Gastgedanken
Schreibe einen Kommentar

Eine Dosis geballter Stress

Ich muss. Ich muss Dies und ich muss Das. Ich muss können. Ich muss sein.

Ich muss dir zeigen, dass ich das kann. Ich muss Das schaffen. Im Chaos meines Kopfes bin ich in Muss-Sätzen gefangen. Und dann fange ich an. Ich lese Texte, schreibe Protokolle und gehe Folien von Vorlesungen durch. Ich tue das so lang, bis mein Kopf vibriert, bis die Buchstaben auf dem Bildschirm verschwimmen, bis ich keine Luft mehr bekomme. Ich muss doch eigentlich weiter machen. Ich stehe auf, laufe leicht benommen durch den Raum. Leg mich kurz aufs Bett. Ich muss atmen. Ich muss runterfahren. Ich weine. In dem ganzen Chaos meines Kopfes vergesse ich, was mich glücklich macht.

Und ganz rational gedacht, muss ich das alles gar nicht tun, woher kommt nur dieser Druck? Woher kommt dieses Gefühl, dass ich das alles nicht schaff, wenn ich nicht die ganze Zeit mach.

Jetzt bin ich drauf.

Das hier ist ein Rausch. Die Dosis geballter Stress katapultiert mich auf eine Fahrbahn, auf der ich beschleunige und immer schneller fahre. Ich muss immer mehr. Ich muss laufen gehen, jeden Tag. Das schaff ich, das quetsche ich in meinen Tag. Ich muss ein soziales Leben führen, verdammt, das macht mir doch eigentlich auch Spaß. Ich hab mich total verrannt. Ich bin schon zu schnell, ich übersehe alle Anderen, das ist der Rausch in meinem Kopf. Ich bin nur in meinem Kopf, meine eigene Welt. Und dann verliere ich die Kontrolle und knalle einfach gegen einen Baum. Ich überschlage mich. Und dann merke ich, dass ich mich verfahren hab, während ich da unter den Trümmern meiner Selbst liege.

Wenn ich einmal drauf bin auf der Bahn, dann komme ich nicht so schnell wieder runter. Ich übersehe jede Abbiegung. Jede dieser Abbiegungen sollte ich nehmen. Sie sind da, überall. Ich fahre weiter grade aus und alles was ich tue, tue ich aus Stress. Nichts passiert mehr, aus einer Ruhe und Gelassenheit heraus. Das ist wie in einem Computerspiel, in dem absolut hektische Musik läuft, während der Spieler im Tunnelblick durch diese imaginäre Welt läuft. So fühl ich mich.

Meine Welt gibt es auch nicht. Die existiert in meinem Kopf. Ich nehme alles um ich herum so wahr, wie mein Kopf es mich wahrnehmen lässt. Verzerrt. Ich denke über alles nach. Über Dinge, die einfach passieren. Über Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Ich denke während ich unter Leuten bin darüber nach, dass ich jetzt Spaß haben muss. Anstatt einfach loszulassen und Spaß zu haben, das war doch nie ein Muss. Ich versuche mein eigenes Leben immer mehr zu kontrollieren. Ich versuche bewusst immer schneller zu fahren, aber ich merke viel zu spät, wie offensichtlich unglücklich mich das macht.

Ich mag Abbiegungen. Ich mag spontan sein. Ich mag Menschen, mit denen ich reden, lachen und Spaß haben kann. Ich mag das Leben bei Tag und bei Nacht. Ich mag die Sonne und alle anderen Lichter. Ich mag tanzen. Ich mag laufen, schnell, aber nur, weil ich’s kann, nicht, weil ich’s muss. Ich mag das alles so sehr. Frei sein. Spaß haben. Glücklich sein. Sich irgendwie mal gehen lassen.

Ich will auf der richtigen Bahn sein. Auf der richtigen Bahn kann man nicht alles kontrollieren, die hat Biegungen und Wendungen, Kurven uns Kreuzungen und das ist okay.

Ich liege in der Sonne. Über mir die blühende Krone eines Baumes. Ganz weit oben fliegt ein Flugzeug, wohin auch immer. Die Wolken sind Bilder. Ich schließe die Augen und spüre die Sonne. Meine Hände berühren das Gras. Ich höre das Lachen von den Anderen. Diese Nacht wird sicher lang. Es ist Sommer. Die Zeit ist endlos. Ich kann in diesem Moment Frieden schließen. Ich bin anwesend in diesem Moment. Ich lebe den Augenblick, ganz präsent. Ich ziehe mich nicht zurück und verschwinde nicht in meinem Kopf.

Ich darf, aber ich muss Nichts.

Gastgedanken von Like. Sie ist 22 Jahre alt. Sie studiert Philosophie und Politik. Like beschäftigt sich auch sonst gerne in Texten mit dem “Über das Leben philosophieren”. Und damit, wie es ist, ein Teil von dieser Welt zu sein. In Gedanken darüber, entstand auch dieser Text. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.