit Grund und Boden und nicht aufgrund von Vermutungen und Sätzen, die man mal irgendwo aufgeschnappt hat – bei Verwandten, Freunden, im Internet, am besten noch bei der BILD oder bei VICE (Kleine Randnotiz: Nahezu alles Interessante, was ich im Smalltalk raushaue, habe ich bei Vice gelesen).

ICH kann mir nichts merken, außer Songexte, zum Beispiel:

THE WORLD THAT’S IN YOUR POCKET IS NOT THE WORLD
THE WORLD IS THE ONE THAT LIES BEFORE YOUR FEET

von Tom Rosenthal. Hm schade, wenn all mein Wissen in meiner Hosentasche und nicht in meinem Kopf steckt. Wenn ein Großteil meiner sozialen Interaktion über WhatsApp, Instagram oder Facebook passiert. Ehrlich gesagt fühlt sich Social Media für mich wie ein interaktives Computerspiel an – ein bisschen so wie PACMAN. Ich sage meinem Avatar, wo er lang laufen muss, um genug LIKES zu bekommen. Mein Internet-Ich ist voll nett und offen und auch ein bisschen cool. Mein Social-Media-Ich hat außerdem sehr sicher nie Pickel und es schwitzt auch nicht.

4 DIE PROBLEMATIK DES MENSCHSEINS

ICH schwitze und ICH furze und ICH habe auch Pickel. Vor allem dann, wenn ich meine Tage kriege. „Meine Tage“ oder „Erdbeerwoche“ oder „Menstruation“ oder „Regel“ oder „Periode“ oder „auf der roten Welle surfen“, haha – REALLY? ICH muss feststellen, dass es mir irgendwie peinlich ist zu schreiben, dass ich einmal pro Monat AUS MEINER SCHEIDE BLUTE. So. Warum ist mir das unangenehm?

ICH habe gerade gegooglet, dass ungefähr genauso viele Frauen wie Männer auf der Welt leben (jetzt nur auf‘s biologische Geschlecht bezogen), das heißt: Die Hälfte der jetzigen Weltbevölkerung wird in ihrem Leben höchstwahrscheinlich auch aus ihrer Scheide bluten. AHA! Also ist das anscheinend ein Phänomen, das verbreitet auftritt. Da frag ich mich, wieso es trotzdem noch immer ein Tabuthema ist.

Übrigens nicht nur Menstruation. Auch über Masturbation spricht FRAU nicht. Vor einiger Zeit habe ich den Podcast „Beste Freundinnen“ gehört, in dem zwei Männer über „Männerzeug halt“ reden. Zwischen den beiden schien es kein Problem zu sein, darüber zu fachsimpeln, auf welche Art und Weise man sich am besten einen runterholt – in der Dusche sei das ja schon praktisch, man müsse später nicht sauber machen, aber es dauere auch länger. Zum Beispiel. Ich kann mich nicht daran erinnern, mit irgendeiner Freundin auch nur privat im Detail über Masturbation gesprochen zu haben. Aber jetzt schnell weiter zum nächsten Thema, hier merk ich nämlich schon wieder eine Schranke in meinem Kopf, auf der steht: Du kannst doch nicht auf diesem Blog über Masturbation schreiben OMG!!!

Auch eine Frage, die ich mir häufig stelle: Warum fühle ich mich unwohl, wenn ich drei, vier Wochen, vielleicht sogar die ganzen Wintermonate lang (ist natürlich nur ‘ne Hyperbel, na klar) NICHT MEINE BEINE RASIERT habe. Ist das so, weil ich das selbst unschön finde ODER weil mir die GESELLSCHAFT das EINGETRICHTERT hat. Ich muss ehrlich sagen, dass ich das für mich gar nicht so richtig trennen kann: MEIN Gedankengut und das, was wie selbstverständlich zu meinem Gedankengut gemacht wurde, weil ich nun mal aufwachse, wo ich aufwachse.

Es gibt noch viel mehr Konventionen, die in unseren, ja okay in MEINEM Gehirn feststecken, gerade was Geschlechterzuschreibungen angeht. Zum Beispiel: Rosa ist eine Mädchenfarbe – ist ja klar und Blau ist eher für die Jungs da.

ODER: Frauen müssen immer schön sein. Aber gleichzeitig auch: wenn Frauen viel Wert auf ihr Äußeres legen, dann müssen sie damit vermutlich irgendetwas kompensieren. Im letzten Semester hatte ich ein Seminar, an dem nur knapp 10 Studierende teilgenommen haben und eine von ihnen war jede Woche extrem geschminkt. Sie hatte zart rosa glänzende Lippen, sehr, sehr lange Wimpern, geschmeidige, glatte Haare, und makellose Make-Up Haut. Ich kann mich nicht daran erinnern, explizit gedacht zu haben: „Hui, wenn sie sich so auftakelt (gutes Wort oder?), dann ist sie bestimmt dumm.“ Aber ich weiß, dass ich überrascht war, als sich herausgestellt hat, wie schlau/intelligent/klug/ belesen/interessiert etc. pp. sie ist. WIESO?

ICH möchte, dass Menschen mich nicht auf mein Äußeres reduzieren und dann mache ich das scheinbar unterbewusst selbst, wahrscheinlich macht das jeder, ja, ich denke, es ist normal, dass einem solche Gedanken irgendwo im Kopf herumfliegen. ABER

 es ist wichtig, nach ihnen zu greifen und sie anzuleinen.  

Gastgedanken von Clara. Sie ist 21 Jahre alt und studiert im zweiten Semester Literatur- und Kulturwissenschaften an der TU Dortmund.

1 Kommentare

  1. Donata sagt

    Danke Clara, für den offenen und entwaffnend ehrlichen Einblick in dein Gedanken-WirrWarr. Es is so beruhigend zu sehen, dass man mit solchen überschlagenden Gedanken nicht die Einzige ist hier auf diesem doch wundervollen Planeten 🙂

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