Allgemein
Schreibe einen Kommentar

An alle, die manchmal verdrängen

Manchmal verdränge ich
meine Verpflichtungen,
Dinge, die mir Sorgen bereiten,
die anstehende Bewerbungsphase,
die Fahrprüfung, durch die ich nicht noch einmal fallen will,
dass ich mich wieder bei dieser Person melden müsste, weil alles beim Alten bleiben sollte, obwohl jetzt irgendwie alles anders ist.

Verdrängen heißt, Dinge von sich zu schieben. Es ist der Versuch, der Konfrontation mit bestimmten Tatsachen aus dem Weg zu gehen. Indem ich verdränge, schiebe ich all diese Dinge vor mir her, prokrastiniere.  Zumindest sehe ich das oft so und mache mir deswegen Vorwürfe. Doch eigentlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Ich bin immer wieder erleichtert, wenn mir das auffällt und traurig, dass mir das immer wieder neu auffallen muss:

“Ich sollte nicht so hart zu mir sein”, denke ich in so einem „klaren“ Moment. Denn irgendwie hat das Verdrängen noch einen anderen Zweck, irgendwie ist es auch ein Schutzmechanismus, der mich vor dem Abrutschen in eine sinnlose Gedankenspirale bewahrt, in die ich sonst immer tiefer rutschen würde. Viel zu oft merke ich im Alltag, in irgendeinem beliebigen Moment wie Jetzt, dass ich mich gedanklich mit dem auseinandersetze, was mir Sorgen bereitet und mir ein schlechtes Gefühl gibt, mich oft sogar von positiven Dingen ablenkt.

Jetzt lese ich ein wahnsinnig interessantes Buch und plötzlich – ich kann meist überhaupt nicht sagen wodurch – fällt mir etwas ein, dass mich belastet und stresst. Es ist, als würde mein Kopf sich selbstständig machen, um mich von der Lektüre dieses guten Buchs abzulenken. Und schon rutsche ich aus und beginne in die Spirale zu fallen.

Jetzt mache ich ein gemütliches Picknick mit meinen Freuden, wir lachen viel, unterhalten uns gut, das Essen ist lecker. Auf einmal spüre ich ein kleines Stechen im Bauch. In meinem Kopf sind völlig grundlos wieder meine Sorgen präsent. Das Stechen in meinem Bauch wird zu einem Sog. Die Gedankenspirale hat mich wieder.

Irgendwann komme ich glücklicherweise meistens an den Punkt, an dem ich mir sage, dass es reicht. Es ist in den wenigsten Fällen leicht, aus der Spirale zu kommen, doch wenn ich es geschafft habe, beginne ich zu verdrängen. Und an dieser Stelle hört das Verdrängen auf, etwas Negatives zu sein.

Ein schlechtes Gewissen zu haben, weil man während eines schönen Erlebnisses noch belastende Aufgaben auf der To-Do-Liste stehen hat, ergibt überhaupt keinen Sinn. Man kann nicht ständig mit der Abarbeitung dieser Liste beschäftigt sein und das muss man auch gar nicht. Schöne Momente sind dazu da Kraft zu tanken und die Energiespeicher zu füllen. Das geht nur, wenn man die negativen Dinge einmal von sich schiebt und sie völlig verdrängt. Es ist also oft nichts Verwerfliches zu verdrängen, sondern etwas sehr wichtiges.

Irgendwann muss ich mal wieder mit dem Verdrängen pausieren,
doch Jetzt muss es nicht sein.
Vielleicht vergesse ich diesmal nicht, dass es zu so vielen Jetzts nicht sein muss.

Gastgedanken von Annabel. Sie ist 18 Jahre alt, hat gerade ihr Abitur gemacht und steht nun vor der Entscheidung, wie es in ihrem zukünftigem Leben weitergehen soll, was ihr nicht wenige Sorgen bereitet und oft genug die Kunst des Verdrängens (ohne schlechtes Gewissen) erfordert. Sie philosophiert und schreibt jedoch schon seit vielen Jahren leidenschaftlich gern über das Leben und alles, was dazu gehört.

Das Beitragsbild ist von Nora.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.