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Wenn weniger mehr ist

In einer Gesellschaft wie der heutigen, ist es ein Leichtes, sich in Perfektion zu verlieren. Wie oft verpasste ich eine Party und lernte stattdessen die halbe Nacht panisch durch. Ernährte mich von Kaffee, um noch 20 Seiten mehr in meinem Gedächtnis auf der Abruftaste zu speichern und den Inhalt nach der Klausur sofort wieder zu vergessen. Oder wie oft scrollte ich durch meinen Instagram-Account, auf der Suche nach noch mehr Perfektion. Es müssen unzählige Stunden gewesen sein.

Ich habe schon als Kind dazu geneigt, mich mit anderen zu vergleichen. Verspürte diesen bitteren Stich in der Brust, wenn eine meiner Freundinnen Klassenbeste wurde. Nicht, dass ich ihr nicht gegönnt hätte, in gewisser Weise freute ich mich jedes Mal für sie und verspürte dennoch zeitgleich diesen Stich.

Als ich älter wurde, waren gute Noten meine Sucht. Denn hatte ich Erfolg in der Schule, war da dieser anerkennende Blick meiner Lehrer, der Stolz meiner Eltern und dieses Gefühl, das mich so voll und ganz ausfüllte. Das Gefühl, das man nur dann verspürt, wenn man unendlich viel Arbeit und Mühe in etwas gesteckt hat und es sich dann auszahlt. Man spürt, dass sich all der Fleiß gelohnt hat. Ein wunderbares Gefühl, von dem ich gar nicht mehr bekommen konnte. Ähnlich war es, beim Theater auf der Bühne zu stehen und nach Monaten der Proben den tosenden Applaus des Publikums zu hören. Der Moment, beim Wettkampf als erste über die Ziellinie zu laufen. 

Anerkennung. Wahrgenommen werden. Und für einen kurzen Moment glauben, man habe so etwas wie Perfektion erreicht.

Was mich hierbei immer antrieb, war der Gedanke, dass man mit Fleiß alles erreichen könnte. Dass sich alles dadurch ausgleichen und letztlich auszahlen würde.

Der folgende Moment im Leben, war wohl unausweichlich, unumgänglich. Ich fiel auf die Nase – herab von meiner rosaroten Wolke, auf den Boden der Tatsachen. Denn es gibt eben auch Momente, in denen Fleiß sich nicht auszahlt, mein Streben nach Perfektion dadurch nicht gestillt wird. Phasen, in denen ich stundenlang lernte, alles verstanden hatte und letztlich ein ganz anderes Prüfungsformat drankam. Darauf war ich nicht vorbereitet. Niemand war das. Und zugleich war all der Fleiß in meinen Augen umsonst gewesen. Denn was hatte mir der Erwerb neuen Wissens schon gebracht, wenn ich die Prüfung wiederholen musste.

Erstmals geriet ich aufgrund meines perfektionistischen Denkens erstmals so richtig ins Straucheln. Der Kommentar meines Dozenten zur verhauenen Klausur: „Vielleicht sollten Sie sich beim nächsten Mal einfach weniger unter Druck setzen.“ Der Moment, in dem ich feststellte, dass man den Fehler zwar zuerst immer bei sich suchen sollte, er aber nicht zwangsweise mit Faulheit und Zu-wenig-getan-haben zusammenhängt.

Es mag übertrieben klingen, aber diese verhauene Prüfung brachte mich aus der Bahn. Und war zugleich eine Art Erwachen. Denn erstmals wurde mir bewusst, wie ungesund mein Streben nach Perfektion und Anerkennung war. Bin ich weniger wert, weil ich durch eine Prüfung gefallen bin? Nein, ganz sicher nicht. Mögen mich meine Freunde und Familie deshalb weniger? Ebenfalls nein. Sprich, was ist das Schlimmste, was passieren kann? Die Prüfung zu wiederholen. Und zugleich zu erkennen, dass Perfektion nicht alles ist. Viel eher ein Trugbild, dem man, obwohl man sich seiner illusorischen Wirkung längst bewusst ist, so gerne hinterherrennt.

Beim zweiten Versuch lernte ich deutlich weniger für die Klausur. Und bestand sie.

Seitdem bin ich allen Instagram-Kanälen, die ein ungutes Gefühl in mir auslösen, entfolgt. Schreibe seltener To-Do-Listen und gehe auf mehr Partys statt die Nacht lernend zu verbringen. Denn manchmal ist weniger eben doch mehr. Und zugleich eine Form der Anerkennung, weil ich jetzt auf mich selbst achte, statt mich mit anderen zu vergleichen. Immer noch ehrgeizig bin, aber das Wort „perfekt“ aus meinem Wortschatz gestrichen habe. Dafür musste ich jedoch erst einmal hinfallen.

Gastgedanken von Franzi. Franzi ist 21 Jahre alt und studiert eine Mischung aus Französisch, Politik und Kultur. Hochgradig kaffeesüchtig und vom Dauerfernweh befallen, liebt sie es, über das Leben zu philosophieren und sich zu viele Gedanken zu machen.

Das Beitragsbild ist von Nora.

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