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Macht unsere Welt nicht kaputt – Europawahl

Stell dir vor, wie du wegzoomst. Immer weiter weg von dir selber, als würdest du dich selbst in den Aufnahmen einer Drohne sehen. Zuerst siehst du deine Straße. Zwei Männer laufen Hand in Hand um die Ecke vorne an der Kreuzung. Du zoomst weiter. Ein paar Blocks weiter freut sich ein Mann über seinen Kontostand, endlich bekommt er Geld vom Staat, weil er im Moment aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten kann. In einem anderen Stadtteil wird demonstriert. Jeder darf sagen, was er zu sagen hat.

Auf einem Plakat steht, macht unsere Welt nicht kaputt.

Du zoomst weiter weg. Du zoomst über die Grenzen deines Landes hinweg.

Da werden zwei schwule Männer in Italien diskriminiert, weil sie ihre Lebenspartnerschaft nicht eintragen lassen dürfen. In Griechenland kämpft eine alleinerziehende Mutter ständig gegen die Armut. Sie wünscht sich, dass ihre Kinder ein Teil der Gesellschaft werden können, dass sie dazugehören können. Dein Blick schweift über Ungarn, wo unter den wachenden Augen Viktor Orbans alle Angst haben, etwas Falsches zu sagen.

Du zoomst hin und her, du siehst weinende und lachende Gesichter. Du siehst das Leben. Und dir fällt auf, dass eigentlich alle das Selbe machen. Menschen arbeiten. Kinder spielen auf den Straßen. Manche Städte sind schöner als andere. Manche Orte reicher als die anderen. Aber die Menschen, die man umherlaufen sieht, fühlen dasselbe. Dir fällt außerdem auf, dass einige Menschen im Süden Europas in praller Sonne auf dem Feld arbeiten. In London dagegen siehst du Geschäftsmänner, die sich mit einem Starbucks in der Hand zur Arbeit kutschieren lassen.

Macht unsere Welt nicht kaputt.

Du erkennst auf einmal Europa. Du überblickst den Kontinent und verstehst, worum es geht. Es geht um Ungerechtigkeit, obwohl wir alle Europäer sind. Es wäre schön, auf der ganzen Welt Gerechtigkeit zu schaffen. Aber wie soll das gehen, wenn es nicht mal die Länder in Europa schaffen, zusammenzuhalten.

Weißt du noch, wie vor vier Jahren all die Menschen zu uns kamen? Sie kamen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Irak. Diese Menschen hatten Angst, weil sie in ihren Heimatländern nicht sicher waren. Wir haben viele von ihnen in Deutschland aufgenommen. Andere Länder in Europa haben das nicht getan. Italien und Malta verweigerten den Seenotrettungsschiffen in ihren Häfen anzulegen. Also sind tausende von Menschen gestorben.

In dieser Zeit wurden die rechten Parteien stärker und stärker, in jedem europäischen Land.

Auf dem Plakat stand, macht unsere Welt nicht kaputt. Macht der Hass der Menschen unsere Welt kaputt? Warum wollen Einige nationale Grenzen und nationale Kontrolle darüber, wer über diese nationalen Grenzen tritt. Warum Europa, wenn nichts hier einheitlich zugeht. Warum spielen die Länder sich gegenseitig aus, statt gemeinsam zu arbeiten.

Macht es unsere Welt kaputt, wenn in jedem Land auf unserem Kontinent andere Standards für den Klimaschutz gelten? Wir müssen alle darauf achten, dass weniger CO2 ausgestoßen wird. Wir fahren mit unseren Autos, über unsere Grenzen und verschmutzen die Luft dabei international. Deshalb muss es auch internationale Regelung geben, welche die Verschmutzung begrenzen.

Wenn du einkaufen gehst, dann kommen deine Lebensmittel aus aller Welt. Vielleicht bist du Vegetarier oder lebst vegan und dir ist wichtig, was du isst. Du kannst dir nie sicher sein, ob das was du kaufst, wirklich das ist, was es sein soll. Wäre es nicht schön, wenn man sich zu mindestens sicher darüber sein könnte, dass das Gemüse und Obst in Europa nicht gentechnisch verändert wird? Bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir schon sehr regional einkaufen gehen, wenn wir uns über die Qualität der Lebensmittel bewusst sein wollen. Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen sollte in ganz Europa reguliert werden. Genau so verhält es sich mit der Massentierhaltung. Wenn die 47 Staaten in Europa alle individuelle Regelungen haben, dann wird das doch alles nichts.

Auf dem Plakat stand, macht unsere Welt nicht kaputt.

Und jetzt bist du gefragt. Wir leben gut in Deutschland. Wir bekommen nicht so recht mit, was da oben in der Politik passiert, das scheint so weit weg. Ich hab mein Essen, ich hab mein Zuhause und ich hab Spaß. Bist du schon einmal auf einer „Fridays for Future“-Demo gewesen? Und weißt du, warum du da warst?

Diese Welt dreht sich schnell und immer schneller und wer weiß, was passiert, wenn einfach alle so weiter machen, wie bisher. Europa ist vielleicht nicht die Rettung, aber eine Rettung. Wenn alle kleinen Länder sich zusammenschließen, dann wird daraus was Großes.

Gemeinsam ist man stark. Am 26.5.2019 ist Europawahl.

Du kennst sicher die Politiker, die in deinem Wahlkreis kandidieren. Vielleicht fährst du manchmal mit dem Bus an den Plakaten vorbei, die vor der Wahl in deiner Stadt aushängen. Du kennst wahrscheinlich auch ein paar Politiker aus dem Bundestag, weil sie oft im Fernsehen reden. Die Leute, die im europäischen Parlament sitzen, die kennt man nicht. Die sitzen ganz in Straßburg, die hört und sieht man Nirgendwo, die gibt es quasi nicht. Es ist viel interessanter, wenn es Gesichter zu Inhalten gibt, wenn Politik doch sowieso schon so langweilig ist.

Aber das, was da passiert im Europäischen Parlament, das ist wichtig für dich. Du willst doch auf einem Kontinent leben, der bunt ist, weltoffen und freundlich. Auf einem Kontinent, wo über die Grenzen hinweg getanzt wird. Ein Kontinent, auf dem jeder glücklich sein kann.

Diese Europawahl ist so wichtig. Nach dieser Wahl könnten zwei Viertel der Sitze im Europäischen Parlament an die rechten Parteien gehen. Das würde bedeuten, dass es kalt wird in Europa. Dann wird nicht mehr so viel getanzt und vor allem nicht gemeinsam. Es reicht schon, dass diese Parteien national so stark sind. Aber, alleine ist man schwächer als zusammen. Deshalb darf der rechte Hass auf keinen Fall international an Kraft gewinnen.

Im folgenden Absatz werde ich dir kurz erläutern, wie du wählst:

Um wählen zu können, muss man derzeit in Deutschland 18 Jahre alt sein. Es wird im Moment aber darüber debattiert, ob junge Menschen in Zukunft ab 16 Jahren wählen dürfen. Wenn du jetzt nicht wählen kannst, dann vielleicht in fünf Jahren, denn die Europawahl findet alle fünf Jahre statt. Du findest auf dem Wahlzettel anders als bei der Bundestagswahl, keine Namen von Kandidaten. Die meisten von den Spitzenkandidaten im europäischen Parlament kennt man allerdings, wie schon erwähnt, sowieso nicht. Dafür kannst du eine von 41 Parteien ankreuzen. Das ist viel, ich weiß. Wenn du wissen willst, welche Partei deine Interessen vertritt, kannst du den Wahl-O-Mat zu Europawahl ausprobieren. Einfach bei Google eingeben und testen, das geht schnell und du bekommst einen ersten Überblick über die Parteien. Wichtig ist, dass du weißt, dass die Wahl nicht schwer ist. Es wird nicht von dir erwartet, dass du etwas von Politik verstehst. Aber das bedeutet nicht, dass es egal ist, ob du wählen gehst.

Du bist Europäer. Egal, ob dich alles Politische total ankotzt, trotzdem, du bist und bleibst Europäer.

Und du lebst das, was bei Wahlen beschlossen wird. Du lebst unter dieser europäischen Regierung, jeden Tag. Und bis jetzt geht es dir gut damit, weil bis jetzt alles soweit gut ist. Jetzt wird über die nächsten fünf Jahre entschieden. Und es ist wichtig, dass richtig entschieden wird.

Du weißt: Macht unsere Welt nicht kaputt, steht auf dem Plakat. Das hielt ein kleines Mädchen beieiner „Fridays for Future“-Demo hoch in die Luft. Es ist ihre Zukunft. Es ist eure Zukunft.

Du bist Europa. Wir alle sind eins.

Würdest du deinen nationalen Ausweis gegen einen Europäischen Ausweis eintauschen? Ich würde das tun. Ich will mit noch mehr Menschen verbunden sein, ihre Kulturen kennenlernen und mit ihnen zusammen etwas erreichen. Jeder junge Europäer sollte ein günstiges Interrailticket bekommen. Stell dir vor, du kannst die Vielfalt von Europa kennenlernen. Vielleicht sogar bevor du 18 Jahre alt bist und wählen darfst. Den Menschen muss Europa wieder näher gebracht werden. Grade den Jüngeren muss klar sein, dass sie Europäer sind und dass das etwas bedeutet. Europa kann etwas bewegen, auf der ganzen Welt. Europa ist wichtig, für alle anderen Kontinente. Europa muss bleiben, wie es ist und noch besser und stabiler werden.

Zoom nicht mehr zurück. Bleib hier und hab alles im Blick. An der nächsten Ecke laufen zwei Männer Hand in Hand. An der nächsten Ecke sind alle glücklich, ein paar Blocks weiter ist das vielleicht schon ganz anders.

Lieb, wen du lieben willst. Wäre es nicht schön, wenn ganz Europa sich lieben und respektieren könnte?

Zoom nicht mehr zurück und mach dein Kreuz. Am 26.Mai ist Europawahl.

Dieser wichtige Text zur Europawahl ist von Like. Sie ist 22 Jahre alt. Sie studiert Philosophie und Politik. Like beschäftigt sich auch sonst gerne in Texten mit dem “Über das Leben philosophieren”. Und damit, wie es ist, ein Teil von dieser Welt zu sein. In Gedanken darüber, entstand auch dieser Text. 

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