Selbst & Inszenierung
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Ich bleib’ übrig

Übrigbleiben klingt erstmal ziemlich scheiße. Ich bleib’ übrig. Ich bin das, was nirgendwo reinpasst, verlassen oder aussortiert wurde. Ich bin das, was noch da ist, wenn alles anderen geht. Bin ich mein eigener Fels in der Brandung? Bin ich die Person, an der ich mich festhalten sollte, wenn die Dinge den Bach hinuntergehen – geht das überhaupt? Und ist das egoistisch?
Ein kleines Donnerstagabend-Gedankenwirrwarr.

Am Dienstag habe ich fast drei Stunden in einem Wartezimmer verbracht. Es war spät und mein Fuß hat gepocht. Aber ich habe mich entschieden, hierher zu kommen. Neben mir sitzt ein Paar, die Frau hat sich am Rücken verletzt, der Mann gießt Wasser in einen Plastikbecher und reicht ihn ihr. Gegenüber von mir sitzen zwei Freunde, der eine am Arm verletzt, der andere kümmert sich um Krankenkarte und Unterschriften. Auf einmal fällt mir auf: Nur du bist hier ganz allein. Da ist niemand, der dir gerade hilft. Irgendwie kommen mir sofort die Tränen, wahrscheinlich weil mich dieser Gedanke so plötzlich erwischt und weil ich vorher überhaupt nicht daran gedacht habe. Denn will ich wirklich Mitleid, weil ich hier allein sitze? Nein. Da ist einfach niemand, der hier mit mir sitzt. Das ist schon okay und das will ich auch von niemandem verlangen.
Ich brauche niemanden, der sich um mich kümmert. Manchmal vielleicht. Aber ich will nicht, dass das mein einziger Weg ist, Dinge anzugehen: Immer jemand anderen dafür zu brauchen, etwas mit mir zusammen durchzustehen.

Es ist der 9. August 2018 und mein Vater stirbt. Ein Mensch, dem ich immer vieles abgegeben habe. Der mich gestützt hat und auf den ich fallen konnte, wenn ich gefallen bin. Der mir das Laufen überhaupt erst beigebracht hat. Auf einmal war alles anders und auf einmal musste ich Aufgaben bewältigen, die ich bis dahin immer getrost abgeben konnte: Möbel aufbauen, Sachen anschrauben, mich mit Verträgen und Bank-Geschichten befassen, mit dem Zug in die Heimat fahren anstatt mit dem Auto mitgenommen zu werden. Kleinigkeiten und große Sachen.
Ich will das jetzt alles selber können. Ich will nicht irgendwen anrufen müssen, um etwas hinzukriegen. Ich will mir das selbst beibringen. Und es fühlt sich gut an, das alles im Griff zu haben. Oder sich Hilfe zu suchen, wenn’s mal irgendwo hakt, aber den Großteil allein hinzukriegen.

Menschen kommen und gehen. Das ist das Schöne, aber auch das Schreckliche an ihnen. Alle Menschen begleiten dich nur für eine gewisse Zeit – manche länger, manche weniger lang. Wenige dein ganzes Leben. Manchmal ist nicht einmal abzusehen, wie viel Zeit du mit einer Person bekommst. Irgendwann stehst du vor dem, was gewesen ist und kannst die Zeit nicht zurückdrehen. 

Neulich hatte ich diese Realisation auch in der Uni. Denn auch diese Situation ist temporär, so schön sie auch sein mag. Von all den Menschen, mit denen ich hier täglich zutun habe, mit denen ich auch gern rumhänge oder mich unterhalten –  wieviele bleiben davon? Was ist, wenn ich meinen Abschluss mache? Wen kenne ich in 5 Jahren noch?
Es ist irgendwie verrückt, dass eigentlich alles immer nur auf Zeit ist. Wahrscheinlich weil wir in Märchen immer von bis ans Lebensende erzählt bekommen haben und weil in Filmen alles aufhört, wenn die Krise überwunden und alle happy sind.

Jedes Mal, wenn ich umgezogen bin, stand ich wieder allein da. Niemand, den ich kannte, war dort, wo ich war: Ich und die Anderen. Ich und die neue Situation. Ich und die Hürden. Ich und die Dinge und Menschen, denen ich mich stellen muss. Jedes Mal war es schwer, aber mit jedem Mal wurde es auch leichter. Mit Freunden aus der Schule oder von anderen Stationen auf meinem Weg habe ich nur noch ab und zu Kontakt. Dann, wenn wir zufälligerweise mal in derselben Stadt sind und uns stundenlang auf den neusten Stand bringen. Die Leute, mit denen ich tagtäglich zutun habe sind die, die mich auch umgeben. Aber mein Umfeld wandelt sich ständig und die einzige Person, die bleibt, bin ich.

Ich will trotzdem verletzlich sein, nicht zu einer Statue verhärten, die nichts und niemanden an sich ranlässt – Ich will vor allem meine Unabhängigkeit, eine Distanz zu anderen wahren und mit damit glücklich sein. Ich will nicht abhängig sein, von Dingen, von Menschen, von Situationen, die mich an einen Menschen fesseln, der ich mal gewesen bin. Ich will mich verändern können und mir den Raum dafür nehmen können, aber auch anderen diesen Raum geben und deren Veränderung zulassen und akzeptieren. Ich will mit dem zufrieden sein, was ich gerade in diesem Moment in meinem Leben habe. Alles andere ist nämlich entweder nur eine Erinnerung oder ein vages Bild von etwas, das ich mir in Zukunft vorstelle.

Ich bleibe übrig und das ist in Ordnung. Das beweist sich in vielen Situationen im Leben und ist nichts, wofür ich – oder irgendwer sonst – Mitleid bekommen sollte. Denn am Ende des Tages möchte ich mir selbst auf die Schulter klopfen und mir you did that! sagen können.

Die Situationen, die ich allein meistere, die Dinge, die ich mit mir selbst ausgemacht habe, machen mich genauso aus wie die Menschen, die mein Leben beeinflusst haben und die mich auf meinem Weg begleiten.

Ich mag es, jemanden auf dem Beifahrersitz zu wissen, aber ich möchte trotzdem am Steuer bleiben.

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Gedanken & Beitragsbild von Imina.

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